Wohnen im Alter: Pflegeheim muss nicht sein

Das Bedürfnis nach einem vertrauten und damit Sicherheit gebenden Umfeld wird im Alter immer größer. Möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben zu können, ist für viele Senioren daher sehr wichtig. Doch es ist noch lange keine Selbstverständlichkeit, dass Menschen im Alter zuhause wohnen bleiben können. Viel zu oft sind Wohnungen nämlich nicht auf ihre Bedürfnisse abgestimmt.

01.02.2016

 
Foto: Seniorenpaar wirft einen Blick auf einen Designentwurf einer Wohnung; Copyright: panthermedia.net/Feverpitch

Eine ideale Wohnung ist auf altersspezifische Bedürfnisse angepasst; © panthermedia.net/Feverpitch

Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK ergab 2015, dass etwa zwei Drittel der Befragten die eigene Wohnsituation als nicht altersgemäß einschätzen. Doch die wenigsten würden freiwillig aus den eigenen vier Wänden in ein Pflegeheim umziehen wollen. Dies ist für viele erst dann eine Option, wenn es gar nicht mehr anders geht und sie damit Freunde und Familie entlasten.

"Niemand muss ins Heim"

Die Bundesinitiative Daheim statt Heim ist der Ansicht, dass sowohl Menschen mit Behinderung als auch ältere Menschen grundsätzlich die Möglichkeit haben müssen, frei zu entscheiden, wo und wie sie leben möchten – eine Garantie, dass Betroffene ihr Wohnumfeld frei wählen können. Damit stimmt sie auch mit einer der zentralen Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) überein.

Die Bundesinitiative fordert daher unter anderem einen flächendeckenden Ausbau ambulanter Dienstleistungen und Strukturen sowie einen Baustopp für neue Heime und den Abbau bestehender Heimplätze.

Foto: Silvia Schmidt; Copyright: Daheim statt Heim

Silvia Schmidt; © Daheim statt Heim

"Niemand muss ins Heim! Heime engen die Selbstbestimmung ein und verhindern ein Leben in Würde. Niemand möchte vorgeschrieben bekommen, wann er zu essen oder ins Bett zu gehen hat", sagt Silvia Schmidt, die Initiatorin von Daheim statt Heim auf der Webseite der Bundesinitiative. "Anstatt zuzulassen, dass immer mehr Menschen mit der Angst vor Unterversorgung und Vereinsamung ins Heim ziehen, wollen wir Alternativen und Möglichkeiten fördern, Pflege in der gewohnten Umgebung daheim zu bekommen. Dafür brauchen wir Barrierefreiheit, gute Pflege und Assistenz."

Der Grundsatz "Daheim statt Heim" solle daher auf allen Ebenen der Gesetzgebung und Verwaltungspraxis verwirklicht werden. Denn nur so könne ein selbstbestimmtes Leben im Alter ermöglicht werden. Besonders wichtig an dieser Stelle sei es außerdem, die Betroffenen am Reformprozess aktiv zu beteiligen – ganz nach der Devise "Nichts über uns ohne uns". Da all diese Punkte derzeit noch nicht ausreichend auf gesellschaftlicher und politischer Ebene umgesetzt werden, gründete die Bundestagsabgeordnete Silvia Schmidt am 1. Dezember 2006 die Bundesinitiative zusammen mit Wissenschaftlern, Pflegeexperten, Fachjournalisten, Politikern, Selbsthilfeorganisationen und anderen.

Technische Systeme unterstützen und geben Sicherheit

Um das Wohnen zuhause im Alter angenehmer zu gestalten, kann es sinnvoll sein, auf gewisse technische Hilfsmittel zurückzugreifen. Doch welche werden den persönlichen Anforderungen am besten gerecht? Und welche Assistenzsysteme werden bereits erfolgreich eingesetzt? Mit diesen Fragen beschäftigte sich nun das Projekt "MATI: Mensch – Architektur – Technik – Interaktion für demografische Nachhaltigkeit".

Forscherinnen der Technischen Universität Dresden und des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung untersuchten, welche technischen Lösungen in Deutschland bereits genutzt werden und welche Herausforderungen sich bei der Realisierung altersgerechter Wohnungen ergeben. Außerdem wurde hinterfragt, wie gut die Technik als Unterstützungslösung von den Nutzern akzeptiert wird. Dazu wurden 2015 in vier ausgewählten Wohnprojekten für Ältere in Berlin, Bremen, Magdeburg und Potsdam leitfadengestützte Interviews mit Architekten, Fachplanern und Bauherren sowie eine Bewohnerbefragung durchgeführt.

Die in den Wohnprojekten verwendeten technischen Systeme erfüllen vor allem den Zweck, die Sicherheit und Lebensqualität der älteren Menschen zu steigern. Und der Plan geht auf: Eine Befragung ergab, dass die Bewohner deutlich zufriedener mit ihrer Wohnsituation sind als in vergangenen Befragungen. Für 42 Prozent waren technischen Assistenzsysteme wie ein Überhitzungsschutz am Herd oder ein 24-Stunden-Hausnotruf sogar einer der ausschlaggebenden Gründe, sich für die neue Wohnung zu entscheiden. Doch nicht alle nutzen Technik gerne. Jeder zehnte Befragte gab sogar an, Angst vor Technik zu haben.

Selbstbestimmung ermöglichen

Altersgerechte Wohnungen zu planen und zu bauen, erfordert also ein besonderes Feingefühl. Künftige Nutzer sollten so früh wie möglich in den Planungsprozess einbezogen werden, empfehlen die MATI-Forscherinnen. Ist dies nicht umsetzbar, sei es umso wichtiger, dass die Senioren im Vorfeld bereits umfassend beraten werden. Außerdem sollten sie später einen Ansprechpartner haben, falls es mit der Technik Probleme gibt. Somit könne ihnen die Angst und Skepsis vor der Technik genommen werden und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sie auch wirklich nutzen, erhöhe sich ebenfalls.

Ob nun mit oder ohne technische Assistenzsysteme – ältere Menschen haben ein Recht darauf, möglichst lange zuhause zu wohnen und eigenständig und selbstbestimmt zu leben. Und es ist weiterhin Aufgabe der Politik und Gesellschaft, sie dabei tatkräftig zu unterstützen.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de