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Höher, schneller, weiter: Sport extrem
01.07.2007
Mit dem Mono-Ski über Gletscher springen oder beim Kitesurfen die Wellen bezwingen: Bei den sogenannten Extremsportarten geht es hoch her. Und wenn auch noch der Sportler querschnittgelähmt ist, staunt so manch einer. Einige Menschen mit Behinderung gehen beim Sport aufs Ganze.
Wer nichts wagt, der nichts
gewinnt. Thomas Hoffmarck will seine
Grenzen finden. © extremtommy
Thomas Hoffmarck wird überall „Extremtommy“ genannt. Der 40-Jährige ist querschnittgelähmt seit er mit 22 einen Arbeitsunfall im Bergbau hatte. Motiviert von Freunden und in der Reha machte er mehr und mehr Sport – angefangen hat er mit Basketball und beim Triathlon ist noch nicht Schluss. Schließlich konnte er durch Sponsorengelder sogar vom Sport leben. Und brach dabei Rekorde. Sechs mal gewann er den Triathlon für Menschen mit Behinderung, unter anderem in Wittlich, mit dem Handbike erlangte er den Weltrekord von 501 Kilometern in 24 Stunden und aus einem Hubschrauber in 200 Metern Höhe sprang er für ein Filmprojekt Bungee.
Eigentlich gibt es keine Definition, was eine Extremsportart ist. "Für mich ist Sport dann extrem, wenn eine extreme Leistung erbracht werden muss, man bis zum Letzen geht und selbst dann weitermacht, wenn die Hände schon blutig sind", meint Hoffmarck. Das waren sie beim ihm auch, als er 3650 Kilometer von Köln nach Istanbul mit dem Rollstuhl gefahren ist.
Bis das Kitesurfen so elegant aussah,
musste Nicolas Lanquetin viel üben.
© Minnich
Auch der 26-jährige Student Nicolas Lanquetin ist seit 2002 querschnittgelähmt – durch einen Snowboardunfall. Der ehemalige Windsurflehrer wollte trotz Behinderung wieder Spaß im Wasser haben. Nach einem Besuch in Kalifornien kam ihm die Idee vom Kitesurfen. Dabei hält man einen Lenkdrachen und steht auf einer Art Wasserski-Brett. Damit Lanquetin als Rollifahrer überhaupt kitesurfen konnte, hat er mit Surf-Freunden das Sportgerät behindertentauglich gemacht. Nun sitzt er auf dem Brett und seine Beine werden darauf mit Schlaufen festgehalten. Die Lenkstange für den Kite wird nicht nur von den Armen gehalten, sondern ist auch am Brett gesichert: "Bis das überhaupt geklappt hat, musste ich erst viele Rückschläge einstecken. Als es dann aber funktioniert hat, machte es riesigen Spaß."
Lanquetin sieht den Ausdruck Extremsport als aufbauschenden Begriff für moderne Trendportarten. "Das Kitesurfen wird als Extremsportart angesehen, weil man damit sehr hohe Sprünge machen und äußerst schnell werden kann", erklärt er. Surfer ohne Handicap kommen dabei bis zu zehn Metern hoch und werden bis zu 76 Kilometer pro Stunde schnell. Er selbst schafft bereits drei Meter hohe Sprünge.
Die Motivation für die waghalsigen und anstrengenden Aktionen sind unterschiedlich. Zum einen wollen die Sportler ihre Grenzen finden, genießen den Adrenalinschub. Für sie sei Stillstand langweilig, also wollen sie immer höher, schneller und weiter hinaus. "Das Kiten bedeutet für mich Lebensfreude pur", so Lanquetin. Und dann ist da noch das Ziel, vor allem nicht behinderten Sportlern zu zeigen, welch immense Leistungen man als körperlich Behinderter erbringen kann. "Am Anfang hätte mir keiner zugetraut, dass ich es überhaupt schaffen könnte, Kite zu surfen", stellt er fest, "ich habe aber gezeigt, dass es doch möglich ist. Viele haben gestaunt." Im September veranstalten er und seine Freunde sogar den ersten Kitekurs für Rollis weltweit .
Beinah 4000 Kilometer war Hoffmarck
allein im Rollstuhl unterwegs. Hut ab!
© extremtommy
Auch "Extremtommy" kämpft um Anerkennung für seine Leistungen. Mit seinen Aktionen, wie der Tour von Köln nach Istanbul, unterstützt er die Integration Behinderter. Außerdem sammelte er im Laufe seiner Karriere rund 920.000 Euro, die alle wohltätigen Zwecken zugute kamen.
"Um Sport extrem zu betreiben, muss man langsam anfangen, sonst kann das auch nach hinten losgehen", warnt Hoffmarck. Seine wohl waghalsigste Aktion war ein Gletschersprung 2001 in Tirol, bei dem er mit dem Mono-Ski mithilfe einer Rampe 40 Meter weit sprang und sich fünfmal überschlug. Ohne es aufgrund der Lähmung zu merken, brach er sich dabei das Bein und verdrehte sich die Ferse so sehr, dass sie bis heute unförmig ist. "Ich wollte zeigen, dass ich das als Rollifahrer kann, hatte es aber vorher noch nie gemacht – und würde es heute auch nicht mehr tun", versichert er.
Kitesurfen funktioniert nur, wenn der Wind
weder zu stark noch zu schwach weht.
© Minnich
Auch der Kitesurfer Lanquetin warnt davor, zu schnell zu viel zu wollen. Aus eigener Erfahrung weiß er, welche Panik es auslösen kann, wenn man mit dem Brett unter Wasser gezogen wird, weil der Lenkdrache außer Kontrolle gerät: "Das Kitesurfen ist aber heute durch neue Geräte viel sicherer geworden, dennoch kann man nicht ohne Einführung einfach so aufs Wasser. Mit zehn Stunden Übung auf dem Wasser sollte man aber gut vorbereitet sein", schätzt er.
Hoffmarck weiß, dass es nur sehr wenige Extremsportler mit Behinderung gibt: "Viele nehmen ihr Schicksal hin und haben Angst davor, mal aufs Ganze zu gehen. Dabei gibt einem der Sport so viel. Nach Unfällen müssten Querschnittgelähmte mehr motiviert werden – gerade in der Reha. So war es jedenfalls bei mir." Es muss ja nicht immer gleich Extremsport sein.
REHACARE.de
- Mehr über Nicolas Lanquetin und das Kitesurfen für Rollifahrer unter: www.moeglichkiten.com
- Alles über "Extremtommy" Thomas Hoffmarck unter: www.extremtommy.de












