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Das Leben - wie es ist
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Das Leben - wie es ist
Das Bild von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit ändert sich langsam – das spiegelt sich auch in den Medien wider. Zum einen geht es auf dem Bildschirm öfter als noch vor Jahren um das Thema Handicap, zum anderen wandelt sich die Darstellung von behinderten Menschen.
01.06.2009
Sie kommt aus der Redaktionsbesprechung und spurtet weiter zum nächsten Termin. „Ich habe viel zu tun, muss täglich neue Themen und Interviewpartner finden“, sagt Zuhal Soyhan. Und: „Ich habe den schönsten Beruf, den man sich vorstellen kann.“ Die 43-Jährige arbeitet als Journalistin für die Sendung „Wir in Bayern“ im Bayerischen Rundfunk – und sie hat die Glasknochenkrankheit. Die 1,30 Meter große Frau sitzt im Rollstuhl, was sie an der Arbeit nicht hindert. Auch als Moderatorin steht sie vor der Kamera: Seit elf Jahren führt sie durch das Reisemagazin „Grenzenlos“ für Menschen mit und ohne Handicap auf DSF.
Soyhan war die erste deutsche Moderatorin mit Handicap, heute flimmert sie aber nicht mehr allein über den TV-Bildschirm. Bettina Eistel moderiert seit 2007 die Sendung „Menschen – das Magazin“ im ZDF. Die 48-Jährige kam auf Grund einer Contergan-Schädigung ohne Arme auf die Welt und hält ihre Moderationszettel mit den Füßen. „Diese Entwicklung ist neu“, sagt Ingo Bosse. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Förderpolitik an der Uni Leipzig beschäftigt sich damit, wie oft und in welchem Zusammenhang Menschen mit Handicap in den Medien auftreten.
Fünf Jahre hat Bosse die Entwicklung von Beiträgen über behinderte Menschen in Magazin-Sendungen im TV beobachtet. Mit dabei: „Brisant“ auf ARD, „Explosiv“ auf RTL und „taff“ auf Pro Sieben. Sein Ergebnis: „Die Personengruppe taucht häufig auf. An vier von fünf Sendetagen berichteten die Sender über Menschen mit Handicap.“ Generell sei zu beobachten, dass seit 1984 die Berichterstattung in allen Medien zugenommen hat. „Das liegt natürlich zum einen daran, dass die Anzahl der Medien an sich zugenommen hat“, räumt Bosse ein. Zum anderen spiegele sich aber in dieser Entwicklung wider, dass sich auch in der Gesellschaft die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung positiv verändert.
Ein ganz normaler Tag, eine ganz normale Familie und ein ganz normaler Junge mit Down-Syndrom, der am Tisch sitzt und spielt. Als Martin Ziegler spielt der kleine Jan Grünig schon seit 1999 in der ARD-Fernsehserie „Lindenstraße“ mit. Seine Behinderung ist nicht mehr und nicht weniger Thema als sie im normalen Leben auch wäre. „Das ist es, was sich Menschen mit Handicap wünschen: eine möglichst realistische und alltagsnahe Darstellungsweise“, sagt Geesken Wörmann. Die gäbe es zwar mittlerweile schon, aber noch viel zu wenig. Die 70-Jährige ist die erste Vorsitzende der LAG Selbsthilfe NRW und des Landesbehindertenbeirates sowie Mitglied im Programmbeirat des WDR.
„Das Thema Behinderung ist präsenter und es wird vermehrt darüber gesprochen. Das spiegelt sich auch in der Öffentlichkeit wider und damit in den Medien“, so Wörmann. Zwar laufe das eher im Schneckentempo ab. „Trotzdem sehe ich die Entwicklung sehr positiv.“ Auch Christine Urspruch aus dem Tatort Münster sei ein sehr schönes Beispiel für eine gelungene Einbindung. „In der Rolle als Gerichtsmedizinerin zeigt die kleinwüchsige Schauspielerin, dass Menschen mit Handicap erfolgreich in Filmen eingesetzt werden können, ohne dass die Behinderung im Vordergrund steht.“
Aber die Integration in den TV-Alltag ist nicht immer einfach. Das musste nun eine Moderatorin in Großbritannien erfahren. Im Kinderkanal der BBC moderierte Cerrie Burnell, die nur eine Hand und einen Unterarm hat. Daraufhin gingen Beschwerden ein, der Anblick der Frau erschrecke die Kinder. Ein Beispiel dafür, dass Behinderungen für einige Menschen noch nicht im Alltagsleben angekommen sind und dass ein verzerrtes Bild von Menschen mit Handicap vorherrscht. Eine Nachwehe aus vergangenen Zeiten? „Früher wurden Menschen mit Behinderung mit großer Distanz als beängstigende, fremdartige Personen gezeigt“, sagt Wörmann. Das gäbe es heute allerdings so gut wie nicht mehr. Stattdessen findet man oft eine etwas rührselige Sicht auf diese Personengruppe, oder eine, die besonders tolle Leistungen trotz der Behinderung hervorhebt – wie teilweise bei den Paralympics. „Mitleid und Sensationslust helfen jedoch nicht dabei, Behinderte als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft zu zeigen“, stellt Wörmann klar.
Die Moderatorin Zuhal Soyhan bringt die Sache auf den Punkt: Die Berichterstattung über und von Menschen mit Behinderung sei eindeutig mehr geworden, aber sie sei noch immer verbunden mit einer gewissen Dramatik und Schwere. „Ich selbst glaube nicht, dass ich für alle Leute um mich herum eine Last bin oder nur aufgrund meiner Behinderung besonders behandelt werde.“ Die Aufgabe der Medien ist es letztendlich, das Leben zu zeigen, wie es ist – nicht mehr und nicht weniger.
Natascha Mörs
REHACARE.de












