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Freiwillig lebenslang
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Freiwillig lebenslang
An deutschen Unis wird es grauer. Allerdings nur auf den Köpfen. Immer mehr Senioren fassen sich im Ruhestand ein Herz und entdecken Philosophie, Französisch und Mathematik neu - als Studenten. So auch an der Uni Köln.
01.07.2009
Montagmorgen, kurz vor zehn: Ein großer Mann mit weißem Haar eilt die breite Treppe hoch. Mit einer sportlichen schwarzen Nylontasche in der Hand steuert er zielstrebig auf Raum XII zu, in dem sein nächstes Seminar stattfindet. Als er den hellen halbrunden Saal mit Holzvertäfelung und Holzstuhlreihen, die wie im Kino angeordnet sind, betritt, sitzen dort schon rund fünfzig andere Studenten und warten auf die Dozentin.
Je 40 junge und ältere Studenten lernen in diesem Oberseminar zusammen
© REHACARE.de
Sein Stammplatz ist in der Mitte der letzten Reihe. „Hallo Gisela“, grüßt er seine Sitznachbarin und legt eine Mappe mit den Notizen auf die ausklappbare Schreibunterlage. Eigentlich ist Horst-Dieter Landefeld ein typischer Student - bis auf die Tatsache, dass er weißes Haar hat – wie rund die Hälfte der sechzig anwesenden Studenten auch. Die übrigen jungen Studenten könnten vom Alter her seine Enkel sein.
Mit seinen 75 Lenzen ist der rüstige Rentner einer von rund 2.000 Seniorenstudierenden an der Uni Köln und damit einer der alten Hasen, denn die meisten seiner „Kollegen“, wie er seine Mitstudenten am liebsten nennt, sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. „Als Gasthörer darf ich fast alle Lehrveranstaltungen der Uni Köln besuchen, muss aber keine Prüfungen ablegen“, erklärt Horst-Dieter Landefeld und lacht. Das kostet ihn hundert Euro pro Semester. Am liebsten besucht er Kurse an der philosophischen Fakultät, es rutscht aber auch schon mal eine Biologie-Veranstaltung dazwischen. „In diesem Semester habe ich fünf Vorlesungen pro Woche. Mehr ist nicht drin – ich will die Themen ja auch vor- und nachbereiten.“ Schließlich hat der sportliche Mann auch noch eine geduldige Frau, zwei Kinder und fünf Enkel, die ihren Opa auch sehen möchten.
Miriam Haller kennt ihre Senioren-
Studenten gut © REHACARE.de
Neben den allgemeinen Lehrveranstaltungen an der Uni Köln gibt es zusätzlich spezielle Angebote nur für Senioren. Dazu gehören auch die sogenannten Arbeitskreise, die von der Uni organisiert und teilweise mit Beiträgen und Spenden des Fördervereins des Gasthörer- und Seniorenstudiums finanziert werden. Das Montagmorgen-Seminar ist aber für Jung und Alt gemeinsam. Der Inhalt: „Geragogik“ – dabei geht es um das Lernen im Alter.
Miriam Haller ist gut gelaunt. Die Altersforscherin ist Geschäftsführerin des Arbeitsbereiches Gasthörer- und Seniorenstudiums und die Dozentin des Seminars. Sie stellt die Frage: „Soll es für ältere Menschen Pflicht werden, sich lebenslang weiter zu bilden?“ Sie muss nicht lange auf Antworten warten. „Ich will das Recht haben, zu sagen ‚Ich habe genug gelernt‘“, fordert ein älterer Student. Ihm entgegnet eine Seniorin mit schickem weißen Blazer und rotem Halstuch: „Ich weiß gar nicht, warum wir uns immer so gegen das Wort Pflicht wehren.“ Eine junge, blonde Studentin aus der letzten Reihe mit großzügig ausgeschnittenem Dekolleté unterstützt den Studenten: „Weil das unserem demokratischen Grundgedanken widerspricht. Wir haben doch schon eine Schulpflicht. Und dann noch eine Lernpflicht im Alter?“
Esther Küpper und Magdalene Rugor, 23 und 24 Jahre alt, nehmen ebenfalls am Kurs teil. Sie studieren Erziehungswissenschaften und finden die Mischung aus Jung und Alt in der Veranstaltung gut. „Ein gewisser Respekt ist zwar schon da vor den Älteren und wir siezen sie automatisch. Ich finde das aber nicht abschreckend, sondern eher anregend“, meint Magdalene. Esther stimmt ihr zu und ergänzt: „Außerdem reden wir so nicht über die ältere Generation, sondern mit ihr. Das ist viel interessanter.“ Genau diesen Effekt wollte Miriam Haller erreichen. Das Oberseminar ist das erste, das ausdrücklich für die älteren und jüngeren Hochschüler zusammen ausgeschrieben wurde. „Ich finde es gerade bei einem Thema, das mit dem Alter zu tun hat, schön, dass ältere und jüngere Studenten zusammen arbeiten. Sonst müsste ich ja künstlich die Position der Senioren einnehmen. So sind sie selbst da, um Ihre Sicht zu vertreten.“
Die Mischung macht's: Horst-Dieter Landefeld und zwei seiner Mitstudentinnen © REHACARE.de
Vom Versicherungsangestellten zum Studenten
Nach dem Seminar schnappt sich Horst-Dieter Landefeld seine Tasche, tritt aus dem Gebäude heraus und nimmt Kurs auf die Cafeteria gegenüber. Er wirft einen Blick zurück auf die triste Fassade des Hauptgebäudes aus den Dreißigern und erinnert sich: „Als ich 14 war, befand sich im jetzigen Hauptgebäude noch die Uni- und Stadtbibliothek. Dort habe ich damals eine Ausbildung gemacht.“ Nun, über 60 Jahre und ein Arbeitsleben bei einer Versicherung später, studiert er in denselben vier Wänden - jetzt schon seit zwölf Jahren.
In der Cafeteria schwirren die Stimmen durch die Luft, die jungen Studenten machen Mittagspause. Horst-Dieter Landefeld ist zwar der einzige Ältere hier, wirkt aber alles andere als außen vor. Er trinkt genüsslich seinen Cappuccino und erinnert sich: „Geplant habe ich es eigentlich nicht, zu studieren. Ziemlich direkt zu Beginn meiner Rentenzeit las ich einen Artikel über einen Vortrag, der an der Uni stattfinden sollte. Kurzerhand bin ich hingegangen. Das war so aufregend, da bin ich dabei geblieben.“
Durch das Studium hat der gebürtige Kölner eine andere Sicht auf die Dinge bekommen, ein neues Weltbild. „Ich nehme Dinge kritischer ins Visier, sehe sie aber auch gelassener, wenn ich ohnehin nichts ändern kann.“ Langweilig wird das Studieren für ihn nicht. Im Gegenteil, er hat auch schon eine Idee, mit welchem Thema er sich am liebsten in Zukunft beschäftigen würde: „Aktuelle Gegenwartsgeschichte würde mich sehr interessieren. Nicht immer nur nach hinten blicken.“
Die Uni hält den Rentner jung. Deshalb hat er auch freiwillig lebenslang gewählt – lebenslanges Lernen. Was er ohne sein Studium machen würde? „Bestimmt viel lesen, mehr am Haus und am Garten machen. Ach ja, und vielleicht meiner Frau endlich mehr im Haushalt helfen“, überlegt er und schmunzelt. Aufhören? Das steht für ihn noch nicht zur Debatte. „Meine Kinder hab ich an der Uni noch getroffen. Vielleicht treffe ich ja noch meine Enkel hier. Der Älteste ist 15.“
Natascha Mörs
REHACARE.de












