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Disability Studies: „Deutschland ist einfach noch nicht so weit“

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Disability Studies: „Deutschland ist einfach noch nicht so weit“

Du bist doch nicht normal! Ein Satz, den vielleicht jeder schon einmal gehört oder gesagt hat. Aber was heißt das eigentlich? Und bedeutet, nicht der Norm zu entsprechen, automatisch behindert zu sein? Mit diesen Fragen können sich nun wissbegierige Studenten auseinandersetzen.

01.01.2010

 
 
Foto: Anne Waldschmidt
Anne Waldschmidt

REHACARE.de sprach mit Anne Waldschmidt, Professorin für Disability Studies an der Universität zu Köln, über erstaunte Studenten, Lehrinhalte und Schubladendenken.

REHACARE.de: Frau Waldschmidt, Sie lehren an der Universität zu Köln und sind seit Anfang 2009 die erste deutsche Universitäts-Professorin für Disability Studies. Wie ist es dazu gekommen?

Anne Waldschmidt: Ich forsche auf diesem Gebiet schon seit den 80er Jahren und habe bereits seit 2002 eine Soziologie-Professur an der Universität zu Köln. 2007 wurde die Universität umstrukturiert und es kam zur Gründung der Humanwissenschaftlichen Fakultät. In diesem Rahmen entstand für mich die Chance meinem Forschungs- und Lehrgebiet den passenden Namen zu geben. Ich habe beantragt, meine Professur künftig „Soziologie und Politik der Rehabilitation, Disability Studies“ zu nennen, und 2008 wurde diesem Wunsch entsprochen.

REHACARE.de: Wie wird das Fach angenommen?

Waldschmidt: Also, ich sage es mal so: Es ist nicht gerade das Fach, das die Massen anzieht. (lacht) Die Gruppen sind eher überschaubar, dafür aber sehr interessiert.

REHACARE.de: An der Universität zu Köln kann man Disability Studies nur als Schwerpunkt im Fach Lehramt Sonderpädagogik wählen. Warum gerade in dieser Kombination?

Waldschmidt: Das liegt daran, dass mein Fach intern der Heilpädagogik zugeordnet ist. Die Kölner Situation ist eigentlich typisch: In Deutschland findet der Diskurs über Behinderung immer noch hauptsächlich in diesem Rahmen statt. Ehrlich gesagt würde ich das sehr gerne ändern, aber das ist in meiner Position nicht möglich. Noch allgemeiner gefasst: Die Sichtweise auf Behinderung ist immer auch Ausdruck einer bestimmten Wahrnehmungskultur.

REHACARE.de: Was meinen Sie damit?

Waldschmidt: Behinderung wird in Deutschland eben immer in eine bestimmte Schublade gesteckt. Auch deshalb findet man nur an wenigen Universitäten Disability Studies außerhalb der Heil- und Sonderpädagogik. Ich denke, Deutschland ist einfach noch nicht so weit, Behinderung beispielsweise als Gegenstand der Literaturwissenschaften zu sehen und gängige Werke dahingehend zu lesen, wie sie das Thema Behinderung benutzen, um sich mit Abweichung und Anderssein auseinanderzusetzen. In meinen Seminaren machen wir das und darüber sind die Studenten oft sehr überrascht.

 
 
Foto: Mann im Rollstuhl beobachtet Menschen
Behinderte Menschen werden von der Gesellschaft oft vorverurteilt und aus dem alltäglichen Leben ausgeschlossen; © marganz/SXC

REHACARE.de: Auf dem Lehrplan stehen unter anderem Seminare wie „Normalität und Behinderung“, „Selbsthilfeorganisationen und politische Partizipation“ oder „Behinderung neu denken“. Was genau lernen die Studenten bei Ihnen?

Waldschmidt: Die Studenten setzen sich mit Fragen auseinander wie: Was ist Behinderung? Was ist Normalität? Wie werden die Grenzen gezogen? Ich führe sie an die meist englische Forschungsliteratur heran. Wir diskutieren über Barrierefreiheit und Behindertenpolitik. Und wir beschäftigen uns mit der Behindertenbewegung.

REHACARE.de: Wie praxisbezogen ist das Studium der Disability Studies?

Waldschmidt: Es ist praxisrelevant, aber nicht unmittelbar praktisch. Ich scheue nicht vor der Praxis zurück, aber ich vermittle bewusst auch kein Rezeptwissen. Ich würde es eher als Orientierungswissen bezeichnen. Ich möchte die Studierenden zu einem kritischen Blick auf die Dinge anregen. Damit sie später im Berufsleben mit ihrem Wissen im Hinterkopf Menschen mit Behinderungen nicht bevormunden, sondern in deren Sinne handeln können.

REHACARE.de: In den USA und in Großbritannien gibt es inzwischen an mehreren Universitäten eigene Lehrstühle und Studiengänge für dieses Fach. Warum gibt es das in Deutschland noch nicht?

Waldschmidt: Es mangelt in Deutschland einerseits noch an kompetenten Lehrenden. Und die hervorzubringen ist wohl eine Generationenaufgabe. Der akademische Nachwuchs fällt schließlich nicht vom Himmel. Gleichzeitig brauchen wir natürlich eine qualitätsvolle Forschung, als Grundlage. Schriftenreihen sind nötig, damit die Ergebnisse auch veröffentlicht werden können.

REHACARE.de: Denken Sie denn, dass in Deutschland auch ein eigenständiger Studiengang nötig wäre?

Waldschmidt: Ja, grundsätzlich schon, aber ich bin skeptisch, ob ich den in der Kölner Uni auf die Beine stellen könnte. Mein persönliches Ziel besteht darin, eigenständige Module in Disability Studies lehren zu können. Man sollte auch nicht nur einen eigenen Studiengang entwickeln, sondern parallel dazu immer auch versuchen, möglichst viele Lehrveranstaltungen in allen möglichen Studiengängen unterzubringen. Ich bezeichne das als „Mainstreaming“ der Disability Studies. Auf diese Weise könnte man eine ständige Präsenz des Themas Behinderung in den verschiedenen Fächern erreichen und hoffentlich langfristig auch in den Köpfen der Menschen etwas verändern.

Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de

 
 

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