Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: Aktuelles. Schwerpunkt. Schwerpunkt: Partnerschaft.

Hauptsache aufgeklärt

Schwerpunkt: Partnerschaft

Hauptsache aufgeklärt

01.04.2007

Auch geistig behinderte Teenager haben nur eins im Kopf. Sie wollen knutschen und kuscheln, manche wollen auch schon Sex haben. Umso wichtiger ist es, dass auch diese Jugendlichen über mögliche Folgen Bescheid wissen. In Wohnheimen und Schulen wird darum aufgeklärt.

Eine Handvoll 16- bis 19-jährige Mädchen sitzt bei Inge Thömmes. Das Interesse an der Sexualpädagogin ist groß - die Pubertät ist in vollem Gange. Einmal in der Woche spricht die pro familia-Mitarbeiterin Thömmes anderthalb Stunden mit den geistig behinderten Jugendlichen in einem Wohnheim in Bielefeld über Sexualität und Beziehungen: „Zu Beginn der Kurse frage ich immer erstmal, welche Begriffe die Teilnehmer kennen. Über die sprechen wir dann.“

 
 
Foto: nachdenkliches Mädchen 
Die Gedanken eines Teenagers sind
nicht unergründlich © PixelQuelle.de

„Behinderte Jugendliche haben dieselben Anliegen wie nicht behinderte“, erklärt Thömmes. Sie interessieren sich dafür, wie sie einen Jungen ansprechen können oder was sie machen sollen, wenn sie mit ihrem Freund Streit haben. Aber Thömmes liegt das Thema Schwangerschaft und Verhütung besonders am Herzen. Da geht es den Eltern von geistig behinderten Jugendlichen nicht anders. Denn bei denen ist die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft ihrer Kinder besonders groß.

Diese Angst muss aber nicht begründet sein, denn auch die Mädchen sind nicht naiv. Als Thömmes fragt, ob sie einmal eigene Kinder haben wollen, gibt es ganz unterschiedliche Antworten. Während die eine meint „Ich möchte Kinder haben. Aber erst später, wenn ich mit der Ausbildung fertig bin“, sagen andere, dass sie sich nicht sicher sind, ob sie überhaupt Nachwuchs möchten, weil sie das überfordern könnte.

Dieses Ausmaß an Selbstbestimmung ist relativ neu. Erst langsam beginnt die Gesellschaft Behinderte als Menschen mit einem Recht auf Sexualität zu sehen. Ende des 19. Jahrhunderts und besonders in der Nazizeit wurden behinderte Menschen gegen ihren Willen sterilisiert. Unter Hitler wurden über 360.000 Menschen zwangsoperiert, unter dem Vorwand, dass sie keinen „kranken“ Nachwuchs bekommen sollen. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es weiterhin Zwangssterilisierungen, auch in anderen Ländern wie den USA oder Schweden, in der Schweiz wurden sogar bis in die 80er Jahre hinein größtenteils behinderte Frauen unfruchtbar gemacht.

Heute sind Zwangssterilisationen in Deutschland verboten, sie sind eine Verletzung der Menschenrechte. „Sterilisationen werden fast gar nicht mehr durchgeführt“, erklärt Thömmes, „Dem Betreuungsgesetz nach geht das nur noch, wenn die Betroffenen zustimmen.“ Können sich betreute Menschen selbst nicht mitteilen, weil sie hochgradig behindert sein, so dass sie auf Dauer nicht einwilligen können, muss ein vom Vormundschaftsgericht bestellter Sterilisationsbetreuer bestimmen, ob ein Eingriff vorgenommen wird oder nicht. Und auch nur, wenn die Person kein anderes Verhütungsmittel nutzen kann.

 
 
Foto: Love written with flowers and a condom 
Über sicheren Sex sollten alle Jugend-
lichen Bescheid wissen © PixelQuelle.de

Über Pille, Spirale oder Kondom klären die Kurse mit Thömmes auch auf – da ziehen Jungen und Mädchen auch schon mal einen Pariser zur Übung über eine Banane. Wenn die Jugendlichen verhüten möchten, erfahren sie bei einem Arzt, welche Methode für sie am besten ist. „Dabei müssen ja auch medizinische Folgen abgewogen werden. Mädchen mit Epilepsie können etwa die Pille nicht nehmen, weil ihre Medikamente die Wirkung aufheben können“, so Thömmes.

Ob die Mädchen und Jungen mit geistiger Behinderung mit den Verhütungsmitteln umgehen können, hängt vom Grad der Behinderung ab. Die Sexualpädagogin erklärt: „Die Mädchen in meinen Kursen verstehen die Zusammenhänge trotz ihrer Behinderung. Aber bei schwer geistig Behinderten stellt sich ohnehin erstmal die ist Frage, ob sie überhaupt Sex haben wollen.“

Oft hapert es mit der Aufklärung der Kinder bei den Eltern. Die sind verunsichert, wie sie über Sexualität reden sollen. „Sie haben Angst, dass die Kinder schlechte Erfahrungen machen“, so Thömmes. Bei geistig Behinderten kommt es oft zu sexuellen Übergriffen, gerade bei Mädchen. Ein guter Grund, um Kinder schon von klein auf altersgerecht mit Sexualität vertraut zu machen und so ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Um die Eltern dabei zu unterstützen, gibt es Informationsabende. Der Andrang ist groß.

„Hier können Eltern einmal offen über ihre Anliegen reden“, so Thömmes. Und es stellt sich immer wieder heraus, dass sie vor allem eine ungewollte Schwangerschaft fürchten. Denn dies würde eine große Belastung darstellen, weil ihre Kinder den Nachwuchs nicht allein großziehen könnten. „Wir nehmen den Müttern und Vätern die Ängste. Sie erkennen, dass die Jugendlichen verstehen können, was Sex für Konsequenzen hat.“

Dazu muss die Aufklärung für die geistig behinderten Jugendlichen aber wiederholt stattfinden, damit sie alles verinnerlichen. Es gilt: Je aufgeklärter, desto geschützter. „Es verschafft den Jugendlichen ein gutes Gefühl, wenn sie wissen, was sie wollen und was nicht“, betont die Pädagogin. Das sieht eines der Mädchen am Ende des Kurses genau so: „Jetzt weiß ich endlich, wann ich Ja und wann ich Nein sagen kann. Das find ich gut.“

REHACARE.de

- Mehr zum Verband pro familia unter: www.profamilia.de

 
 

Mehr Informationen