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Konfrontation an einem unerwarteten Ort
Schwerpunkt: Tanzen
Konfrontation an einem unerwarteten Ort
Die Leute da abholen, wo sie sind - das machte eine etwas andere Tanzgruppe, deren Bühne der Düsseldorfer Hauptbahnhof und die U-Bahn auf dem Weg zum Messegelände zur REHACARE 2008 war.
15.10.2008
Es fängt auf dem Bahnsteig der Düsseldorfer U-Bahn an. Die Menschen warten auf die U79 – die Linie, die die Menschen zur REHACARE 2008 befördert. Zwei Frauen an einer Säule fangen plötzlich an, sich rhythmisch hin und her zu bewegen. Abwechselnd fahren ihre Hände zum Mund, und sie gähnen übertrieben, gleiten an ihren Klamotten hinunter, zupfen am T-Shirt und fahren wieder zum Mund. Dann erstarren sie. Ihre Gesichter frieren ein, ausdruckslos, alle Glieder stoppen mitten in der Bewegung. Einige Meter weiter dreht sich plötzlich eine Rollstuhlfahrerin elegant im Kreis, bewegt sich eine Weile im Duett mit einem jungen Mann. Dann erstarren auch sie, in enger Umarmung. Das ist das Zeichen für zwei Tänzer weiter vorne, mit ihrer Choreographie zu beginnen.
Es sieht zufällig und ungesteuert aus, aber in Wahrheit sind da sechs professionelle Tänzer und Tänzerinnen am Werk. Die „mixed-abled“ Tanzgruppe hat eine gemeinsam entworfene und eingeübte Choreografie. Die Gruppe - zwei von ihnen sitzen im Rollstuhl - hat sich zehn Tage vor der REHACARE zusammengeschlossen, eine Choreographie speziell für Züge und Bahnhöfe entworfen und seither jeden Tag in den Bahnen geprobt. „Ich mag die Idee der Geheimtänzer. Die Leute sehen die ungewöhnlichen Bewegungen aus der Bahn heraus und fragen sich: Hab ich das jetzt wirklich gesehen oder nicht?“, erklärt Jo Parkes von Mobile Dance, die das spezielle Projekt leitet. Das ist auch der Grund, warum man sich bewusst gegen Kostüme entschieden hat: Die Tänzer sollen aussehen wie wartende Zugfahrgäste - bis diese anfangen sich zu bewegen.
Die Tänzer hängen von den
Stangen der U-Bahn
© Messe Düsseldorf
In der Bahn auf dem Weg zum Messegelände geht der Tanz weiter: In langsamen geschmeidigen Bewegungen, die fast vergessen lassen, wie anstrengend die akrobatische Performance für die Tänzer ist, winden sich die Körper umeinander, übereinander, um die Stangen. Wenn die Bahn steht, werden die Tänzer schlagartig zu normalen Menschen, unterhalten sich, lachen. Fährt die Bahn los, tanzen sie wieder, versinken in ihre Welt. „Am Bahnhof haben wir uns mit Thematiken wie Abschied beschäftigt. In der Bahn ging es darum, die gleichzeitige Nähe und Distanz zu symbolisieren. Man sitzt sich 20 Minuten gegenüber oder nebeneinander, aber es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man nicht miteinander redet oder sich anschaut“, so Parkes. „Ich frage mich oft, wer die Leute vor mir sind. Wir haben Fragen aufgeschrieben, die wir diesen Leuten gerne stellen würden, und daraus einen Tanz gemacht.“
Obwohl behinderte und nicht behinderte Menschen zusammentanzen und dabei ganz neue Bewegungsformen entdecken, möchte Initiator Gustavo Fijalkow das Projekt nicht primär als Integrationsidee verstanden wissen. „Es ist hauptsächlich keine soziale Veranstaltung, sondern Kunst“, sagt er. „Aus modernen Tanzschulen kommen alle mit so ziemlich ein und derselben Idee von Tanz und Bewegung heraus. Die Sicht ist sehr beschränkt. Wir wollen den modernen Tanz eben mit neuen Bewegungen bereichern.“
Anke Barth
REHACARE.de














