Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: Aktuelles. Schwerpunkt. Schwerpunkt: Tanzen.

Ungleich muss nicht uneins sein

Schwerpunkt: Tanzen

Ungleich muss nicht uneins sein

Auf der Straße ernten sie manchmal skeptische Blicke, wenn sie Händchen haltend spazieren gehen. Sie im Rollstuhl, er zu Fuß. Birgit Habben-Kober und ihr Mann Reiner Kober wirken nach außen wie ein recht ungleiches Pärchen und doch verbindet sie mehr als es den Anschein hat, denn sie sind nicht nur im Alltag ein Team, sondern auch auf der Tanzfläche.

01.12.2007

 
 

Alte Hobbies gingen durch die Multiple Sklerose zwar verloren. Dafür fanden Birgit Habben-Kober und Reiner Kober aber andere. © Kober

Wenn sie stolperte, lachten sie gemeinsam drüber. Birgit Habben-Kober und ihr Mann Reiner hielten es, als sie sich vor 14 Jahren kennenlernten, für Tollpatschigkeit. Dann stellte sich heraus, dass Birgit an Multipler Sklerose leidet. Das war ein großer Schock „Der erste Schub kam prompt in den Flitterwochen“, erinnert sich Birgit und zuckt mit den Schultern, „dass es sich um MS handelte, darauf kam der Arzt erst, als ich ihn selbst darauf stieß.“. Von da an änderte sich ihr Leben. Birgit musste ihren Beruf als Hauswirtschaftsleiterin aufgeben und Reiner wechselte seinen Posten in der Firma, um weniger auf Reisen und mehr zu Hause zu sein. Gemeinsam entschieden sie sich gegen Kinder. „Wir mussten viel Trauerarbeit leisten, uns von vielen bisherigen Vorstellungen verabschieden“, erinnert sich Birgit.

Sie wissen, dass sie manchmal schräg angesehen werden und dass man sie für ungleich hält – erst recht, wenn sie Hand in Hand unterwegs sind. Doch Reiner hat da so seine Taktik, wie er darauf reagiert: „Ich gehe beim Spazieren absichtlich nicht hinter ihr her oder schiebe sie. Ich bin nicht ihr Pfleger. Das ist wichtig für unser Selbstverständnis als Paar.“ Für ungleich halten sie sich selbst nämlich nicht. Das Ehepaar lässt nicht zu, dass die Behinderung sie auseinandertreibt.

 
 

Wie auch das Rollstuhltanzen. Da sind Spaß und Ehrgeiz am Werk - mit Erfolg! © Kober

Im Gegenteil - aus der Not machten sie eine Tugend und fingen an zu tanzen. Rollstuhltanz und das wäre ohne ihre Gegensätzlichkeit gar nicht erst zustande gekommen, schließlich tanzt dabei ein Fußgänger mit einem Rollifahrer. Wenn die beiden übers Parkett fliegen, sieht zwar jeder, dass sie ungleich sind, aber das sind andere Blicke als auf der Straße: „Auf der Bühne erntet man Anerkennung und kein Mitleid“, erklärt Reiner. Zusammen sind sie erfolgreich im Breitensport unterwegs und trainieren eine Gruppe mit zwölf Tanzpaaren. „Im Nichtbehinderten-Tanzsport wären wir nicht so weit gekommen. Wir tanzen auch erst soviel, seit ich im Rollstuhl sitze“, stellt Birgit amüsiert fest.

Reiner genießt die gemeinsamen Erfahrung: „Tanzen bedeutet für uns einen riesen Zusammenhalt. Wir stecken beide unsere Energie hinein, erleben Erfolge und Niederlagen und sind zusammen stolz.“ Dafür nimmt er auch in Kauf, dass Rollstuhltanzen ganz schön anstrengend ist. Denn die normalen Tanzschritte müssen rollstuhltauglich umgesetzt werden und es dauert länger, Choreografien einzustudieren. „Ich muss mich immerhin nicht mehr mit den ganzen Schrittfolgen befassen“, sagt Birgit und zieht belustigt ihre Augenbrauen hoch. Außerdem verschlinge das Hobby zwar viel Zeit, aber so verbringe sie auch viel mehr Zeit miteinander, als sie es sonst täten. Und wenn es dabei, wie bei jedem „normalen“ Paar, doch mal Streit gibt zwischen der spontanen Birgit und dem diplomatischen Reiner, dann geht es nie um das Thema Behinderung.

Was es beiden einfacher macht, die schleichende Veränderung durch die MS durchzustehen, ist, dass sie wichtige Entscheidung gemeinsam treffen. Und sie setzen sich für Hilfsmittel ein, die Birgit ihre Selbstständigkeit bewahren. „Im Rollstuhl zu sitzen bedeutet nicht, dass man sich hängen lassen muss“, erklärt Birgit resolut. Und das ist Reiner wichtig: „Mir fällt es einfacher, sie zu unterstützen, weil ich weiß, dass sie selbst darum kämpft. Außerdem haben wir aus unserer Situation die Lehre gezogen, nichts vor uns herzuschieben.“

REHACARE.de