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Mehrgenerationenhäuser: Comeback der Großfamilie
Schwerpunkt: Wohnen
Mehrgenerationenhäuser: Comeback der Großfamilie
Gemeinsam statt einsam – unter diesem Motto finden sich immer mehr Menschen in Generationenhäusern zusammen. Jung und Alt fühlen sich von der Idee angezogen, in einer aktiven Hausgemeinschaft zu leben, in der man sich mehr zu sagen hat als ein „Hallo“ im Treppenhaus.
1.11.2009
Tabea fühlt sich bei Renate
Dietrich wohl.
Tabea sitzt gerne auf Renate Dietrichs Schoß. Vielleicht wegen der Ruhe, die die 62-Jährige ausstrahlt, vielleicht aber auch wegen der Schokoladenstange, die sie sich mit der Einjährigen teilt. Enkelin und Oma? Falsch. Die beiden sind Bewohner des SUN- Mehrgenerationenhauses auf dem Aachener Kronenberg.
SUN, das steht für Selbstbestimmt Und Nachbarschaftlich. Eine junge Familie, sechs Paare und vier Single-Frauen unterschiedlichen Alters wohnen hier zusammen, weil sie sich gegenseitig unterstützen und ein engagiertes Miteinander leben wollen – jeder in seinen eigenen vier Wänden und doch alle zusammen.
Mehrgenerationenhäuser liegen im Trend
„Mehrgenerationenhäuser haben in Deutschland Hochkonjunktur“, sagt Rolf Novy-Huy, Geschäftsführer der gemeinnützigen Stiftung Trias. Auf der Internetseite www.wohnprojekte-portal.de, die Trias betreibt, präsentieren sich mittlerweile 124 Mehrgenerationenprojekte aus ganz Deutschland. „Ich schätze, es gibt inzwischen mehr als 1.000“, meint Novy-Huy. Genaue Zahlen gebe es allerdings nicht. Trias will die zahlreichen Interessenten an dieser und anderen alternativen Wohnformen unterstützen und beraten.
Der Boom des Mehrgenerationenwohnens sei eine Folge der gesellschaftlichen und demographischen Entwicklung. „Traditionelle Familienformen lösen sich auf, die Menschen sind aufgrund des modernen beruflichen Nomadentums nicht mehr mit einem Ort so stark verwurzelt und werden zudem immer älter“, erklärt Novy-Huy. Mehrgenerationenwohnen will Isolation und Vereinsamung entgegenwirken und Alt und Jung wieder zusammenbringen.
Die Bewohner des SUN-Hauses sitzen gerne zusammen auf ihrer Terrasse: Axel und Renate Dietrich, Tabea, Dagmar Görressen-Heins, Margret Gielsdorf, Hansjürgen Hagemann, Susanne Bertling und Jana (von links nach rechts).
Auch Renate Dietrich hatte das Aneinandervorbeileben in normalen Mietshäusern satt. „Ich wollte eine lebendige Hausgemeinschaft, in der man sich gut kennt, sich wohl fühlt und sich gegenseitig hilft“, sagt sie. Durch einen Fernsehbeitrag wurde sie auf Mehrgenerationenhäuser aufmerksam und war von der Idee sofort begeistert.
Die Suche nach Mitstreitern und einem geeigneten Grundstück war jedoch langwierig und nicht immer einfach. Auch bei der baulichen Umsetzung des barrierefreien Hauses waren starke Nerven gefragt. „So schwierig die Planungs- und Bauphase war, sie hatte auch ihr Gutes. Durch die Konflikte, die wir ausgetragen haben, haben wir uns besser kennengelernt und sind schließlich zusammengewachsen“, meint Hansjürgen Hagemann. Er ist Vorsitzender des Vereins proSUN, den die Hausbewohner gegründet haben. „Manchmal waren die Vorstellungen allerdings zu unterschiedlich. Man muss schon kompromissbereit sein und auch in die Gruppe passen.“ Deshalb haben sich einige anfängliche Interessenten aus dem Wohnprojekt zurückgezogen.
Konflikte gibt es vor allem wegen alltäglicher Kleinigkeiten
„Am meisten kracht es wegen der kleinen Dinge des Alltags“, sagt Renate Dietrichs Mann Axel. „Der eine will, dass der Rasen einmal pro Woche gemäht wird, der andere findet alle drei Wochen ausreichend.“ Doch während in normalen Mietshäusern solche Konflikte häufig dazu führen, dass sich die Fronten verhärten und man grußlos aneinander vorbeigeht, haben die SUN-Mitglieder gelernt, miteinander zu reden. Eine Moderatorin half, die verschiedenen Vorstellungen und Wünsche der Gruppe unter einen Hut zu bringen. Friede, Freude, Eierkuchen - das gibt es im wirklichen Leben nicht. Allerdings kann man eine gute Kommunikationsebene aufbauen, die es ermöglicht, einen Interessenausgleich zu finden.
Das SUN-Mehrgenerationenhaus auf dem Aachener Kronenberg.
„Das Interesse an solchen Wohnprojekten ist bei der Generation 50 plus größer“, sagt Renate Dietrich. Denn junge Familien haben durch Berufstätigkeit und Kinder zahlreiche Kontakte und deshalb häufig ein nicht so großes Bedürfnis nach einer aktiven Mehrgenerationen-Hausgemeinschaft. Unter anderem deshalb sind Tabea, ihre vierjährige Schwester Jana und ihre Eltern bisher die einzige junge Familie im SUN-Haus. „Wir waren von der Idee begeistert, weil in unserem Freundes- und Bekanntenkreis alle in einem ähnlichen Alter waren. Das war uns zu einseitig. Wir wollten unseren Horizont erweitern“, sagt Tabeas Mutter Susanne Bertling.
Margret Gielsdorf, mit 72 Jahren eine der Ältesten im SUN-Haus, hatte am Anfang ihre Bedenken. „Mir waren die Erwartungen des Vereins zu groß. Ich fühlte mich völlig überfordert von den ganzen gemeinsamen Aktivitäten, die da geplant waren.“ Renate Dietrich schmunzelt und gibt zu: „In der Entstehungsphase waren einige wohl etwas zu überschwänglich.“ Doch im Alltag zeigte sich schnell, was machbar ist. Im Gemeinschaftsraum wird einmal im Monat sonntags zusammen gefrühstückt, donnerstags gibt es einen Weinabend. Manchmal wird auch zusammen gekocht, gewalkt oder gemalt. Man versucht, sich gegenseitig zu helfen. Der eine passt auf die Kinder auf, der andere besorgt dafür den Einkauf. „Langsam pendelt sich alles ein“, sagt Renate Dietrich und drückt zufrieden Tabea auf ihrem Schoß.
Sonja Endres
REHACARE.de












