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Die große Freiheit - Wie eine Heimbewohnerin zur Chefin wurde
Schwerpunkt: Wohnen
Die große Freiheit - Wie eine Heimbewohnerin zur Chefin wurde
Dieser Artikel wird Ihnen päsentiert vom Magazin HANDICAP - Das Magazin für Lebensqualität für Menschen mit Behinderungen und ihre Freunde.
Behinderte Menschen bekommen oft zu hören, wie viel Geld sie kosten. So mancher, dem das vorgehalten wird, denkt: „Das Geld könnte ich sinnvoller einsetzen, wenn es mir selbst zur Verfügung stünde“. Genau das ist die Idee des Persönlichen Budgets, das seit 1998 in Modellprojekten erprobt wurde. Im Juli 2001 wurde es als Ermessensleistung ins Sozialgesetzbuch IX aufgenommen; ab 2008 wird das Gesetz einen Rechtsanspruch auf diese Leistungsform vorsehen. Um das Budget umzusetzen, brauchen alle Beteiligten etwas Mut, der aber belohnt wird, wie ein Beispiel aus Mainz zeigt.
15.03.2008
Julia beim Einkauf für die eigene Wohnung © Lothar Schwalm
Bepackt mit Tüten und Taschen kommt Julia Maier* im Elektrorolli vom Einkaufen nach Hause in ihre Wohnung im Mainzer Stadtteil Lerchenberg. Was ganz alltäglich klingt, ist für die 45-Jährige eine kleine Sensation: Zwanzig Jahre lang hatte sie nur ein Zimmer in einem Wohnheim für Menschen mit geistigen Behinderungen zur Verfügung, in dem sie die Türe nicht abschließen konnte. „Ich bin gar nicht geistig behindert, aber als meine Mutter mich nicht mehr selbst versorgen konnte, gab es keine andere Möglichkeit, wo ich hätte wohnen können“, erklärt die von Geburt an spastisch gelähmte Frau und fügt hinzu: „Ich musste meiner Mutter versprechen, nicht aus dem Heim auszuziehen“.
Die Mitbewohner in der Einrichtung waren nett, trotzdem fühlte Julia Maier sich fehl am Platz: „Mir wurde gesagt, ich würde anderen, schwerer behinderten Menschen einen Wohnplatz wegnehmen“, berichtet sie. Die Bevormundung und die Regeln, zum Beispiel Essen nur zu bestimmten Zeiten, gingen ihr auf die Nerven. Julia Maier wollte raus aus dem Heim, hatte aber auch Angst vor dem Leben draußen.
Unterstützung vom Zentrum für Selbstbestimmtes Leben
Psychologische und praktische Unterstützung für ihren Auszug bekam sie im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben (ZsL) Mainz. Parallel zu den Beratungsgesprächen lief die Wohnungssuche, und plötzlich war Eile geboten: „Wir haben uns viel Zeit zum Reden genommen, aber als die Wohnung zu haben war, musste ich Julia klar machen, dass sie jetzt handeln muss“, berichtet die Beraterin Nicola Niklas, die sich manchmal als Ersatzfamilie für die 45-Jährige fühlt.
Da Julia Maier in der Werkstatt für behinderte Menschen nur wenig Geld verdient, war die Wohnung für sie ein Glücksfall: groß genug, rollstuhltauglich und preislich akzeptabel für das Sozialamt. Die behinderte Frau begann ein neues Leben: Ihren Pflegedienst suchte sie sich selbst aus, und als sie unzufrieden war, wechselte sie zu einem anderen Anbieter. Dieser versorgt sie nun unter der Woche, wenn sie arbeitet. Am Wochenende beschäftigt die Rollstuhlfahrerin ihre eigenen Assistentinnen und Assistenten. Auf dieses kleine, noch ausbaufähige Arbeitgebermodell ist sie besonders stolz: „Mit meinen Angestellten kann ich selbst ausmachen, wer wann bei mir arbeitet und wie lange ich Hilfe brauche“, berichtet sie und erläutert begeistert die Einzelheiten des Dienstplans. Chefin zu sein, ist für sie eine erhebende Erfahrung.
Hilfe nach Maß zum eigenständigen Leben
„Hilfe nach Maß“ heißt das Programm, dem Julia Maier ihre neue Freiheit verdankt. Alles, was die behinderte Person für ein eigenständiges Leben braucht, wird mit dem Sozialamt ausgehandelt und ggf. in Geld beziffert. Den Betrag, der sich so errechnet, bekommt der Betroffene als Persönliches Budget überwiesen. Beim Umzug in die erste eigene Wohnung werden auch notwendige Anschaffungen berücksichtigt. So konnte sich Julia Maier eine barrierefreie Küche kaufen, in der sie einfache Gerichte selbstständig zubereiten kann.
Für viele andere alltägliche Dinge braucht sie aber weiterhin Hilfe, weil sie neben den körperlichen Einschränkungen auch Lernschwierigkeiten hat. Ihr bisheriges Leben, in dem ihr so gut wie alle Entscheidungen von der Mutter oder dem Pflegepersonal abgenommen wurden, hat Spuren hinterlassen. Zwar ist die 45-Jährige redegewandt und weiß, was sie will, aber mit Zahlen steht sie auf Kriegsfuß, lesen und schreiben kann sie nur mühsam. Aus ihrem persönlichen Budget bezahlt sie deshalb auch die pädagogische Unterstützung durch Nicola Niklas und Lothar Schwalm vom ZsL Mainz. Beide helfen der Rollstuhlfahrerin insgesamt 6 Stunden pro Woche, ihr selbstständiges Leben zu organisieren.
Eine solche Hilfe erhalten in Mainz viele Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Erkrankungen, und einige von ihnen konnten nach einer Weile die Unterstützung reduzieren oder ganz darauf verzichten. Obgleich solche Effekte natürlich erwünscht sind, soll das Persönliche Budget kein Sparmodell sein. Der tatsächliche Bedarf und die Selbstbestimmung der behinderten Menschen sollen das Maß der Dinge bleiben.
Michaela Hoffmann beobachtet die Entwicklung „ihrer“ Budgetnehmer aufmerksam, freut sich über jeden Fortschritt, jede Normalisierung in deren Leben wie zum Beispiel zunehmende soziale Kontakte. „Vieles ergibt sich in dieser Hilfeform sozusagen nebenbei. Zum Beispiel haben die Budgetnehmer in Mainz einen Stammtisch gegründet“, berichtet sie.
Den Stammtisch besucht auch Julia Maier, die außerhalb der Werkstatt für behinderte Menschen bisher erst wenige Freunde hat. Da sie nach den vielen behüteten Jahren einiges nachzuholen hat, freut sie sich sehr auf die Treffen. Die Mutter von Julia Maier konnte den mutigen Auszug ihrer Tochter aus dem Wohnheim nicht mehr miterleben. „Angenommen, Ihre Mutter könnte jetzt Ihr neues Leben sehen, wäre sie dann stolz auf Sie?“ „Ich glaube schon“, sagt Julia Maier. An den Gedanken, jemand könnte stolz auf sie sein, muss sie sich wohl auch erst gewöhnen.
* Name von der Redaktion geändert
© Ursula Obermayr













