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Menschen mit geistiger Behinderung: „Meist fehlt das Fachwissen, um richtig zu behandeln“
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Menschen mit geistiger Behinderung: „Meist fehlt das Fachwissen, um richtig zu behandeln“
Ein „Zweiklassensystem“ im Gesundheitswesen – da denkt jeder erst einmal an eine mögliche unterschiedliche Behandlung von Privat- und Kassenpatienten. Das ist aber nicht alles. Ein weiteres Zweiklassensystem besteht auch bei der Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung verglichen mit Menschen ohne.
01.06.2010
Michael Seidel
REHACARE.de sprach mit Michael Seidel, Leitender Arzt im Stiftungsbereich Behindertenhilfe der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, über Mängel in der Gesundheitsversorgung von geistig behinderten Menschen und wie man die Situation verbessern könnte.
REHACARE.de: Herr Seidel, erhalten Menschen mit geistiger Behinderung eine schlechtere medizinische Versorgung als nicht-behinderte Menschen?
Michael Seidel: Ja, das ist leider ein eindeutiger Befund. Es trifft nicht auf jeden einzelnen Fall zu, aber auf die Zielgruppe insgesamt gesehen ist das leider richtig.
REHACARE.de: Aber seit 1994, also immerhin seit 15 Jahren, enthält das Grundgesetz den Zusatz, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Warum wird das Gesundheitssystem in Deutschland diesem Antidiskriminierungs-Anspruch nicht gerecht?
Seidel: Das hat viele Ursachen. Es gibt eine lange Tradition in der Gesellschaft, behindertes Leben nicht als gleichwertig zu achten. Das spiegelt sich auch in der heutigen Realität der Versorgungssysteme wider. Früher kamen geistig behinderte Menschen in Sondereinrichtungen, sie wurden dort mehr oder minder umfassend versorgt – auch in medizinischer Hinsicht. Dabei wurde, um es mal provokativ auszudrücken, das allgemeine Gesundheitssystem aus ihrer Versorgung ausgeschlossen. Mittlerweile wurden und werden Schritt für Schritt ausgrenzende Institutionen und Versorgungsstrukturen abgeschafft, weil man sich der sozialen Inklusion verpflichtet sieht. Allerdings: Im allgemeinen Gesundheitssystem, das nun für diese Menschen zuständig ist, fehlen spezialisiertes Fachwissen und praktische Kompetenz im Umgang mit diesen Patienten.
REHACARE.de: Dabei müssen Menschen mit Behinderung meist noch häufiger zum Arzt als nicht-behinderte Menschen. Da müsste doch gerade in der Medizin Barrierefreiheit von oberster Priorität sein.
Seidel: Richtig. Menschen mit geistiger Behinderung haben einen überdurchschnittlichen Bedarf an Leistungen der Gesundheitsversorgung. Grundsätzlich gilt: Je komplexer ein Behinderungsbild ist, desto schwerer fällt es dem Gesundheitssystem, damit umzugehen – man ist weder fachlich noch organisatorisch ausreichend darauf vorbereitet. Das heißt, dass es keine Barrierefreiheit in der Medizin gibt - wobei sich Barrierefreiheit auf mehr als bauliche Barrieren bezieht, nämlich auch auf Barrieren in der Einstellung, im Wissen, in der praktischen Kompetenz.

Ärzte sprechen oft nur mit den
Begleitpersonen, nicht mit den
Patienten selbst; © SXC
REHACARE.de: Vor welchen Problemen stehen Menschen mit Behinderung, wenn sie einen Arzt aufsuchen wollen?
Seidel: Es gibt Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderungen. Oft respektiert man ihr Recht auf Respekt und Selbstbestimmung nicht. Das führt beispielsweise dazu, dass viele behinderte Menschen häufig nicht direkt angesprochen werden, stattdessen reden die Ärzte hauptsächlich mit der begleitenden Person. Und je größer intellektuelle oder psychische Behinderungen sind, desto größer ist auch die Gefahr, marginalisiert zu werden. Es ist allerdings objektiv oft recht schwer, mit Menschen, die schwer verständlich, sehr langsam sprechen oder komplexe Sachverhalte kaum verstehen, zu kommunizieren. Ärzte scheuen sich vor dem zusätzlichen Aufwand, weil die Vergütung dieselbe wie bei nicht-behinderten Menschen ist, obwohl die Untersuchung länger dauert.
REHACARE.de: Was ist denn bei der medizinischen Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung in fachlicher Hinsicht so anders?
Seidel: Das bezieht sich in erster Linie auf Spezialwissen, das man oft braucht: Es ist beispielsweise nicht jedem Arzt geläufig, dass Patienten mit Down Syndrom zu früher Alzheimer-Demenz neigen. Sie setzt bei ihnen viel früher ein als gewöhnlich, nämlich schon im vierten oder fünften Lebensjahrzehnt anstatt im siebten, achten oder neunten. Das muss man wissen, um Verhaltensveränderungen richtig zu diagnostizieren. Ein anderer Gesichtspunkt: Oft werden Sinnesbeeinträchtigungen von Patienten mit schweren geistigen Behinderungen übersehen. Die Ursache von Problemen wird ausschließlich im Menschen gesucht, statt in der Umgebung, die nicht die richtigen Hilfsmittel oder andere Unterstützung zur Verfügung stellt. Generell werden die Sinnesfunktionen zu selten getestet. Brillen sind oft nicht richtig angepasst. Grauer Star oder Altersschwerhörigkeit werden nicht bemerkt. In solchen Fällen ziehen sich behinderte Menschen von der Außenwelt zurück und die Umwelt findet sich damit ab, obwohl es oft ein Leichtes wäre, etwas dagegen zu tun. Manchmal kommt es sogar zu Verhaltensweisen, die als Verhaltensprobleme gedeutet werden.
Viele Patienten mit Behinderung
fühlen sich in Krankenhäusern
allein gelassen; © SXC
REHACARE.de: Können Sie uns ein Beispiel geben?
Seidel: Ein geistig behinderter junger Mann hat sich, als er zur Behandlung im Krankenhaus war, immer vor die Tür des Schwesternzimmers gesetzt. Sobald eine Schwester vorbeikam, krallte er sich an ihren Ärmel und lief überall hin mit. Das hat natürlich den Betrieb gestört. Irgendwann stellte man fest, dass der Patient hochgradig schwerhörig war, deshalb wenig von seiner Umwelt mitbekam und oft zu kurz kam. Er klammerte sich an die Krankenschwestern, um mitzubekommen, wann es beispielsweise Mittagessen gab. Der Mann war also eigentlich nicht verhaltensgestört. Im Gegenteil, er handelte klug und zweckmäßig, weil er einen Weg gefunden hatte, sich selbst zu helfen.
REHACARE.de: Was müsste getan werden, um die Benachteiligung von Menschen mit geistiger Behinderung in der Medizin zu beenden?
Seidel: Eins ist sicher, Moralisieren hilft nicht weiter. Wichtig ist, das Problembewusstsein zu fördern sowie Wissen und Kompetenz zu verbreiten. Das Thema muss systematisch in die Fort- und in die Weiterbildung für Ärzte aufgenommen werden. Es muss sichergestellt werden, dass für jeden Menschen mit geistiger Behinderung überall das medizinische Angebot, das er braucht, zur Verfügung steht. In erster Line muss sich das Regelversorgungssystem um dieses Thema kümmern. Aber man wird zu dessen Ergänzung auch spezialisierte Angebote für Erwachsene mit Behinderung brauchen. In jeder Stadt, in jedem Kreis muss es Ärzte geben, die sich auf die Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung spezialisiert haben. Aber dafür ist auch eine aufwandsgerechte Vergütung nötig, die dem Mehraufwand gerecht wird. Die Probleme haben viele Aspekte und viele Ursachen. Deshalb müssen viele ihren Beitrag leisten, um sie zu überwinden, die Ärzte, die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, die Gesundheitspolitik.
Dieses Interview führte Anke Barth.
REHACARE.de












