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Innenarchitektur: „Wünschenswert ist ein Alltag ohne Hindernisse für jedermann“

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Innenarchitektur: „Wünschenswert ist ein Alltag ohne Hindernisse für jedermann“

Ein Wohnraum in sterilem Beige-braun – diese Farbgestaltung hat bei vielen älteren Menschen zum Glück ausgedient. Mittlerweile kann man durch modisches, farbenfrohes Design viele Wohnträume realisieren und die Lebensqualität deutlich steigern.

01.08.2010

 
 
Foto: Susanne Goll
Susanne Goll;© privat

REHACARE.de sprach mit Innenarchitektin Susanne Goll über intelligente Raumplanung, sogenannte „Bausünden“ und wie sich die Wohnwünsche der Generation 50Plus umsetzen lassen.

REHACARE.de: Frau Goll, die Zahl der Personen über 60 Jahre wird in den nächsten Jahren deutlich steigen. Viele von ihnen sind jetzt noch fit, haben aber Angst, dass sie in einem höheren Alter weniger flexibel sind. Was soll die Generation 50Plus bei der Wohnplanung beachten?

Susanne Goll: Ich finde sehr wichtig, in dieser Situation alte gelebte Denkmuster und Lebensstrukturen zu überdenken und nach neuen Wegen des Wohnens zu suchen. Das bedeutet vor allem, Veränderungen bei der Wohnplanung zuzulassen. Man sollte sich von den bisherigen Lebensgewohnheiten stärker distanzieren und reflektieren, was man für die zukünftige Lebenssituation braucht. Hierbei hilft es immer, sich von einem kompetenten Planer Unterstützung zu holen. Gemeinsam sollte man die Lebens- und Wohnsituation beleuchten und ein individuelles Konzept erarbeiten.

Konkret: Die Raumnutzung in der vorhandenen Wohnung oder im Haus zu analysieren und nach neuen Bedürfnissen auszurichten. Räume können auch in ihrer Funktion getauscht werden. In einem mehrgeschossigen Haus würde sich anbieten, die Lebensräume nicht auf verschiedene Etagen zu verteilen, sondern die wichtigen Lebensräume in das Erdgeschoss zu verlegen. Ein Beispiel: Wenn man viel im Bett liegen muss, bietet es sich an, dieses in das Wohnzimmer zu stellen, weil man sich in dem Raum wohler fühlt oder die bessere Sicht in den Garten genießen möchte.

REHACARE.de: Das Thema „Wohnen im Alter“ wird häufig mit unpersönlichen beige-braunen Seniorenwohnungen verbunden. Schließt zweckmäßige Gestaltung individuelles Design aus?

Goll: Dieses alte Denkmuster ist leider immer noch in unseren Köpfen verankert: „Die Wohnung eines älteren Menschen muss in beige-braun eingerichtet sein.“ Aber warum sollten ältere Menschen keine Freude an Farben und an modernem Design haben? Hier gibt es ein Designkonzept, das nennt sich „Universal Design“, also gestalten für alle. Produkte, Geräte und Systeme sind derart konzipiert, dass sie für alle Menschen ohne weitere Anpassungen nutzbar sind. Das heißt auch, dass sie für jede Lebenssituation - egal ob alt oder jung, mit oder ohne Handicap gestaltet werden.

Grundsätzlich sollte sich der Anspruch an die Standards ändern. Nicht nur das althergebrachte sollte bei einer Planung berücksichtigt werden, sondern auch modernes Design. Mittlerweile gibt es viele Hersteller, die erkannt haben, dass Produkte, die als „Universal Design“ auf den Markt gebracht werden, einen größeren Absatzmarkt haben. Sehr deutlich sieht man das in den Bereichen Badezimmerausstattung, Gardinenstoffe, Möbel und Leuchten. Allerdings obliegt es dem Nutzer, sich über aktuelles und zeitgemäßes Design zu informieren. Zweckmäßige Gestaltung schließt aber weder individuelles Design noch individuelle Zusammenstellung aus.

REHACARE.de: Ein enges steiles Treppenhaus, eine kleine Wohnungstür, die den Zugang für Rollstuhlfahrer nicht möglich macht. Das sind einige der Schwierigkeiten, die den Alltag älterer Menschen erschweren. In welchen Wohnbereichen sehen Sie deutlichen Nachholbedarf in Bezug auf Barrierefreiheit?

Goll: Speziell bei Reihenhäusern sehe ich großen Handlungsbedarf, sowohl bei der Planung von Neubauten als auch bei der Sanierung im Bestand. Leider wird zuerst auf die Kosten geschaut, ohne zu hinterfragen, ob die kostengünstige Variante nachhaltig ist. Ausgesprochen wichtig finde ich dabei die Ausstattung der Duschen, die größer sein sollte als 80 mal 80 Zentimeter. Das ist einfach zu klein. Oft ist das eine Minimal-Ausstattung, mit der kaum noch jemand zurechtkommt – weder große Menschen, noch Menschen mit Handicap.

Wichtig sind auch leicht bedienbare Armaturen, Fenstergriffe und Fernbedienungen. Der Wohnraum sollte so angelegt sein, dass man ihn in vielen Lebenssituationen nutzen kann. Bei der Vermarktung einer Wohnung oder eines Hauses bietet der Makler oder der Eigentümer ein besonderes Alleinstellungsmerkmal an, wenn die Immobilie barrierefrei ausgestattet ist. Das steigert langfristig den Wert.

REHACARE.de: Was zeichnet eine vorbildliche Wohnraumgestaltung für Senioren aus?

Goll: Ein funktionierendes Raumkonzept, das individuell auf die jeweilige Situation reagiert, ist optimal. Zum Beispiel denke ich hier an barrierefreie Zu- und Eingänge – und in Badezimmern sollte eine bodengleiche Dusche Standard sein. Es sollte die Möglichkeit bestehen, am Waschbecken sitzen zu können. Auch in der Küche sollte eine optimale Funktionalität vorhanden sein. Das heißt, alles, was ich für den Alltag benötige, sollte man in Reichweite haben, damit man sich nicht bücken muss. Konkret: Wenn man eine Spülmaschine hoch baut, können zusätzliche körperliche Anstrengungen vermieden werden.

Ganz wichtig ist auch, eine gute und ausreichende Beleuchtung im Wohnraum einzusetzen. Das gibt Sicherheit, reduziert Ermüdungserscheinungen und Stolperfallen. Nachts, wenn man aufstehen muss, kann man mit einem Handgriff das Licht betätigen und sicher ins Bad gehen.

REHACARE.de: Welche Wünsche haben die Senioren?

Goll: Die ältere Generation hat den großen Wunsch, so lange wie möglich im eigenen vertrauten Zuhause wohnen bleiben zu können. Dort ist man selbstständig und hat sich nach entsprechenden Bedürfnissen eingerichtet. Im Falle einer Bewegungseinschränkung ist es günstig, dass man das Umfeld und die vorhandene Infrastruktur kennt. Medizinisch und psychologisch gesehen bedeutet es auch, dass man sich Zuhause wohl, sicher und geborgen fühlt. Ältere, kranke Menschen oder Menschen mit einem Handicap können ein eigenverantwortliches Leben führen, bleiben selbstständig und halten sich gleichzeitig fit. Die soziale Isolation hat dann keine Chance. Jeder hat aber auch seine persönlichen Vorstellungen, wie der ideale Wohnraum einzurichten ist.

REHACARE.de: Was kann ein jeder tun, um sein Wohnumfeld eigenständig altersgerecht zu gestalten? Haben Sie ein paar Tipps?

Goll: Eine altersgerechte Gestaltung beinhaltet zum Beispiel ein gut funktionierendes Raumkonzept und eine optimale Badausstattung. Sehr wichtig ist es, eine ausreichende Beleuchtung in allen Räumen für die verschiedenen Lebensbereiche zu schaffen. Auch die richtige Farbgestaltung, insbesondere bei Seheinschränkung, kann unterstützend im Alltag sein. Der Einsatz von Kontrastfarben lässt Stolperfallen besser erkennen.

Die Farbgestaltung hat auch deutliche Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden. Lieblingsfarben können den Nutzer inspirieren, ihm Geborgenheit und Sicherheit vermitteln oder auch harmonische Gefühle erzeugen. Grundsätzlich sollten alle Wohnbereiche auf individuelle Bedürfnisse reagieren können.

 
 
Foto: Älterer Herr liest unter einer Lampe eine Zeitung
Ein stilvolles Wohnambiente steigert das persönliche Wohlbefinden und vermittelt Sicherheit;
© Rainer Sturm/Pixelio.de

REHACARE.de: Im Bereich Innengestaltung für ältere Menschen hat sich viel getan – von der Küche mit rundum automatischen Funktionen bis hin zu Lichtschaltern mit leuchtenden, großen Symbolen. Welche Innovationen sind noch zu erwarten?

Goll: Die Zukunft heißt einfach und komfortabel. Die Technik ist als Assistent zu sehen. Die Hersteller müssen darauf hin arbeiten, dass sich die Technik dem Alltag unterordnet und für jede Person leicht zu bedienen ist. Auch kleine technische Veränderungen sollten selbstständig durchgeführt werden können, ohne die Hilfe eines Technikers oder Handwerkers zu benötigen. Allerdings ist das Handling bei manchen Produkten noch sehr beschwerlich und gleichzeitig körperlich sehr anstrengend.

Ein weiterer Punkt ist, dass man in Privathäusern ganz selbstverständlich einen Platz für einen kleinen Personenaufzug einplant. Auch eine abgewandelte Hebebühne könnte die Funktion eines Fahrstuhls in einem Haus übernehmen. Es wäre schön, wenn die Hersteller zukünftig diese Idee weiterentwickeln würden.

REHACARE.de: Gibt es speziell vorgeschriebene Normen, die Sie bei einer barrierenfreien Innenausstattung beachten müssen?

Goll: Es gibt DIN-Normen 18024 und 18025, die in erster Linie für den öffentlichen Bereich ausgelegt sind. Im privaten Bereich müssen sie nicht angewendet werden. Man kann sich an den Vorgaben orientieren und die aufgeführten Maßangaben als Anhaltspunkte nehmen. Dafür braucht man allerdings weitläufige Flächen, die oft nicht vorzufinden sind. Inwieweit eine genaue Umsetzung der Planung nach DIN-Normen sinnvoll ist, muss von Fall zu Fall geprüft werden.

REHACARE.de: Ist eine barrierefreie und altersgerechte Planung von Wohnräumen eine Frage des Geldes?

Goll: Generell ist es keine Frage des Geldes. Berücksichtigt man im Vorfeld der Wohnungsplanung einige Details, bleiben die Kosten gering. Falls man aber im Nachhinein viele Sachen nachrüsten muss oder man findet einen maroden und schwierig zu gestaltenden Baubestand vor, dann hat leider manches seinen Preis. Grundsätzlich hat Wohnkomfort aber nichts mit Luxus oder Exklusivität zu tun. Wohnkomfort bedeutet immer, dass der Nutzer selbstständig bleibt. Eine altersgerechte Planung oder ein barriererfreier Umbau ermöglichen dem Bewohner, alltägliche Handlungen in der Wohnung ohne Unfallgefahr oder zusätzlichen Kraftakt ausführen zu können. Wünschenswert ist ein Alltag ohne Hindernisse für jedermann.

REHACARE.de: Werden Senioren oder auch Menschen mit einem Handicap bei einer Umgestaltung finanziell unterstützt?

Goll: Das ist unterschiedlich und ist immer von der jeweiligen persönlichen Situation abhängig. Natürlich gibt es Gelder für eine barrierefreie Umgestaltung eines Wohnraums. Einige Banken haben ein Programm mit günstigen Konditionen angelegt. Hier bedarf es wieder einer individuellen Betrachtung.

Es gibt auch sicherlich die Möglichkeit, dass die Krankenkassen einen Teil der Kosten übernehmen. Ein Betrag von circa 2.590 EUR wird zum Beispiel gewährt, wenn man nachweisen kann, dass das Geld für eine barrierefreie Umgestaltung dringend benötigt wird. Es kann zum Beispiel für den Einbau einer bodengleichen Dusche genutzt werden. Oft ist dann der Einzug in ein Pflegeheim hinfällig und man kann Zuhause wohnen bleiben.

REHACARE.de: Wer hilft älteren Menschen während der Zeit der Wohnanpassung bei der Organisation?

Goll: Städtische Einrichtungen und soziale Dienste, aber auch frei arbeitende Innenarchitekten und Architekten fungieren als Ansprechpartner und Berater.

Dieses Interview führte Diana Posth.
REHACARE.de