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Jörg Leonhardt - Einer für Alle

Schwerpunkt: Sport

Jörg Leonhardt - Einer für Alle

Er springt in Schwindel erregender Höhe aus Flugzeugen. Er taucht in die Tiefen der Meere. Er schüttelt Michael Ballack oder Dirk Nowitzki die Hand. Jörg Leonhardt ist trotz oder vielleicht auch wegen eines lebensgefährlichen Autounfalls, aufgrund dessen er im Rollstuhl sitzt, ein Tausendsassa.

15.03.2006



Der 40-Jährige hat vor einigen Jahren einen Verein gegründet, mit dem er behinderten Kindern ermöglicht, rasante Bootsfahrten zu unternehmen. REHACARE.de sprach mit Jörg Leonhardt über den Verein, den Sport und sein Leben.

REHACARE.de: Im Jahr 2000 haben Sie den Verein Wings for handicapped gegründet? Wie kamen Sie auf die Idee, was wollten Sie damit bezwecken?

Leonhardt: Ich hatte damals einen Flugschein und wollte im amerikanischen Hoheitsgebiets eine Außenstart- und Landegenehmigung haben. Die Verantwortlichen sagten, dass Sie für Individualisten nichts machen, aber Fliegerclubs würden sie unterstützen. Deshalb haben ich und Freunde Wings for handicapped gegründet.

 
 
Foto: Jörg Leonhardt beim Rollstuhlbasketball 
Sport war für ihn schon immer
wichtig; © Leonhardt

Als ich 2002 erfahren habe, dass es keine Ausrichte für die Junioren EM im Rollstuhlbasketball gibt, haben wir die Satzung des Flugsportvereins geändert und die Junioren Europa Meisterschaft in Frankfurt ausgetragen. Da ich selbst in der Nationalmannschaft gespielt habe, weiß ich wie wichtig es ist gerade in jungen Jahren internationale Vergleiche zu haben.

REHACARE.de: Wer ist Mitglied in Ihrem Verein?

Leonhardt: Freunde von mir sind die Mitglieder. 46 insgesamt. Aber wir wollen es klein halten, damit wir mehr erreichen können. Sonst müssen wir uns nachher zu Tode verwalten.

REHACARE.de: Wie finanzieren Sie die Projekte und Ihren Verein?

Leonhardt: Ausschließlich über Spenden. Viele geben Sachspenden, so hat uns beispielsweise der Hersteller des Bootes 50 Prozent Nachlass gegeben und den 250 PS Außenboardmotor haben wir kostenlos bekommen.

 
 
Foto: Schnellboot im Wasser 
"Hoppetosse" - der von Pippi Langstrumpf entlehnte Name ist Programm - Unmögliches wird möglich;© Leonhardt

REHACARE.de: Seit zwei Jahren haben Sie das Boot die Hoppetosse und fahren behinderte Kinder über Seen und Flüsse. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?

Leonhardt: Im Frühjahr 2003 habe ich aufgehört Basketball zu spielen und saß mit meinem Freund Andreas im Café in Berlin zusammen. Wir haben dort zwei, drei Tage Brainstorming gemacht und kreuz und quer alle Aktivitäten auf den Tisch gelegt. So kamen wir auf die Idee eines integrativen Projekts: Behinderte und nicht Behinderte sitzen zusammen im Boot, haben Spaß und ein gemeinsames Erlebnis. Mit der Aktion wollen wir den Menschen die Angst nehmen mit Behinderten umzugehen.

Beim Drachenfliegen und Fliegen kann man nur eine Person mitnehmen. Und was ist, wenn diese mitten im Flug Angst bekommt. Dann kann ich nichts machen. Beim Bootfahren kann ich die Geschwindigkeit herausnehmen und die Begleitpersonen können intensiv auf die Person eingehen. So ist die Idee der Hoppetosse geboren.

 
 
Foto: Nahaufnahme des Schnellbootes 
Bei hoher Geschwindigkeit werden
die Fliehkräfte spürbar; © Leonhardt

REHACARE.de: Wo sind Sie schon überall mit dem Boot gefahren?

Leonhardt: Wir waren in Düsseldorf und Berlin. Ich bin nach England mit dem Boot gefahren. Dieses Jahr planen wir eine Fahrt nach Stockholm, Istanbul oder Wien. Grundsätzlich hat das Projekt Priorität. Die Hoppetosse ist nicht für meine Befriedigung da. Mir macht es Riesenspaß mit Kiddies Boot zu fahren, weil die zeigen das, was sie empfinden. Die lachen sich dahinten kaputt oder haben ein bisschen Angst und Bedenken am Anfang und nachher sind sie vollkommen Stolz und steigen aus dem Boot heraus mit erhobenem Kopf und sagen: ich bin mitgefahren.

REHACARE.de: Gibt es weitere Projekte in der Zukunft, die sie planen?

Leonhardt: Ich hab keine Ahnung, was kommt. 2002 wusste ich nicht, dass ich eine Junioren-EM ausrichte. Ich hatte davor mal einen Kindergeburtstag organisiert und das war alles. Ich hatte überhaupt keine Erfahrung. Und das Projekt mit der Hoppetosse nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Klar, man könnte auch sechs bis sieben Boote anschaffen und die deutschlandweit verteilen, aber da habe ich keinen Überblick und keine Entscheidungsgewalt mehr. Weil ich es jetzt selbst in den Händen habe, weiß ich auch wovon ich rede.

 
 
Foto: Jörg Leonhardt mit verschiedenen Promis 
Jörg Leonhardt kennt Prominente aus Sport und Fernsehen: hier mit Dirk Nowitzki, Heidi Klum und Michael Ballack; © Leonhardt

REHACARE.de: Sie kennen sich in der Prominentenwelt aus. Wie haben Sie diese ganzen Kontakte von Dirk Nowitzki bis Michael Ballack hergestellt?

Leonhardt: Da ich selbst Rollstuhlbasketball gespielt habe, war der Kontakt mit Dirk Nowitzki nahe liegend. Und damals habe ich mich darum bemüht, dass wir mit der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft in der gleichen Halle Länderspiele gemacht haben wie die Basketballmannschaft. Ich habe Dirk von meinem Vereinsprojekt erzählt und er hat daraufhin ein paar Schuhe signiert, die wir dann versteigern durften.

REHACARE.de: Sie springen Fallschirm, fliegen Drachen, tauchen - warum reizen Sie diese extremen Sportarten?

 
 
Foto: Jörg Leonhardt im Flugzeug 
Adrenalinkick nein - "Ich wollte
wissen, ob es funktioniert";
© Leonhardt

Leonhardt: Vor meinem Unfall habe ich Handball gespielt. Nach meinem Unfall kam ich in die Behindertennational- mannschaft für Rollstuhlbasketball. Parallel dazu wollte ich andere Sportarten ausprobieren. Also habe ich einen Tandemfall-schirmflug gemacht. Darauf folgte ein Drachenflug und die Pilotenlizenz für Sportflugzeuge. Dann habe ich einen Tausch-schein und Bootführerschein gemacht. Einfach ein paar Sachen ausprobiert, weil ich wissen wollte, ob es funktioniert. Es ging nicht um den Adrenalinkick, sondern ich wollte wissen, ob es funktioniert.

REHACARE.de: Was ist Ihr Ziel im Leben und ist das ein anderes als vor Ihrem Unfall?

Leonhardt: Ich habe kein Ziel. Ich habe keine Ahnung wo ich hinkomme. Es ist nicht so, dass ich ziellos durch das Leben gehe, aber ich habe nicht vor ein Lebenswerk zu schaffen und zu sagen: da will ich hin. Es ist auch nicht so, dass ich einfach in den Tag hinein lebe, sondern es ist schon strukturiert, aber ich weiß nicht, wo ich in zwei Jahren bin.

REHACARE.de: Was können Sie Menschen mit Handicaps als Ratschlag mit auf den Weg geben?

Leonhardt: Den Kopf nicht in den Sand stecken und wenn man Lust hat, was auszuprobieren, es auszuprobieren. Nicht bei der ersten Niederlage oder wenn irgendwo Probleme auftreten gleich nachgeben und sagen: Ach, Glück gehabt, es geht doch nicht. Oder: Ok ich kann nichts mehr. Deshalb besser die Ärmel hochkrempeln. Wenn man was will, kann man es schaffen. Der Weg ist manchmal egal, es geht um das Ziel. Ich habe gemerkt, wenn manchmal eine Tür zufällt, geht woanders eine auf, die womöglich viel, viel reizvoller ist.

REHACARE.de: Was können Sie nicht behinderten Menschen als Ratschlag mit auf den Weg geben?

Leonhardt: Den Behinderten so normal wie möglich anzusehen und nicht die Hilfe aufzudrängen, sondern einfach nur anbieten. Nicht ihn einfach über die Straße schieben, wer weiß, ob er auf die andere Straßenseite wollte. Sondern einfach fragen: kann ich Dir helfen. Also ein ganz normales Miteinander.

REHACARE.de

- Mehr zum Verein Wings for handicapped unter: www.w4h.org

 
 

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