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Korbleger-Kostprobe für die EM

Schwerpunkt: Sport

Korbleger-Kostprobe für die EM

Die deutsche Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft will sich Ende August bei der Europameisterschaft in Wetzlar durchsetzen. Gleichzeitig erhofft sie sich durch das Event mehr Annerkennung für die Randsportart. Einen Vorgeschmack auf die EM gab es über Pfingsten beim Internationalen Rollstuhlbasketball-Turnier in Osnabrück.

15.06.2007



Ein Pfiff, ein Ball und zwei Arme schnellen in die Höhe. Der kräftige Spieler im weißen Trikot erwischt das runde Leder – Deutschland ist im Ballbesitz und geht zum ersten Angriff über. Die Gegner in rot sind hoch gehandelte Favoriten, sie kommen aus Großbritannien. Die deutsche Nationalmannschaft geht das Eröffnungsspiel des internationalen Rollstuhlbasketballturniers von Beginn an beherzt an. Nach dem ersten Viertel steht es 16:18 aus deutscher Sicht.

 
 
Foto: Spieler beim Rollstuhl-Basketball
Die Basketballspieler müssen ihren Rolli in jeder Situation beherrschen; © REHACARE.de

Und das, obwohl Frits Wiegmann eine neu aufgestellte Mannschaft auf das Feld geschickt hat. Der Bundestrainer nutzt die Gelegenheit, verschiedene Spieler vor dem großen Auftritt zur EM, die vom 23. August bis zum 2. September in Wetzlar stattfindet, zu testen. Vergessen darf er eins nicht dabei: die Gesamtpunktzahl seiner spielenden Mannschaft. Im Vergleich zum Fußgängerbasketball unterscheidet sich der Rollstuhlbasketball in seinen Regeln nur wenig, allerdings muss man das Klassifizierungssystem beachten. Demnach darf eine fünfköpfige Mannschaft auf höchstens 14 Punkte kommen. Die Spieler werden nämlich je nach Behinderung eingestuft: Die Spieler zählen 1 Punkt, wenn sie schwer behindert wie bei einer Querschnittlähmung sind. Dann geht es in 0,5er-Schritten bis zu der maximalen Punktzahl von 4,5 für eine minimale Behinderung.

Nach dem ersten Viertel kehren insgesamt 14 Punkte für die deutsche Mannschaft zurück aufs Spielfeld. Spannend geht es weiter. Deutschland und Großbritannien sind ständig gleich auf. Da verliert das rote Team den Ball und die deutsche Mannschaft fährt einen blitzschnellen Konter. Der Schiedsrichter funkt dazwischen: Pfiff und Aus für den Angriff, weil ein Deutscher regelwidrig geschoben hat. Zwar gibt es beim Rollstuhlbasketball kein Doppeldribble, dafür aber den Schubfehler. Ein Spieler darf den Rollstuhl höchstens zweimal anschieben, wenn er in Ballbesitz ist, beim dritten Mal begeht er einen Schubfehler. Egal, weiter geht es. Schnell und effektiv wird auf beiden Seiten das Angriffsspiel aufgezogen. Mit einem gerechten Unentschieden geht die deutsche Mannschaft dank der robusten Rollstühle in die Halbzeitpause. Mit denen blockten zwei deutsche Spieler ihren Gegner in der letzten Minute, der Brite verlor den Ball und Deutschland konnte ausgleichen zum 30:30.

Damit die fahrbaren Sportuntersätze solche Attacken aushalten, müssen sie speziell angefertigt werden. Im Gegensatz zum alltäglichen Rollstuhl sind die sportlichen Varianten fest verschweißt und die Reifen stehen nicht senkrecht zum Boden, sondern sind schräg befestigt, damit die Spieler schneller manövrieren können und nicht so schnell umkippen. Individuell sind die Rollstühle noch mal auf die Behinderung des jeweiligen Spielers zugeschnitten. Stark Behinderte sitzen tiefer im Rollstuhl, weil das stabiler ist, je nach Körperbau unterscheidet sich auch die Breite des Geräts.

 
 
Foto: Zwei Spieler beim Rollstuhl-Basketball
Der Schnellere gewinnt;
© REHACARE.de

Nach der Halbzeit geht es in der kleinen Sporthalle in Osnabrück weiter. Um die hundert Zuschauer hocken auf der Sitztribüne, die Journalisten – näher am Geschehen, weil sie direkt hinter den Körben sitzen – verfolgen, wie die Briten zunehmend Schwierigkeiten kriegen, das deutsche Spiel zu unterbinden.

Das heimische Nationalteam hat Erfolg mit seinem Spielsystem: Einer Mischung aus großen Spielern, die schwer am Wurf zu blocken sind, und kleineren, schnellen Spielern, die das Aufbauspiel im Angriff bestimmen, weil sie sich immer wieder anbieten können und anspielbar sind. Die Spielsysteme unterscheiden sich von Land zu Land, so dass der europäische Nachbar Italien zum Beispiel nur mit großen Leuten spielt; die USA setzen auf Leute, die mit dem Rollstuhl schneller und wendiger sind.

Nach dem dritten Viertel führt die deutsche Nationalmannschaft mit vier Punkten Vorsprung, 54:50. Die Partie wird hektischer. Nachdem ein Brite beim Blockversuch aus dem Rollstuhl fällt, die Schiedsrichter jedoch weiterspielen lassen, protestieren die Spieler in den roten Trikots. Gegen Ende des Spiels gibt es mehr und mehr Fouls an deutschen Spielern, und das ist Strategie: Die Zeit wird nach einem Foul angehalten und der gefoulte Spieler bekommt Freiwürfe, er muss allerdings zwei Treffer landen, um die gleiche Anzahl an Punkten zu erzielen wie aus dem Spiel heraus. Die britische Mannschaft versucht geschickt, den Abstand zu verkürzen und mehr Zeit für die eigenen Angriffe zu gewinnen. Alles andere als zimperlich nimmt das Spiel seinen Lauf.

Aber nicht nur der Körperkontakt ist beim Rollstuhlbasketball sehr intensiv, auch die Zusammenarbeit innerhalb des Teams ist wichtig. Wer eins gegen eins gehen will, hat verloren. Es ist einfach zu schwer, den Gegenspieler mit dem Rollstuhl zu umfahren.

 
 
Foto: Teambesprechung
Was ist der nächste Zug gegen den Gegner? © REHACARE.de

Und das muss gelernt sein. Bis zu zehn Stunden die Woche trainieren die Basketballer neben voller Berufstätigkeit oder Studium. Dazu kommen die vielen Auswärtsspiele mit längeren Anreisen und die Treffen mit der Nationalmannschaft. Allerdings kann man das nicht mit Ländern wie Australien, Italien und der Türkei vergleichen. Dort trainiert man professionell mehrfach täglich.

Frits Wiegmann sieht der EM im eigenen Land optimistisch entgegen: „Die Chancen stehen eigentlich sehr gut, weil wir zu Hause spielen. Allerdings ist der Leistungsunterschied zwischen den achtbesten Mannschaften eher gering.“ Für ihn und seine Spieler ist Italien der große Favorit, und obwohl man schon in der Vorrunde auf die Spieler aus dem Stiefelstaat trifft, ist das gesetzte Ziel der deutschen Mannschaft, dass sie das Halbfinale erreicht. Die Platzierung unter den ersten vier bedeutet nämlich bei den Paralympics 2008 in Peking mit dabei zu sein, um sich in einem Jahr mit den Großen des Rollstuhlbasketballs aus Kanada, den USA und Australien zu messen.

Der deutsche EM-Kader steht erst im Juli. Die Plätze sind unter den Rollstuhlbasketballern heiß begehrt. Zu der Meisterschaft haben sich auch Berühmtheiten aus Politik, Medien und Sport angemeldet, darunter Deutschlands Basketballidol Dirk Nowitzki sowie sein Trainer aus der Nationalmannschaft Dirk Bauermann, aber auch Bundespräsident Horst Köhler und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Alle Beteiligten hoffen auf große Resonanz aus der Öffentlichkeit, denn „Rollstuhlbasketball ist nach wie vor eine Randsportart in Deutschland. Wir freuen uns auf jeden Sponsor und das Interesse an unserem Sport“, meint Wiegmann.

Stille, ein Korb und viele gebannte Blicke. Es ist noch genau eine Sekunde zu spielen und es steht 70:70: Lars Lehmann zielt, holt tief Luft, wirft. Und trifft. Das Auftaktspiel gegen Großbritannien wird mit einem Freiwurf entschieden. Die Zuschauer und die Spieler auf der deutschen Auswechselbank jubeln. 71:70. Der Sieg macht Mut und ist der erste Meilenstein auf dem Weg zu einer erfolgreichen Europameisterschaft.

REHACARE.de

 
 

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