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„Behinderte Menschen sollten im Winter nicht zu Hause hocken“ – Anke Hinrichs über eine integrative Erlebniswoche im Schnee

Schwerpunkt: Sport

„Behinderte Menschen sollten im Winter nicht zu Hause hocken“ – Anke Hinrichs über eine integrative Erlebniswoche im Schnee

Schneeschuhlaufen, Reifenrodeln und Iglu bauen: Für zwölf behinderte und nichtbehinderte Jugendliche aus ganz Deutschland bietet der Deutsche Alpenverein seit 2004 die Erlebniswoche No Limits (keine Grenzen) in den winterlichen Alpen an. Die sprach- und gehbehinderte Diplompädagogin Anke Hinrichs hatte die Idee und leitet den Kurs. REHACARE.de sprach mit der 34-Jährigen über Wintersport, der motivieren und verbinden kann.

01.01.2009

 
 
Foto: Eine Gruppe beim Schneeschuhwandern
Schneeschuhwandern ist einfach zu lernen und hält fit; © JDAV/Wahl

REHACARE.de: Frau Hinrichs, warum ist Wintersport wichtig für Menschen mit Behinderung?
Anke Hinrichs: Behinderte Menschen sollten im Winter nicht zu Hause hocken, sondern durch Wintersport am Leben teilhaben. Sport ist mir für mich besonders wichtig. Ich war früher mit meinen Eltern oft in den Bergen. Es hat mich immer sehr motiviert etwas zu leisten, was nicht jeder macht. Wie einen Zweitausender mit den Ski hinab zu fahren. Für meine Entwicklung war es wichtig zu sehen, dass es geht, auch wenn andere es mir nicht zutrauten.

REHACARE.de: Welche Aktionen stehen in der Erlebniswoche auf dem Plan?
Hinrichs: Wir bieten Sportarten an, die schnell zu lernen sind und die man gemeinschaftlich machen kann. Sie sollen vor allem Spaß machen. Mit dabei sind Snowtubing, bei dem man mit einem Schlauch und nicht einem Schlitten rutscht, Schneeschuhlaufen und Rodeln. Außerdem machen wir Gruppenspiele, in denen die Jugendlichen als Team zusammen arbeiten. Das Highlight ist das Winter-Biwag. Wir bauen Iglus und übernachten darin.

REHACARE.de: Wer kann mitmachen?
Hinrichs: Jugendliche im Alter von 18 bis 25 Jahren. Generell sind wir für alle Arten der Behinderung offen, nur Rollifahrer können wir nicht mitnehmen, weil das Haus nicht barrierefrei ist. Wir wollen in Zukunft aber testen, ob es auch mit Rollifahrern geht - die müssten aber sehr fit sein. Bisher haben vor allem Jugendliche mit Lernbehinderung, Sehbehinderung und solche mit Mehrfachbehinderung mitgemacht. Wir würden uns über die Teilnahme von Körperbehinderten und chronisch Kranken sehr freuen. Diese kommen kaum. Alle Teilnehmer brauchen ein gewisses Maß an Selbständigkeit, da wir keine Pflegeleistungen erbringen können.

REHACARE.de: Sie wenden das Tandem-Prinzip an. Wie funktioniert das?
Hinrichs: Je ein nicht behinderter Jugendlicher hilft einem mit Handicap, beispielsweise beim Laufen auf schwierigem Gelände. Die Tandem-Partner wechseln täglich. So lernen sich alle enger kennen.

 
 
Foto: Ein sehender Mann führt einen blinden durch den Schnee
Das Tandem-Prinzip: Die nicht behinderten helfen den behinderten Teilnehmern; © JDAV/Wahl

REHACARE.de: Die nichtbehinderten Jugendlichen scheint es nicht zu stören, dass sie helfen müssen.
Hinrichs: Sie genießen die Gruppenatmosphäre. Ein nichtbehinderter Teilnehmer hat einmal geschrieben: 'Gestern waren wir wandern. Von der Umgebung hab ich wenig mitbekommen. Aber das Erlebnis, mit dem blinden Jungen durch die Schlucht zu gehen, war so toll, dass ich auf das andere gerne verzichtet habe, um ihm das zu ermöglichen.'

REHACARE.de: Wie kamen Sie auf die Idee einer integrativen Erlebniswoche?
Hinrichs: Ich selbst konnte einmal in einem Bergsportlager für Behinderte in der Schweiz mit der Hilfe von zwei Nichtbehinderten einen Dreitausender besteigen. Sie haben mir gesagt, sie würden die Verantwortung für mich übernehmen. Das war eine tolle Erfahrung. So entstand das Prinzip des Tandemkurses, das auch bei No Limits angewandt wird. Weil es das vorher in Deutschland nicht gab, bin ich an den Deutschen Alpenverein herangetreten, der die Ideen aufgegriffen und viel Zeit und Geld investiert hat, um das Angebot auf die Beine zu stellen.

REHACARE.de: Es melden sich normalerweise mehr Nichtbehinderte für die Woche an als Behinderte. Woran liegt das?
Hinrichs: Genau wissen wir das nicht. In Behinderten-Institutionen ist die Resonanz auf unser Angebot gleich Null. Meinem Mitarbeiter wurde sogar schon einmal gesagt, dass die Jugendlichen zu selbständig von der Freizeit zurück kommen würden. Ich glaube außerdem, dass sich viele die Erlebniswoche nicht zutrauen, weil sie denken, dass sei zu schwer – das ist aber nicht so.

 
 
Foto: Männer und Frauen bauen einen Iglu
Schafe, schaffe, Häusle baue - wenn alle anpacken, ist ein Iglu schnell gebaut; © JDAV/Wahl

REHACARE.de: Was möchten Sie mit der Erlebniswoche erreichen?
Hinrichs: Mein persönliches Ziel ist, dass nicht behinderte Menschen solche mit Behinderung kennen lernen und sehen, was sie alles möglich machen können, wenn sie ihnen helfen. Außerdem sollen die behinderten Jugendlichen lernen, sich selber etwas zuzutrauen, und zu erkennen: Ich kann ja doch viel mehr. Sie sollen nicht fürsorglich belagert werden, sondern Verantwortung für sich selbst übernehmen. Zu Hause wird ihnen viel zu viel abgenommen. Sie haben keine Chance, sich auszuprobieren. Eltern sollen auch sehen: Es geht viel mehr selbständig.

REHACARE.de: Und das funktioniert?
Hinrichs: Ein mehrfach behinderter, blinder Jugendlicher hat in unserer Freizeit zum ersten Mal seinen Blindenstock benutzt. Er hat zu Hause immer eine Betreuerin und nutzte ihn deshalb nicht. Sein Tandem-Partner hat ihn ermutigt, den Stock zu benutzen und es hat geklappt.

Das Interview führte Natascha Mörs.
REHACARE.de

- Infos gibt es beim Jugendreferat des Deutschen Alpenvereins unter: www.jdav.de
- Oder bei Anke Hinrichs direkt unter: anke@hinrichs-erlebnispaedagogik.de

 
 

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