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Integrative Rockband: „Mit Musik Welten öffnen, die gar nicht so anders sind“

Schwerpunkt: Musik

Integrative Rockband: „Mit Musik Welten öffnen, die gar nicht so anders sind“

Musik verbindet – jung und alt, groß und klein, behindert und nicht behindert. Wie gut Letzteres funktioniert, zeigt die integrative Rockband „Lampenfieber“ aus Lüdenscheid. Seit zehn Jahren rocken die sieben Mitglieder gemeinsam auf der Bühne und lassen ihre Fans vergessen, dass fünf aus der Band geistig behindert sind.

01.02.2010

 
 
Foto: Ralf Franke
Ralf Franke; © privat

Ralf Franke ist einer der Bandgründer, von Beruf Heilerziehungspfleger und betreut im Johannes-Busch-Haus in Lüdenscheid Menschen mit Behinderung. REHACARE.de sprach mit ihm über eigenes Lampenfieber, provokante Songtexte und Musik als Mittel zur Integration.

REHACARE.de: Herr Franke, 2009 hatte die Band „Lampenfieber“ zehnjähriges Jubiläum. Unseren Glückwunsch hierzu. 1999 haben Sie zusammen mit Ihrem Kollegen Marc Friese die Band gegründet. Wie kam es eigentlich dazu?

Ralf Franke: Wir beide arbeiten im Johannes-Busch-Haus in Lüdenscheid, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Durch unsere Arbeit haben wir gesehen, dass die Bewohner des Hauses sehr musikalisch sind. Da konnten wir einfach nicht anders, als daraus etwas zu machen. Also haben wir den Bewohnern angeboten, eine Rockband zu gründen und sind daraufhin völlig überrannt worden.

REHACARE.de: Also hatte die Idee einschlagenden Erfolg?

Franke: Ja, das kann man wohl sagen. Wir haben uns dann erst einmal mit der Heimleitung zusammen gesetzt und das ganze Vorhaben strukturiert. Inzwischen haben wir einen Proberaum in der Integrativen Kulturwerkstatt Alte Schule. Hier treffen wir uns jeden Donnerstag zum Proben.

REHACARE.de: Kämpfen Sie und Ihre Bandkollegen selbst bei jedem Auftritt mit Lampenfieber oder warum haben Sie sich so genannt?

Franke: Ich habe als Abschluss meiner Ausbildung zum Heilerziehungspfleger eine Facharbeit über das Thema „Lampenfieber“ geschrieben. Als wir auf der Suche nach einem Namen waren, merkten wir schnell, dass wir alle einfach nur begeistert von dem Phänomen waren.

REHACARE.de: Und es gehört ja auch zum Showbusiness dazu.

Franke: Genau. Lampenfieber ist ein positiver Schub, eine Art Energie, die man auf der Bühne für sich nutzen kann. Ein wenig Aufregung muss einfach sein, sonst fehlt auch die Emotion beim Auftritt. Deswegen haben wir uns für diesen Namen entschieden.

REHACARE.de: Wie sind denn innerhalb der Band die Aufgaben verteilt?

Franke: Für die Texte setzen wir uns zusammen und überlegen uns gemeinsam Inhalte. Danach ordne ich alles und schreibe dann meistens den Text. Aber auch musikalisch erfinden wir einen Song gemeinsam: Zum Beispiel fängt der Keyboarder an eine Melodie zu spielen, der Schlagzeuger setzt mit ein. Wir alle haben einen persönlichen Schatz an Erfahrungen, den wir mit einfließen lassen.

REHACARE.de: Die meisten Mitglieder der Band haben eine geistige Behinderung. Welche Rolle spielt das Thema Behinderung in Songtexten von „Lampenfieber“?

Franke: Menschen mit Behinderung bewegen eigentlich die gleichen Themen wie jeden nicht behinderten Menschen auch. Deswegen ist die Behinderung an sich nicht unser Schwerpunktthema. Allerdings haben wir auch Songs wie „Sie sieht anders aus“. Darin geht es um eine junge Frau mit Down-Syndrom. Im Text wird deutlich, dass ihr Leben andere Menschen bereichert und dass sie glücklich ist. Mit solchen Songs wollen wir Ängste und Barrieren aufbrechen.

 
 
Foto: Die integrative Rockband "Lampenfieber"
"Lampenfieber" in seiner Urbesetzung: Aus gesundheitlichen Gründen mussten drei Mitglieder die Band bereits verlassen; © privat

REHACARE.de: Andere Songs heißen „Ich bin ein Mensch“, „Unterwegs“ oder „Penner“ – woher holen Sie sich Ihre Inspiration für die Texte?

Franke: Wir suchen mit unserer Musik Wege, unsere Gefühle und Beobachtungen auszudrücken. Und als Rockgruppe sind wir teilweise auch provokant. „Penner“ ist genau genommen ein Aufruf zur Solidarität mit anderen Randgruppen. Das ist uns wichtig. Wir möchten mit unserer Musik Verständnis schaffen und Welten öffnen, die gar nicht so anders sind, wie viele vielleicht denken.

REHACARE.de: Ist es als integrative Band schwerer, das Publikum für sich zu begeistern?

Franke: Bei unseren Auftritten hatten wir bis jetzt keine Probleme, das Publikum mitzureißen. In den Gesichtern kann ich sowohl Achtung als auch Begeisterung ablesen. Wir nutzen unsere Musik als Mittel zur Integration. Und es funktioniert. Die Sprache der Musik verstehen eben alle Menschen.

REHACARE.de: Wie reagieren denn Medien aus der Musikszene auf Ihre Musik und Sie als Band?

Franke: So sehr in der Öffentlichkeit stehen wir dann doch noch nicht. Wir bekommen nicht ständig Interviewanfragen oder so. Aber es war dann doch schon ein schönes Gefühl, als uns der WDR zum zehnten Geburtstag gratulierte.

REHACARE.de: „Lampenfieber“ hat bereits zwei CDs veröffentlicht und sogar eine eigene DVD produziert. Auch die Konzerte sind immer gut besucht. Sind Sie als integrative Band ein Vorreiter in der Musikszene?

Franke: Nein, absolut nicht. Integrative Bands gibt es schon lange in allen Formen und Stilen. Das sieht man ja auch bei den integrativen Songfestivals. Wir betrachten uns einfach als einen Teil der Szene: eine integrative Band, die gut im Sattel sitzt.

REHACARE.de: Welche Ziele hat „Lampenfieber“ noch für die Zukunft?

Franke: Ehrlich gesagt: Wir wollen gar nicht reich und berühmt werden. (lacht) Jedem einzelnen von uns ist dieser Bereich unseres Lebens sehr ans Herz gewachsen. Unser Ziel ist es, das zu erhalten, was wir haben. Dass jeder von uns gesundheitlich weiterhin mitmachen kann. Wir möchten auch in Zukunft in der Szene aktiv mitmischen. Wir haben natürlich nichts gegen weitere Auftritte, gerne vor großem Publikum und am liebsten mit Gage. (lacht) Aber ansonsten mögen wir uns und wollen so bleiben, wie wir sind.

Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de

 
 

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