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Leben mit Beini

Schwerpunkt: Prothesen

Leben mit Beini

Dieser Artikel erschien im Magazin HANDICAP, Ausgabe 4/2005. Informationen unter: www.handicap.de

 
 

01.02.2006

Gunther Belitz hat zwei Familien mit beinamputierten Kindern besucht und dabei eine Menge Normalität erlebt.

Daniel und Nicolas Peier kloppen sich draußen vor dem Haus, und es geht richtig zur Sache. Nicolas nimmt Daniel in den Würgegriff, der stößt ihn weg und landet dabei selbst unsanft auf dem Hosenboden. "Der tritt mich immer mit seinem Bein", petzt Nicolas bei seiner Mutter, die aufpasst, dass es nicht zu wild wird. Doch kurze Zeit später sind die eineiigen Zwillinge ohnehin schon wieder ein Herz und eine Seele. Dass man die Siebenjährigen bei den Rangeleien kaum unterscheiden kann, ist vor allem das Verdienst von Daniel, denn er bewegt sich mit einer Unterschenkelprothese durchs Leben. "Beini" sagt er dazu, und damit hat er recht, denn das ist ja auch ein viel schöneres Wort.

 
 
Foto: Daniel mit seiner Mutter 
Immer gut drauf; © HANDICAP

"Daniels Bein wurde aufgrund einer Schnürfurche im Mutterleib abgeklemmt und musste unmittelbar nach der Geburt amputiert werden. Im ersten Moment war das wie ein schwarzes Loch für uns", berichtet Edith Peier. "Ich hätte mir gewünscht, sofort Kontakt mit Eltern aufnehmen zu können, die in einer ähnlichen Situation sind", ergänzt ihr Mann Andreas. "Aber wir waren absolut allein", sagt seine Frau. Heute wären die beiden von sich aus bereit, auf andere Eltern zuzugehen, um ihnen weiterzuhelfen.

"Ich bin in den letzten Jahren selbstbewusster geworden, denn um die Prothesenversorgung für Daniel musste ich immer kämpfen", berichtet Edith Peier und erwähnt Auseinandersetzungen mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). Die Kasse selbst sei aber letzten Endes immer kooperativ gewesen. Ein Ärgernis ist für die engagierte Frau auch offensichtlich unzulängliche Orthopädie-Technik. "Durch eine offen liegende Schraube im Schaft hat Daniel einmal eine schlimme Druckstelle bekommen, und sein Liner schlotterte fürchterlich am Stumpf", regt sie sich auf. Das ist verständlich, denn aufgrund der wachstumsbedingten Anpassungen muss sie mit Daniel schon genug Zeit im Sanitätshaus verbringen und kann auf handwerkliche Mängel gut und gerne verzichten.

Da streitet sie sich schon lieber mit ihren beiden kleinen Raufbolden, die sie ganz schön auf Trab halten: "Es wird hier im Wohnzimmer kein Fußball gespielt, ihr habt mir schon genug Sachen kaputt gemacht", sagt sie und lacht. Das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Brüdern ist groß und wird durch die Zwillingssituation noch gestärkt. Nicolas erledigt viele kleine Dinge für Daniel und hebt ihm schon mal Sachen vom Boden auf. Beide wurden im September in die gleiche Klasse eingeschult. "Jetzt wird es langsam Zeit, dass sie ihr eigenes Zimmer bekommen", sagt Edith Peier.

Für Daniel ist sein Handicap ganz normal, weil er es nicht anders kennt. Einmal, im Kindergarten, erzählt er, hat ein Kind zu ihm gesagt: "Na, du mit dem Holzbein!" Da war er so verärgert, dass er nicht mehr hingehen wollte. Doch dann hat die Kindergärtnerin erklärt, was es mit der Prothese auf sich hat, und die Kinder durften sein Beini berühren. Heute ist Daniel schon so weit, dass er Späße über sich und seine Amputation machen kann.

 
 
Foto: Daniel und Nicolas beim Legospielen 
Nicolas erledigt viele Dinge für seinen Zwillingsbruder Daniel; © HANDICAP

Als er neulich wegen einer Reparatur ohne Beini in die Schule musste, prahlte er vor seinen Kameraden: "Auf einem Bein kann ich sowieso schneller hüpfen als ihr!" Beim Spielen mit Legosteinen und Modellautos im Kinderzimmer zieht er Beini ohnehin gerne mal aus, weil das so bequemer ist. "Wenn er irgendetwas nicht machen kann, macht er es eben anders", sagt Edith Peier treffend.

Umso wichtiger waren für Daniel die Erfahrungen während einer Reha in der Fachklinik Enzensberg in Hopfen am See. Denn hier hat er nicht nur Trampolinspringen, sogar mit einem Ball in der Hand, gelernt, sondern auch zum ersten Mal Kinder mit einem ähnlichen Handicap gesehen und realisiert, dass er mit seinem Beini nicht allein ist. Beim Sportunterricht und auf dem Schulhof rennt und rauft er wie alle anderen herum. Auf der Seifenkiste, die der Opa gebaut hat, geht es zusammen mit Nicolas in rasender Fahrt den Abhang zum Garten hinunter. Ängstlich sind die Eltern nicht: "Wenn die Prothese kaputt geht, geht sie eben kaputt", sagt Edith Peier. "Und auch die Ärzte meinen: Daniel soll so sein wie alle anderen auch."

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