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Mehrgenerationenwohnen: „Jeder kann von der unterschiedlichen Lebenssituation des anderen profitieren“
Schwerpunkt: Familie
Mehrgenerationenwohnen: „Jeder kann von der unterschiedlichen Lebenssituation des anderen profitieren“
Miteinander wohnen, sich gegenseitig helfen, Vereinsamung und Isolation entgegenwirken – das sind die Ideen, die Mehrgenerationenprojekten zugrunde liegen. Allerdings knirscht es schon mal im Getriebe, wenn unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensstile von Jung und Alt für Zündstoff sorgen.
01.11.2009
Dr. Katrin Hater
Katrin Hater hat ein Mehrgenerationenhaus in Aachen als Moderatorin begleitet. REHACARE.de sprach mit der Soziologin über Generationenkonflikte, Regeln und Bobbycars im Hausflur.
REHACARE.de: Frau Hater, warum braucht ein Mehrgenerationenhaus eine Moderatorin?
Katrin Hater: Ein solches Wohnprojekt zu realisieren, ist ein komplexer Prozess. Da ist es gut, wenn ein Außenstehender aufpasst, dass sich die zukünftige Wohngemeinschaft nicht verzettelt, sondern Schritt für Schritt alle wichtigen Fragen klärt. Außerdem ist es wichtig, dass sich alle an ein paar Regeln halten, die die Kommunikation erleichtern. Das hört sich einfach an, muss aber geübt werden und geht meiner Meinung nach nur mit Hilfe einer Moderatorin.
REHACARE.de: Was sind das für Kommunikations-Regeln?
Hater: Zum Beispiel über uns und unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu reden. Also, nicht vorwurfsvoll zu sagen: „Nie trägst Du den Müll runter“, sondern es stattdessen so zu formulieren: „Mir täte es gut, wenn Du regelmäßiger den Müll runter tragen würdest.“
REHACARE.de: Worüber streiten sich Bewohner eines Mehrgenerationenhauses am meisten?
Hater: Es gibt ganz unterschiedliche Gründe für Streit. Die lassen sich aber einer sachlichen, einer persönlichen und eine gruppendynamischen Ebene zuschreiben. Auf der persönlichen Ebene kommt es beispielsweise zum Streit, weil man unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung im Hausflur hat.
REHACARE.de: Ist das ein typischer Generationenkonflikt?
Hater: Ja, denn junge Familien brauchen ein gewissen Maß an Unordnung um sich herum. Das Bobbycar, der Kinderwagen oder die Gummistiefel im Hausflur – Eltern mögen das, denn das sind alles Zeichen ihrer Kinder. Ältere Leute benötigen dagegen mehr Ordnung in ihrem Leben. Sie haben nicht mehr die Kraft, flexibel auf Unvorhersehbares reagieren zu können - abgesehen davon, dass sie Angst haben, im Hausflur über etwas zu stolpern und zu stürzen. Das sind Grundbedürfnisse, die im Widerspruch zueinander stehen.
Wegen Bobbycars im Hausflur kann es Ärger geben; © Wikipedia
REHACARE.de: Was ist außerdem problematisch?
Hater: Jüngere Leute leiden unter chronischem Zeitmangel, denn sie haben zahlreiche Verpflichtungen. Sie wünschen sich zwar Geselligkeit, aber sie wollen, dass ein Treffen effizient und flott über die Bühne geht. Ältere haben viel mehr Zeit, was zur Folge hat, dass die Jüngeren häufig ungeduldig werden und die Älteren sich darüber beschweren, dass die Jüngeren nie Zeit haben.
REHACARE.de: Wie vermitteln Sie zwischen diesen unterschiedlichen Bedürfnissen?
Hater: Man muss den Königsweg aufzeigen. Das heißt, man muss den Bewohnern klar machen, dass jeder von der unterschiedlichen Lebenssituation des anderen profitieren kann. Die Älteren finden es beispielsweise interessant, den Jüngeren zuzuhören, weil sie noch viel mehr erleben und viele Kontakte haben. Die Jüngeren genießen es vielleicht, einen aufmerksamen Zuhörer zu haben, bei dem sie eigene Probleme los werden können.
REHACARE.de: Blut ist dicker als Wasser, sagt der Volksmund. Werden in Familien Generationenkonflikte nicht besser abgefedert als in einer Mehrgenerationen-Hausgemeinschaft?
Hater: Das hängt natürlich von der Familie ab. Allerdings gilt, dass es in der Familie unausweichliche hierarchische Verhältnisse gibt. Wenn mein Vater mit mir spricht, hallt das in mir sehr viel stärker nach, als wenn mir ein anderer älterer Mann etwas sagt. Es kann also durchaus sein, dass es mit Fremden manchmal einfacher, als mit der eigenen Familie ist, wenn man generationenübergreifend auf Augenhöhe miteinander leben möchte.
REHACARE.de: Kann Mehrgenerationenwohnen familiäre Bindungen ersetzen?
Hater: Ich glaube, familiäre Bindungen sind durch nichts zu ersetzen. Aber sozialen Kontakt, Hilfe und menschliche Nähe kann man auch in Wohnprojekten finden.
Das Interview führte Sonja Endres.
REHACARE.de












