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Kinder geistig behinderter Eltern: „Sie empfinden ihre Kindheit als normal“
Schwerpunkt: Familie
Kinder geistig behinderter Eltern: „Sie empfinden ihre Kindheit als normal“
Menschen mit geistiger Behinderung gelten oft als „ewige Kinder“. Wenn sie Eltern werden, zweifelt das Umfeld, ob sie dieser Aufgabe gewachsen sind. Doch was sagen die Kinder dazu?
01.05.2010
Dietke Sanders; © privat
Diplompädagogin Dietke Sanders untersuchte in ihrem Forschungsprojekt die Situation von Kindern geistig behinderter Eltern. REHACARE.de sprach mit ihr über vertauschte Rollen und stolze Kinder.
REHACARE.de: Frau Sanders, wenn Menschen mit einer geistigen Behinderung Kinder bekommen, sind diese auch behindert – so das Klischee. Stimmt das wirklich?
Dietke Sanders: Die Gefahr, dass sich beim Nachwuchs die Entwicklung verzögert, besteht schon. Doch oft wird jede kleine Auffälligkeit sofort mit der Behinderung der Eltern in Zusammenhang gebracht. Aber das ist nicht zwangsläufig so.
REHACARE.de: Sondern?
Sanders: Meist sind die Lebensumstände der Eltern verantwortlich: Vor und während der Schwangerschaft werden Menschen mit Lernschwierigkeiten viel zu schlecht informiert. Babykurse sind oft nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Die Kommunikation mit den Eltern müsste einfacher sein. Wenn man ihnen etwa erklärt, wie ein Baby gewickelt wird, sollte man Bilder dazu zeigen, Übungen machen und das Gesagte öfter wiederholen. Dann können Menschen mit Lernschwierigkeiten es besser verstehen und wären auch besser auf die Elternrolle vorbereitet.
REHACARE.de: Je älter die Kinder werden, desto mehr Situationen gibt es, in denen sie ihren Eltern überlegen sind. Wie erlebt der Nachwuchs solche Momente des Rollentausches?
Sanders: In vielen Fällen ist es gar kein kompletter Rollentausch. Egal welches Handicap eine Mutter hat, sie bleibt immer die Mutter. Man kann mit ihr üben, ihre Autorität zu behalten, wenn sie sagt, das Kind solle sein Zimmer aufräumen.
REHACARE.de: Aber spätestens mit der Schulzeit beginnt eine oft schwierige Phase. Eltern mit geistiger Behinderung können ihren Kindern nicht immer bei den Hausaufgaben helfen und auch bei Elternabenden verstehen sie nicht immer alles.
Sanders: Deshalb gehen Eltern mit geistiger Behinderung auch nicht gerne in die Schule ihrer Kinder. Die Sprache in der Schule ist zu bürokratisch. Auf Elternabenden werden für sie zu schwierige und zu viele Informationen vermittelt. Da sind Eltern mit Lernschwierigkeiten schnell überfordert. Außerdem sind viele Lehrer voreingenommen und gehen in Gesprächen nicht so auf die Eltern ein, wie diese es brauchen.
REHACARE.de: Und was kann man da tun?
Sanders: Zum einen müsste sich das Schulsystem viel mehr auf leichte Sprache einstellen. Damit wäre den Eltern mit Lernschwierigkeiten schon viel geholfen, weil sie vieles besser verstehen könnten. Ansonsten ist eine gute Assistenz für die ganze Familie wichtig. Das können die Großeltern, andere Verwandte oder auch Familienhelfer sein. Manchmal suchen sich die Kinder allein eine Art zweite Familie – Menschen, die ihnen zusätzlichen Halt und Unterstützung bieten können.
REHACARE.de: Kinder von geistig behinderten Eltern müssen trotz Hilfsangeboten oft früher als andere Verantwortung übernehmen. Wie gehen sie damit um?
Sanders: Die Kinder lernen dadurch auch sehr viel, sind emotional und sozial sehr kompetent. Außerdem erscheinen sie oft sehr hartnäckig und selbstbewusst und vertreten ihre Familie auch so nach außen.
Großeltern können Kinder geistig
behinderter Eltern unterstützen und
Halt bieten;© Beeck/Pixelio.de
REHACARE.de: Gibt es denn gar keine Situationen, in denen die Kinder mal an ihre Grenzen stoßen?
Sanders: Doch, die gibt es. Immer dann wenn es ums Zwischenmenschliche geht, wird es für die Kinder schwierig. Wenn sie neue Freunde kennenlernen und diese sich nach der Familie erkundigen. Dann fragen sie sich, ob sie die Wahrheit sagen oder lügen sollen.
REHACARE.de: Also schämen sich die Kinder für ihre Eltern?
Sanders: Ja, manchmal passiert das. Und dann schämen sie sich dafür, dass sie sich schämen. Weil sie es ja gar nicht böse meinen. Aber wenn sie Freunde das erste Mal mit nach Hause bringen oder ihre Eltern auf Eltern von Freunden treffen, dann sind sie verunsichert, was wohl die Anderen sagen werden.
REHACARE.de: Wie gehen die Kinder damit um, wenn ihre Eltern von der Gesellschaft ausgeschlossen werden?
Sanders: Das ist sehr unterschiedlich. Einige können gut damit umgehen, andere trifft es stärker. Weil es so viele Vorurteile gibt, betonen die Kinder oft auch nur das Positive. Sie trauen sich nicht darüber zu reden, was nicht so gut klappt in der Familie. Denn meist heißt es dann: „Es ist ja klar, dass deine Eltern keine guten Eltern sind.“
REHACARE.de: Werden auch die Kinder selbst aufgrund ihrer familiären Situation von Gleichaltrigen gehänselt oder ausgeschlossen?
Sanders: Ja, das kommt leider immer noch vor. Aber auch hier sollte man nichts verallgemeinern. Ein Mädchen beispielsweise fühlte sich an der einen Schule völlig unwohl, weil es ausgegrenzt wurde. Als es dann aber eine andere Schule besuchte, hat es sehr schnell gute Freunde gefunden. Diese hatten bereits Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt, die nicht jeder macht. Daher waren sie sensibler und aufgeschlossener gegenüber dem Mädchen und ihrer Familie.
REHACARE.de: Wenn man älter wird, kann man viele Dinge besser beurteilen, weil man den nötigen Abstand hat. Wie empfinden und beurteilen die Jugendlichen ihre Kindheit im Nachhinein?
Sanders: Ihre Kindheit erscheint den Jugendlichen nicht ungewöhnlich. Im Vergleich mit anderen Familien bemerken sie zwar Unterschiede. Aber sie empfinden ihre Kindheit als normal, da sie ihr Leben nicht anders kennen. Und das eigene Leben ist eben immer normal. Trotzdem sind Kinder von Eltern mit Lernschwierigkeiten von klein auf dem enormen Druck ausgesetzt, sich noch mehr als andere beweisen zu müssen. Wenn sie gewisse Ziele wie einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung erreicht haben, sind sie meist besonders stolz.
Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de












