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Nicht ohne meinen Sohn

Schwerpunkt: Familie

Nicht ohne meinen Sohn

Mutter werden ist nicht schwer, Mutter sein dagegen sehr. Gerade für Frauen mit einer geistigen Behinderung ist die Elternrolle nicht einfach. Damit sie ihren Alltag mit Kind trotzdem erfolgreich meistern können, gibt es ein besonderes auf sie zugeschnittenes Konzept: Begleitete Elternschaft.

01.05.2010

 
 
Foto: Wendeltreppe 
Diese Wendeltreppe führt direkt
zur Eingangstür der Wohngruppe;
© REHACARE.de

Ihre braunen Augen strahlen. Tanja Kühne* zeigt auf die vergrößerten Fotos neben ihrem Bett. „Da war Felix* ein Jahr alt. Und auf diesem Bild waren wir zusammen im Zoo“, erzählt die zierliche Frau lächelnd. In Bilderrahmen mit silbernen Blütenblättern reiht sich eine Erinnerung an die nächste – die Trophäensammlung einer stolzen Mutter.

Doch etwas unterscheidet Tanja Kühne von anderen Müttern: Sie ist geistig behindert. Als sie mit Felix schwanger war, hat das Jugendamt sie vor die Wahl gestellt: Entweder es nimmt ihr den Sohn weg oder sie zieht in eine spezielle Wohngruppe – 80 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt.

Veränderungen machen ihr Angst

Bis Mitte der 90er Jahre sagte man Müttern mit Lernschwierigkeiten nach, dass sie sich nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern könnten. Teilweise wurden Mutter und Kind direkt nach der Geburt voneinander getrennt. „Eine geistige Behinderung hat doch nichts mit der Beziehungsfähigkeit der Mutter zu tun“, empört sich Jutta Becker, Diplompädagogin und Teamleiterin innerhalb der Jugend- und Behindertenhilfe der Diakonie Michaelshoven in Köln.

 
 
Foto: Comicfigur Winnie Puh auf einem Poster im Kinderzimmer
Die Mütter richten die Zimmer mit
eigenen oder geliehenen Möbeln
liebevoll ein; © REHACARE.de

„Frau Kühne hat sich ganz klar für ihren Sohn entschieden. Das ist nicht selbstverständlich in ihrer Situation“, weiß die Betreuerin. Seit fast zwei Jahren lebt Tanja Kühne nun zusammen mit drei anderen Müttern und deren Kindern im „Wohnprojekt Begleitete Elternschaft“. Auf dem Gelände der Diakonie bietet die Wohngruppe Menschen mit Lernschwierigkeiten seit Mai 2000 die Möglichkeit, mit ihrem Kind zusammen zu leben.

Jutta Becker erinnert sich noch sehr gut an das erste Zusammentreffen mit Tanja Kühne: Die damals werdende Mutter war kaum in der Lage, ihr in die Augen zu blicken, sah scheu und verschlossen auf den Boden. Nur langsam konnte sich die neue Bewohnerin auf die Hilfe von Jutta Becker und ihren Kolleginnen einlassen. Aber sie wusste ja für wen sie es tat.

Die Wände in Felix‘ Zimmer sind in einem hellen Blau gestrichen. Durch das deckenhohe Fenster fällt die Mittagssonne in den Raum und strahlt mit dem fast Zweijährigen um die Wette. „Sein Bett habe ich gerade frisch bezogen. Es riecht dann immer so gut“, schwärmt Tanja Kühne und gibt dem fröhlichen Blondschopf einen Kuss auf die Stirn.

Die Mütter, die hier leben, übernehmen im Alltag soviel Verantwortung für die Kinder wie sie können. Sie haben eine festgelegte Tagesstruktur. Damit diese auch keine von ihnen vergisst, hängt im Flur für jede ein Plan. Jutta Becker betont, dass die Struktur sehr wichtig für die Mütter ist. Sie nimmt ihnen ein Stück weit den Stress. Denn ein Leben mit Kind stellt den Alltag ständig auf den Kopf. „Solche Veränderungen machen Frau Kühne oft noch Angst“, erzählt Jutta Becker. „Aber sie bemüht sich trotzdem sehr, auf die Bedürfnisse ihres Sohnes einzugehen.“

Die Betreuerin unterstützt sie dabei. Das Team aus Pädagogen, Erziehern und Heilerziehungspflegern ist rund um die Uhr für die Frauen da. Sie gehen gemeinsam zum Kinderarzt, helfen beim Kontakt mit Behörden und stehen auch bei der Erziehung immer mit hilfreichen Tipps zur Seite.

 
 
Foto: Betreuerin füllt einer Bewohnerin Spaghetti auf 
Am großen Holztisch in der Küche essen und lachen die Mütter zusammen mit ihren Kindern und den Betreuerinnen; © REHACARE.de

„Entweder du isst vernünftig oder du lässt es“

Fröhliches Geplauder hallt durch die Küche. Der Geruch von gebratenen Zwiebeln und Schinken steigt einem in die Nase. Ein Blick in den dampfenden Topf verrät: Heute gibt es Spaghetti Carbonara zum Mittag. Tanja Kühne und Felix sind schon ganz hungrig. Heute hat Maria B.*, eine weitere Bewohnerin, für alle gekocht. Jeden Tag ist jemand anderes an der Reihe. Zwischen Krabbelgruppe und Mittagsschlaf nehmen sich alle ein wenig Zeit, um gemütlich miteinander zu essen, zu reden und zu lachen.

„So wie die Gruppe im Moment ist, ist es wirklich meine Traumgruppe“, sagt Jutta Becker. Denn nicht jede Mutter, die hier einzieht, nimmt ihre Situation und die Hilfe der Betreuerinnen so gut und gerne an. Und das ist wichtig für das tägliche Miteinander. Die Wohngruppe ermöglicht den Müttern, ihr Recht auf ein Leben mit ihrem Kind wahrzunehmen. Doch das Recht des Kindes auf sein eigenes Wohlergehen steht im Vordergrund. Darauf achtet das Jugendamt als Kostenträger des Projektes besonders.

Aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß Jutta Becker, dass die geistige Behinderung an sich nur sehr selten der Grund ist, warum Mutter und Kind getrennt werden. Viele Frauen haben selbst eine traumatische Vergangenheit, kommen aus einem schwierigen sozialen Umfeld oder sind generell nicht fähig, emotionale Bindungen aufzubauen. Diese Fakten kombiniert mit einer Lernschwierigkeit verhindern dann ein Zusammenleben von Mutter und Kind.

Den roten Plastiklöffel legt Felix beiseite. Die kleinen Finger greifen nach den Spaghetti und stecken sie genüsslich in den Mund. Tanja Kühne beobachtet ihren Sohn skeptisch aus dem Augenwinkel. Dann nimmt sie ihm den Teller weg und ermahnt ihn: „Entweder du isst vernünftig oder du lässt es.“ Sein Blick verspricht Besserung, er bekommt seinen Teller zurück und schiebt sich brav den roten Löffel in seinen mit Soße beschmierten Mund.

 
 
Foto: Zwei Frauen sprechen miteinander, andere essen
Die Betreuerinnen sprechen beim
Essen über Speisepläne und
Einkaufslisten; © REHACARE.de

Scheiden tut weh

„Felix hat ein bisschen Fieber heute. Aber jetzt schläft er endlich“, sagt Tanja Kühne eine halbe Stunde später und lässt sich auf den Stuhl sinken. Gestern war sie mit ihrem Sohn beim Impfen – daher wohl das Fieber, erzählt sie. Der fast Zweijährige fing an zu weinen als er die Spritze sah. „Aber ich habe ihm die ganze Zeit beruhigend das Händchen gestreichelt“, erinnert sich die fürsorgliche Mutter.

Lange wird Tanja Kühne nicht mehr im Wohnprojekt der Diakonie bleiben können. Wenn die Kinder etwa zwei Jahre alt sind, überlegen die Betreuerinnen gemeinsam mit der Mutter, wie es nun für die kleine Familie weitergeht. Das hängt vor allem davon ab, wie eng und stabil die Bindung zum Kind ist. Eine Trennung ist nach der Zeit in der Wohngruppe eher die Ausnahme. Entweder ziehen Mutter und Kind in ein Betreutes Wohnen oder eine sozialpädagogische Familienhelferin kommt regelmäßig nach Hause und steht mit Rat und Tat zur Seite.

Viele Frauen halten nach dem Auszug weiterhin den Kontakt zu Jutta Becker und ihre Kolleginnen. Tanja Kühne hat schon angedeutet, dass sie traurig sein wird, wenn sie ausziehen muss. Aber trotz der Wehmut verlässt sie die Wohngruppe auch mit einem lachenden Auge: „Ich möchte in Zukunft mit meinem Freund zusammen wohnen. Dann sind wir endlich eine richtige Familie.“

* Name von der Redaktion geändert

Nadine Lormis
REHACARE.de