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Wer nichts merkt, kann auch nichts ändern
Schwerpunkt: Familie
Wer nichts merkt, kann auch nichts ändern
Nicht behinderte Kinder leiden oft darunter, wenn ihre Eltern den behinderten Geschwistern mehr Aufmerksamkeit schenken als ihnen. Ihre Sorgen behalten sie aber für sich und so bemerkt es niemand. Dabei könnten Gespräche mit Eltern und anderen Kindern einiges ändern.
01.02.2008
© Sturm/pixelio
„Häufig hätte ich einen Ansprechpartner gebraucht, doch eigentlich wusste niemand so richtig, wie es mir geht.“ (Doris, 30 Jahre)
Kinder mit behinderten Geschwistern kämpfen häufig mit zwiespältigen Gefühlen. Oft plage sie ein schlechtes Gewissen, weil sie gesund sind und ihre Geschwister nicht – auf der anderen Seite wünschen sich manche Kinder sogar, dass sie auch behindert wären, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Für solche Gedanken schämen sie sich aber. Von diesen Erfahrungen berichtet Eberhard Grünzinger vom Sozialverband VDK in Bayern.
Er berät betroffene Familien und beschäftigt sich mit den Geschwistern behinderter Kinder. „Sie denken, sie werden weniger geliebt oder sind weniger wert. Das Gefühl rührt meist daher, dass sie seltener gelobt werden als ihre behinderten Geschwister, deren Fortschritte die Eltern eher bemerken. Das empfinden viele als unfair.“ Sie fühlen sich verantwortlich gegenüber der Schwester oder dem Bruder. Ihr soziales Verhalten ist in vielen Fällen ausgeprägter als bei Gleichaltrigen, weil sie von sich aus viel helfen. Deshalb möchten sie ihren Eltern auch nicht noch mehr Arbeit machen und benehmen sich unauffällig, erledigen ihre Angelegenheiten sehr selbständig.
So entsteht ein Teufelskreis: Die Eltern merken oft nicht, dass die gesunden Kinder überfordert sind oder sich einsam fühlen, weil sie so umgänglich sind. „Aber nur, wenn sie die Kinder ansprechen, reden sie auch darüber“, meint Grünzinger. Und das helfe am meisten, nehme die Sorge ab, sich immer verantwortlich zu fühlen. Die Kinder brauchen Freiraum für sich selbst und müssen auch mal Nein sagen können, wenn sie helfen sollen. Weiter betont er: „Die gesunden Kinder sollen vor allem an Problemen und Überlegungen der Eltern teilhaben, dann überrumpeln sie gewisse Entscheidungen nicht. Sie sollen auch in die Pflege der behinderten Geschwister einbezogen werden - natürlich nur in Maßen“.
„Weder meine Eltern noch ich sind damals auf die Idee gekommen, dass mir außerfamiliäre Unterstützung eventuell hätte gut tun können.“ (Kathrin, 28 Jahre, mit körperbehinderter Schwester)
Verbände und Organisationen, wie der VDK Bayern, bieten bereits Beratungsangebote und Seminare für diese Kinder an. „Das Wichtigste ist der Kontakt zu anderen gesunden Geschwistern“, erklärt Grünzinger, „es ist eine Erleichterung, wenn sie wissen, dass es ihnen nicht allein so geht.“ Das kann ihnen helfen, ihr Gleichgewicht zwischen Sorge für andere und sich selbst zu finden.
In Ferienfreizeiten mit anderen gesunden Geschwistern, bei regelmäßigen Treffen und bei Angeboten für die ganze Familie können sie sich austauschen. „Allein die Idee der Eltern, sich um ein Seminar oder Ähnliches zu kümmern, zeigt den Kindern bereits: Ich bin auch wichtig“, so Grünzinger. Von Angeboten für die Familien gebe es in Deutschland aber noch sehr wenige. Er erhalte viele Anfragen, könne jedoch meist nur auf Internetseiten und Foren, wie www.geschwister-behinderter-kinder.de, verweisen, weil es sonst keine offiziellen, staatlichen Anlaufstellen gebe.
Viele Eltern müssen sich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, dass ihre Kinder womöglich erst mit anderen über ihre Gefühle reden möchten. Deshalb gibt es auch für sie vereinzelt Seminare, in denen sie lernen, damit umzugehen. Solange die Eltern aber niemand darauf aufmerksam macht, dass ihren gesunden Kindern etwas fehlen könnte, nehmen sie an solchen Seminaren auch nicht teil. „Nur viel mehr Öffentlichkeitsarbeit kann das ändern“, stellt Grünzinger fest. „Meine Erfahrung zeigt, dass vor allem durch die Medien auf die Geschwister und deren Situation aufmerksam gemacht werden kann.“ Weitere Wege seien beispielsweise Ausschreibungen zu Wochenendseminaren für Familien oder Vorträge in Einrichtungen.
REHACARE.de
- Infos und Forum „Arbeitskreis Geschwisterkinder“: www.geschwister-behinderter-kinder.de
- Angebote der Lebenshilfe Bremen e.V.: www.lebenshilfe-bremen.de
- Forum einer Betroffenen „Geschwister behinderter Menschen“: www.geschwister-behinderter-menschen.de












