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Lotsen auf stürmischer See

Schwerpunkt: Familie

Lotsen auf stürmischer See

Falsch ernährte Kinder, ein pflegebedürftiger Partner oder schwanger und arbeitslos. Familien in schwierigen Situationen müssen nicht verzweifeln. Ihnen können dank einer neuen Weiterbildung Spezialisten helfen – die Familien-Gesundheitspfleger.

01.05.2009

 
 

„Ich kann ihn doch nicht verhungern lassen!“ Martha Rösler war verzweifelt. Als ihr Mann auf seinen Wunsch aus dem Krankenhaus zum Sterben nach Hause kam, wusste sie nicht, wie schwer das für sie und ihre beiden Kinder werden würde. Doch sie hatte Glück im Unglück: Eine Familien-Gesundheitspflegerin stand ihr zur Seite. Daniela Massoli sprach mit Martha Rösler und den Kindern über die Krankheit des Vaters, warum er möglicherweise nicht essen will, zog einen Arzt zu Rate und erleichterte letztendlich den Entschluss, den Ehemann und Vater doch noch einmal in die Klinik zu bringen.

Daniela Massoli ist eine von bisher 18 Familien-Gesundheitspflegern in Deutschland. Wer die zweijährige berufsbegleitende Weiterbildung zur Gesundheitspflege machen möchte, muss zum einen die dreijährige Ausbildung zur Pflegekraft haben und zum anderen zwei Jahre Berufserfahrung mitbringen. Der Lehrplan für die Weiterbildung wurde in einem Modellprojekt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) erstellt. Denn Experten stellten schon lange fest, dass die Gesundheit der deutschen Bevölkerung dringend verbessert werden muss. Die WHO rief in den 80er Jahren das Projekt „Gesundheit 21 - Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert“ ins Leben, bei dem nun ein besonderer Schwerpunkt auf Pflegekräften liegt, die zu den Menschen vor Ort gehen und sie dort beraten.

Die Familien-Gesundheitspflege soll eine Nahtstelle zwischen den bisherigen Gesundheits- und Sozialeinrichtungen sein. „Wir gehen zu den Menschen. Sie müssen nicht zu uns kommen, wie das sonst in unserem System üblich ist“, erklärt Andrea Weskamm. Sie leitet das Kompetenzzentrum Familiengesundheitspflege des DBfK, das im Januar 2009 gegründet wurde und nun daran arbeitet, die Weiterbildung an insgesamt fünf Standorten in Deutschland aufzubauen – bisher wird sie nur in Essen angeboten. Dort hat Daniela Massoli die Fertigkeiten erlernt, die sie für ihren neuen Beruf braucht, unter anderem müssen die Pfleger mit Sozialämtern und Krankenkassen kommunizieren, sich mit Pflegerecht auskennen und Organisationstalente sein.

„Die Gesundheitspfleger analysieren die Familie und ihr soziales Umfeld und sehen, wo Hilfe nötig ist“, erklärt Weskamm. Die persönliche Betreuung soll Menschen helfen, die sich nicht im Gesundheitswesen zurechtfinden. Das können Familien sein, in denen jemand chronisch krank oder pflegebedürftig ist, oder auch sozial schwache Gruppen, Migranten und allein stehende alte Menschen. Eine Studie der Universität Witten Herdecke belegt, dass die Familien-Gesundheitspflege gebraucht wird, die Besuche der Pfleger helfen den Familien. „Die Pfleger genießen großes Vertrauen in den Familien, die das Angebot schließlich freiwillig wahrnehmen“, merkt Weskamm an. Das sei ein großer Unterschied zu anderen Einrichtungen, wie beispielsweise dem Sozialamt.

Trotz der Vorteile steckt die Familien-Gesundheitspflege noch in den Kinderschuhen: „Der Beruf ist bislang weder im Sozialgesetzbuch verankert, noch offiziell anerkannt“, so Weskamm. Deshalb sei meist zu Beginn der Weiterbildung noch nicht klar, wo die Teilnehmer später mit dieser Zusatzqualifikation arbeiten können. „Ich sehe aber den stetig wachsenden Bedarf an Gemeindepflege. Gerade weil wir alle älter werden und die Herausforderung für die ambulante Pflege größer werden wird, müssen wir individuelle Lösungen anbieten.“ Auch die Netzwerkarbeit zwischen Ärzten, Ämtern und anderen öffentlichen Einrichtungen ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit eines Familien-Gesundheitspflegers.

Diese Einsicht ist noch nicht bis in alle Ecken des Gesundheitssystems vorgedrungen. Daniela Massoli stellt fest: „Anfänglich waren gerade ambulante Pflegedienste skeptisch, ob ihnen die Familiengesundheitspfleger Konkurrenz machen würden, aber wir pflegen die Leute ja nicht, wir unterstützen die gesamte Familie.“ Auch Ärzte wüssten zunächst nicht recht, was sie mit der neuen Berufsgruppe anfangen sollten. „Mittlerweile finden sie es aber gut, weil sie merken, dass es um Zusammenarbeit geht.“ Darauf könne man auch in schwierigeren Situationen zurückgreifen, um die Familien zur besten gesundheitlichen Versorgung zu lotsen.

Ihre Erfahrungen, die sie bei ihren zahlreichen Einsätzen gemacht hat, wird Daniela Massoli in Zukunft selbst an Teilnehmer der Weiterbildung zur Gesundheitspflege weitergeben, weil sie die Leitung der Bildungseinrichtung in Essen mit Doktor Herbert Hockauf gemeinsam übernimmt. „So kann ich noch viel mehr Leute erreichen“, betont sie und ist gespannt auf ihre neue Aufgabe. Denn sie hat den festen Vorsatz: “Wir dürfen diese Familien nicht allein lassen.“

Natascha Mörs
REHACARE.de

- Hier geht es zum Kompetenzzentrum Familien-Gesundheitspflege: www.familiengesundheitspflege.de

 
 

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