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"Ich wusste nicht, was los war." Über das Leben mit einer behinderten Schwester.

Schwerpunkt: Familie

"Ich wusste nicht, was los war." Über das Leben mit einer behinderten Schwester.

Kathrin Hornung hat eine drei Jahre jüngere Schwester, die aufgrund einer Muskelschwäche schlecht sprechen, laufen und greifen kann. Wie sich die Behinderung ihrer Schwester auf ihr Leben ausgewirkt hat, erzählt die 28-Jährige im Interview mit REHACARE.de.

01.02.2008

 
 

Kathrin Hornung im Gespräch
© Hornung

REHACARE.de: Frau Hornung, Sie hatten als Kind oft das Gefühl „nebenher“ zu laufen. Woran lag das?
Kathrin Hornung: Ich wusste nicht, was los war, warum meine Schwester anders behandelt wurde und ständig zum Arzt musste – für mich war sie ja normal. Gerade bei den Kinderärzten bekam sie natürlich alle Aufmerksamkeit – wenn sie von ihnen eine Handvoll Fruchtgummis als Lob dafür bekam, dass sie so tapfer war, bekam ich nur eins. Ich habe mich natürlich gefragt, was ich falsch gemacht habe, ob ich mich falsch verhalten habe. Ich fühlte mich einsam.

REHACARE.de: Haben Sie mit Ihren Eltern darüber gesprochen?
Kathrin Hornung: Gespräche über das Thema führen wir eigentlich erst seit fünf Jahren. Heute weiß ich, dass meine Eltern eine Weile Angst hatten, dass meine Schwester nicht sehr alt werden würde. Doch das haben sie mir nicht gesagt. Meine Mutter erklärte mir, dass sie mir nichts erzählt haben, um mich zu beschützen. Das Thema Geschwister war früher einfach noch nicht in den Köpfen. Und dass ich Probleme hatte, merkte man mir nicht an. Ich habe mich ja möglichst unauffällig benommen, um meine Eltern zu entlasten.

REHACARE.de: Was war der Anlass für die Gespräche?
Kathrin Hornung: Der Auslöser war eine Therapie, die ich machte, weil ich unter Angstzuständen litt. Schon als Kind dachte ich immer, wenn ich krank war, dass es womöglich etwas sehr Schlimmes sein könnte. Ich verbrachte schließlich zwei Monate in einer Klinik, wo ich mich mit mir und meiner Situation täglich auseinandersetzen musste. Ich fand heraus, dass ich oft einsam gewesen war, weil ich auch anders war. Ab da habe ich mich viel mit dem Thema befasst.

REHACARE.de: Inwiefern waren Sie anders?
Kathrin Hornung: Auch wenn ich gerade als Jugendliche so sein wollte wie andere Gleichaltrige, war ich es nicht. Wenn die so Sprüche klopften wie „der ist ja behindert“, empfand ich das als falsch, aber gesagt hab ich nichts, ich wollte ja auch einfach cool sein. Später gab es aber oft Situationen, in denen ich mich für Behinderte eingesetzt habe. Ein Lehrer benutzte einmal den Begriff Sonderschule als Schimpfwort. Ich sagte ihm, meine Schwester sei auf einer solchen Schule und keineswegs dumm. Er solle froh sein, wenn sein eigenes Kind nicht auf eine solche Einrichtung angewiesen sei. Das machte ihn sprachlos.

REHACARE.de: Welches Verhältnis hatten Sie zu Ihrer Schwester?
Kathrin Hornung: Das war unterschiedlich. Früher als Kind ein gutes. Ich habe sie immer verteidigt. Als Jugendliche änderte sich das. Mit einer Schwester im Rollstuhl wird man viel angesehen. Das war mir eine Weile zu viel und ich zog mich zurück. Wenn ich mal sauer auf sie war, hab ich es nicht gezeigt. Sie war ja schon behindert, da wollte ich sie nicht auch noch angreifen. Also habe ich alles mit mir selbst ausgemacht. Dadurch wurde ich ihr gegenüber abweisend. Teilweise verließ ich sogar Räume, um nicht mit ihr in Kontakt zu kommen. Ich konnte mich nicht gut mit ihr unterhalten.

REHACARE.de: Und heute?
Kathrin Hornung: Seit ich zu Hause ausgezogen bin, geht es besser und ich kann auch leichter mit ihr umgehen. Ich gebe ihr nicht mehr die Schuld an allem, reagiere nicht mehr so aggressiv auf ihre Art. Ich erkenne, dass sie ein sehr freundlicher Mensch ist, der viel zurück stecken muss. Sie hat viel Humor und sucht den Kontakt zu mir. Und vor allem habe ich mein eigenes Leben und weiß, was gut für mich ist.

REHACARE.de: Auf der einen Seite hat Ihnen die Konstellation mit einer behinderten Schwester sehr zugesetzt. Trotzdem setzen Sie sich für andere Geschwister behinderter Kinder ein.
Kathrin Hornung: In der eigenen Familie ist das immer schwieriger. Mit meiner Internetseite „Geschwister behinderter Menschen“ und mit einer Gruppe, die ich gegründet habe, möchte ich etwas aufbauen. Bei uns in Hamburg gibt es keine Angebote für Geschwister. Und mir hätte es sicher sehr geholfen, mit anderen gesunden Geschwistern zu reden.

REHACARE.de: Haben Sie einen Rat für Betroffene?
Kathrin Hornung: Eltern sollten ihren Kindern sagen, was passiert. Sie können viel ertragen, nur nicht, wenn sie nicht wissen, was los ist. Erwachsenen Geschwistern kann es manchmal schon reichen, wenn sie mit guten Freunden oder auch den Eltern über ihre Erfahrungen reden. Ansonsten ist das Internet zurzeit die beste Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

REHACARE.de

- Kathrins Hornungs Forum: www.geschwister-behinderter-menschen.de

 
 

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