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Unser zweites Leben
Schwerpunkt: Pflege zu Hause
Unser zweites Leben
Dieser Beitrag wird Ihnen mit freundlicher Genehmigung des Magazin not präsentiert.
01.08.2007
Vier Jahre schon befindet sich Andreas Seidel im Wachkoma und seit gut dreieinhalb Jahren wird er zu Hause von seiner Frau Daniela Büscher gepflegt und betreut. Außerdem engagiert sie sich als Vorstandsmitglied des Bundesverbandes FORUM GEHIRN e.V., um anderen Menschen in ähnlicher Lage zu helfen. Halt findet sie in ihrem Glauben an Gott und sie hofft jeden Tag auf ein Wunder.
Seit Jahren betreut Daniela Büscher
liebevoll ihren Ehemann Andreas,
der nach einer Hirnblutung
und mehreren Operationen
ins Wachkoma fiel © not
Alles begann mit rasenden Kopfschmerzen, als bei dem damals 35-jährigen Tischler Sehstörungen und panikartige Unruhe dazu kamen, verständigte Daniela Büscher den Notarzt. Dieser diagnostizierte Verspannungen. Als die Beschwerden ihres Mannes immer schlimmer wurden brachte Frau Büscher ihn ins Krankenhaus nach Minden. Nach einer Computertomographie stand fest: Hirnbluten durch ein geplatztes Gefäß im Gehirn. Eine Operation wurde für zwei Tage später angesetzt. Man beruhigte das Paar, es handele sich um einen Routineeingriff, auf negative Folgen machte man sie nicht aufmerksam. Am Abend vor der OP verabschiedeten sich die beiden liebevoll. Doch dies sollten die letzten Augenblicke gewesen sein, in denen Daniela Büscher ihren Mann bei vollem Bewusstsein sah.
Das Wiedersehen auf der Intensivstation war beängstigend - Andreas war ins künstliche Koma verlegt worden. Bei der Operation war es zu weiteren massiven Blutungen gekommen. Hinzu kamen in den kommenden fünf Monaten weitere Komplikationen wie Schlaganfälle, Lungenentzündungen, Nierenversagen, Krämpfe und Wasseransammlungen im Gehirn. Insgesamt fünf Mal musste der Schädel von Andreas geöffnet werden, aber ohne den gewünschten Erfolg. Der Patient verblieb im Wachkoma und wurde als austherapiert entlassen. Die Ärzte rieten der Ehefrau ihren Mann in ein Pflegeheim zu geben: „Sie schaffen das nicht!“ Doch sie entschied sich anders.
Während des langen Krankenhausaufenthaltes waren sie und die Kinder Katharina und Lukas in die neue Lebenssituation hinein gewachsen: "Für mich und die Kinder stand fest, Andi kommt nach Hause und auf keinen Fall in ein Pflegeheim. Wir waren uns sicher, dass Jesus uns die Kraft geben wird, die wir für dieses Leben brauchen."
Dank des geschenkten Autos ist das Ehepaar mobil © not
Heute bewohnt Andreas ein freundliches Zimmer mit Blick in den Garten im behindertengerechten Haus in Hüllhorst. Daniela wird bei der Pflege ihres Mannes von einer Diakonie-Pflegerin unterstützt. Mehrmals die Woche erhält Andreas Krankengymnastik und Bewegungstherapie - dazu kommen die Therapeuten ins Haus.
Aber der Alltag ist auch gekennzeichnet durch den Kampf mit den Kostenträgern. Ob eine Hydraulikmatratze, damit der Patient nicht wundliegt oder ein Stehbrett für das Stehtraining, um jedes Hilfsmittel muss die Familie kämpfen. So auch um die Einstufung in die höchste Pflegestufe. Aber Andreas macht Fortschritte, wenn auch kleine. So trainierte Daniela ihm die Beatmungskanüle ab und er kann auch wieder in kleinen Schlucken trinken. Seine Konstitution hat sich soweit verbessert, dass das Paar heute mit dem Rollstuhl Spaziergänge in die Umgebung unternehmen kann.
Doch richtig mobil ist die Familie erst seit ihr von der Andreas –Gärtner-Stiftung ein VW-Kleinbus mit Rollstuhllift geschenkt wurde. Mit der kleinen Rente von Andreas und dem Pflegegeld hätte sich das Ehepaar nie ein Auto leisten können.
Daniele Büscher bereut es nicht, die Warnungen der Ärzte ignoriert und ihren Andreas in sein häusliches Umfeld geholt zu haben. So kann er am Familienleben teilnehmen. "Ich weiß, dass Andreas alles versteht, was ich oder die Kinder sagen. Und er beantwortet unsere Fragen, indem er die Augen öffnet und schließt." Und sie ist fest überzeugt: "Selbst Wachkoma-Patienten sind niemals bewusstlos, wie es immer so schnell heißt. Solange ein Mensch lebt, lebt auch sein Geist und damit sein Bewusstsein. Nur dass es manchmal ganz tief in einer Art Zwischenwelt verschüttet ist."
Ihr Wissen und ihre Erfahrungen über die Schwierigkeiten, aber auch die schönen Augenblicke, die es bei der Pflege eines schwerst pflegebedürftigen Familienmitglieds gibt, möchte die Sozialpädagogin gerne an andere pflegende Angehörige weitergeben. Seit einem Jahr ist sie deshalb Ansprechpartnerin des Selbsthilfeforums FORUM GEHIRN e.V. in der Region Nordrhein-Westfalen. "Jeder kann jederzeit durch einen Unfall oder eine Krankheit zum Betroffenen werden."
© not
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