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„Bis ins hohe Alter lernfähig“ – Bernhard Schmidt über Bildung im Alter
Schwerpunkt: Bildung
„Bis ins hohe Alter lernfähig“ – Bernhard Schmidt über Bildung im Alter
Oma Trudi entdeckt das Internet im Volkshochschulkurs, Opa Wilhelm lernt endlich zu kochen und Onkel August wird mit 65 noch einmal Student. Aber haben die heutigen Senioren in ihrem Leben nicht schon genug gelernt? REHACARE.de sprach mit Bernhard Schmidt von der Ludwig-Maximilians-Universität. Er leitete eine zweijährige Studie, die herausgefunden hat, wie und warum sich Senioren im hohen Alter noch weiterbilden möchten.
01.07.2009
Doktor Bernhard Schmidt; © LMU
REHACARE.de: Herr Schmidt, warum drücken Senioren noch einmal freiwillig die Schulbank?
Bernhard Schmidt: Die Beweggründe für eine Weiterbildung sind sehr unterschiedlich. Es gibt aber drei zentrale Motive. Viele möchten einfach ihren Freiraum nach der Berufstätigkeit nutzen, um Dinge zu machen, die sie immer interessiert haben, für die sie aber nie Zeit hatten. Sie verbinden oft Bildungsveranstaltungen, die sich beispielsweise mit einer bestimmten Kultur oder Sprache auseinandersetzen, mit einem Urlaub in das jeweilige Land. Andere wollen sich einfach ein neues Ziel setzen und sich selbst nochmal herausfordern. Dann gibt es Personen, die Veranstaltungen besuchen, um ihren Alltag zu vereinfachen – wie mit einem Kurs übers Internet oder zum Thema Gesundheit.
REHACARE.de: Was lernen Senioren am liebsten?
Schmidt: Wir haben herausgefunden, dass es unmöglich ist, generelle Aussagen über die Bildungsinteressen dieser Altersgruppe zu machen. Welche Kurse die Älteren bevorzugen, ist vor allem abhängig von ihrer Vorbildung und ihrem sozialen Umfeld.
REHACARE.de: Ein Ergebnis Ihrer Studie lautet: Gebildete bilden sich mehr als Ungebildete. Warum ist das so?
Schmidt: Wenn sich Menschen während des Arbeitslebens weder privat noch beruflich weitergebildet haben, tun sie das auch meist nicht später. Die Barriere ist da sehr hoch, denn sie haben Angst, überfordert zu sein und trauen sich das nicht mehr zu. Sie wissen nicht mehr, wie man lernt.
REHACARE.de: Was hält die ältere Generation außerdem davon ab, sich weiterzubilden?
Schmidt: Wir haben einige Personen befragt, warum sie nicht an Weiterbildungen teilnehmen. Eine ganz entscheidende Antwort war: „Eine Weiterbildung lohnt sich in meinem Alter nicht mehr“. Auf der einen Seite denken wir, das rührt daher, dass diese Weiterbildungen keinen beruflichen Nutzen mehr für sie haben. Es kann aber auch sein, dass sie ein negatives Altersbild haben und sich einfach aufgrund ihres Alters nicht mehr trauen. Dabei ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen bis ins hohe Alter lernfähig sind.
REHACARE.de: Wie könnte man sie davon überzeugen?
Schmidt: Man müsste sie viel früher als im Rentenalter einbinden – so im mittleren Erwachsenenalter. Das klappt beispielsweise, wenn man die Veranstaltungen nicht als Bildungskurse verpackt. So wie bei Ausflügen auf denen man unter anderem ein Museum besichtigt.
REHACARE.de: Von mehr Älteren, die sich weiterbilden, würde die gesamte Gesellschaft profitieren.
Schmidt: In England gibt es Langzeitstudien dazu, die zeigen welchen Nutzen lebenslanges Lernen hat: Bildung trägt zum subjektiven Wohlbefinden bei, zum gesundheitsbewussten Verhalten und somit zu einem längeren selbständigen Leben. Die Leute müssen später in Pflegeheime – das spart Geld. Vor dem gesellschaftlichen Nutzen steht aber vor allem das Recht auf Bildung. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, sich ein Leben lang zu bilden.
REHACARE.de: Und wie viele Ältere tun das tatsächlich?
Schmidt: Etwa zwölf Prozent der 65 bis 80-Jährigen nehmen nach unserer Studie an Weiterbildungen teil.
REHACARE.de: Gibt es denn genug Angebote?
Schmidt: Dazu gibt es zurzeit keine aussagekräftigen Zahlen. Mittlerweile gibt es aber viele Angebote für Ältere. Das war in den Neunzigerjahren noch ganz anders. Angesichts der wachsenden Zahl dieser Altersgruppe und nach Ansicht vieler Ansprechpartner aus den Bildungsinstituten sind Senioren eine wachsende Zielgruppe. Die Einrichtungen haben deshalb ein enormes Interesse daran, Angebote zu bieten. Allerdings sind viele Kurse nur für Senioren gedacht. Es sollte aber nicht nur immer mehr Seniorengruppen geben, sondern gemischte Gruppen mit Jüngeren.
REHACARE.de: Warum?
Schmidt: Manche Gruppen möchten zwar auch heute lieber unter Senioren bleiben, gerade die bildungsfernen oder wenn es um Themen geht bei denen sie glauben, dass die Jüngeren ihnen voraus sind, wie beispielsweise bei Computer-Themen. Aber die meisten möchten lieber mit Jüngeren lernen, weil ihnen ausschließliche Seniorenkurse zu langweilig erscheinen. Manche Senioren, mit denen ich gesprochen habe, sagen „Wenn ich nicht mit Jüngeren mithalten kann, dann will ich das auch nicht mehr machen.“
REHACARE.de: Die Studie soll als Grundlage dafür dienen, wie Bildungsangebote für Ältere gestaltet werden können. Welche Tipps gibt‘s?
Schmidt: Erstens: Die Bildungseinrichtungen sollten keine Angebote für „die Älteren“ allgemein machen, sondern bestimmte Gruppen gezielt ansprechen. Denn die Gruppe der Älteren ist unheimlich unterschiedlich. Bei Menschen mittleren Alters würden sie das ja auch nicht machen. Zweitens: Für bildungsnahe Personen ist es wichtig, dass man sie mit einbezieht und sie selber Dinge entscheiden lässt. Sie sind es oft gewohnt, die Dinge selbst zu steuern und sich nicht dirigieren zu lassen. Und drittens: Manche Senioren sollten stärker an die Hand genommen werden. Da braucht man Bildungsangebote und Dozenten, die Hilfe anbieten, um sie beim Lernen zu unterstützen. Und zuletzt sollte das Lerntempo der jeweiligen Gruppe angepasst werden.
Das Interview führte Natascha Mörs.
REHACARE.de












