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Glück in der Schule: „Wie auf einer guten Party“

Schwerpunkt: Bildung

Glück in der Schule: „Wie auf einer guten Party“

Erste Stunde: Mathe. Zweite Stunde: Bio. Dritte Stunde: Glück. So ähnlich sieht der Stundenplan an einer weiterführenden Schule in Heidelberg aus. Im Unterricht lernen die Schüler, respektvoll miteinander umzugehen und Verantwortung zu übernehmen.

01.04.2010

 
 
Foto: Puzzleteil mit lachendem Gesicht
An einigen Schulen in Deutschland,
England, Österreich und den USA
wird "Glück" gelehrt; © SXC

REHACARE.de sprach mit Ernst Fritz-Schubert, dem Erfinder des Faches, über Sport statt Schokolade und Lust statt Frust.

REHACARE.de: Herr Fritz-Schubert, seit 2007 lehren Sie das Fach Glück an der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg. Sind Ihre Schüler jetzt glücklicher als andere?

Ernst Fritz-Schubert: Ja, denn meine Schüler haben durch den Unterricht ein ganz neues Bild von sich selbst. Sie fühlen sich gesünder und machen auch weniger Probleme. Die Schulgemeinschaft insgesamt ist besser und persönlicher im Miteinander geworden. Zwei wissenschaftliche Evaluationen belegen diese Veränderungen.

REHACARE.de: Auch der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen fordert, dass man Glück in der Schule lernen können soll. Inwiefern passen Schule und Glück überhaupt zusammen?

Fritz-Schubert: Ich verstehe unter Glück vor allem Lebensglück. Damit ein Mensch dieses anstreben will, muss man ihm gute Gründe hierfür liefern. Und diese kann man auch in der Schule lernen.

REHACARE.de: Wie sieht denn so eine Glücksstunde aus?

Fritz-Schubert: Wir machen Atemübungen, Rollenspiele und mentales Training. Außerdem heben wir unsere Stärken hervor und erkennen durch Veränderung des Blickwinkels sogar in vermeintlichen Schwächen noch Potenziale.

REHACARE.de: Wie genau gehen Sie da vor?

Fritz-Schubert: Alle schreiben ihre vermeintlich negativen Eigenschaften wie Ungeduld oder starke Zurückhaltung auf Karteikarten. Anschließend werden die Karten gemischt und neu verteilt. Jetzt versuchen die Teilnehmer die fremde Eigenschaft so gut wie möglich zu beschreiben. Dabei kommt es oft vor, dass andere Schüler beispielsweise Zurückhaltung bei dem Betroffenen gar nicht als negativ empfinden. Sie machen ihm sogar Komplimente und stärken so sein Selbstbewusstsein.

REHACARE.de: Also geht es vor allem um den Zusammenhalt?

Fritz-Schubert: Ja, durch die Anderen lernen sich die Schüler selbst besser kennen und sie erkennen ihre Stärken. Es kommt darauf an, in der Schule gemeinsam Schlüsselerlebnisse zu schaffen und diese dann in den Alltag zu übernehmen. Wichtig ist, dass sie ihre persönlichen Glücksmomente auch körperlich erfahren und verankern können.

REHACARE.de: Warum ist das so wichtig?

Fritz-Schubert: Real und körperlich Erlebtes prägt sich viel besser ein. Es geht um Alternativen, die ich als positiv empfinde. Nehmen wir an, ich esse immer Schokolade, wenn ich schlecht gelaunt bin. Nun lerne ich im Unterricht, dass mir in diesen Situationen Sport an der frischen Luft ebenfalls gut tut. Wenn ich mir die Vor- und Nachteile beider Alternativen bewusst mache, komme ich eventuell zu dem Schluss, dass ich den Sport in Zukunft bevorzugen werde. Einige meiner Schüler werden sogar beim Stadtmarathon mitlaufen.

 
 
Foto: Ernst Fritz-Schubert
Ernst Fritz-Schubert © privat

REHACARE.de: In jedem Schulfach gibt es natürlich Noten. Auch in Ihrem. Aber wie kann man denn Glück benoten?

Fritz-Schubert: Die Schüler müssen ihre Erfahrungen aus dem Unterricht dokumentieren. Zuerst beschreiben sie hierfür, was sie erlebt haben. Dann fragen sie sich: Was habe ich bei mir selbst beobachtet? Was in der Gemeinschaft? Und abschließend gilt es zu klären, ob diese Erfahrungen für den Einzelnen auch alltagstauglich sind. Ob ich eben, statt Schokolade zu essen, in Zukunft Sport mache, wenn ich schlechte Laune habe. Dieses schriftliche Nachdenken über solche Glücksmomente wird dann benotet.

REHACARE.de: Miteinander reden, Sport, aber auch Zensuren. Wie reagieren die Schüler auf Ihr Fach?

Fritz-Schubert: Die Augen der Schüler leuchten, wenn sie in den Unterricht kommen. Vielleicht liegt das auch daran, dass schlechte Noten in diesem Fach eine Ausnahme sind. Wir überziehen oft den Unterricht, weil es allen einfach so viel Spaß macht. Das ist wie bei einer guten Party: Man bleibt bis spät in die Nacht, obwohl man morgens früh aufstehen muss. Einfach weil es sich lohnt. Sowohl im Unterricht als auch auf der Party fliegt die Zeit nur so dahin.

REHACARE.de: In Österreich, England und den USA gibt es vereinzelt das Fach „Glück“. Sogar in Deutschland folgen bereits einige Schulen Ihrem Ansatz und führen alternative Unterrichtsfächer wie „Erwachsenwerden“ oder „Helping Hand“ ein. Was muss ein Lehrer können, um dieses Fach zu lehren?

Fritz-Schubert: Glück kann nicht jeder unterrichten. Man muss lösungsorientiert denken, authentisch sein und vor allem Menschen mögen. Da man als Lehrer das Fach noch nicht studieren kann, biete ich seit September 2009 zusammen mit dem Institut für medizinische Psychologie Fortbildungen zum Thema Glück an. Denn das System Schule braucht nicht nur eine klare Struktur, sondern vor allem kompetente Lehrer.

REHACARE.de: Sie sind mit drei Jahren Berufserfahrung ein alter Hase unter den Glückslehrern – hat das auch Sie selbst glücklicher gemacht?

Fritz-Schubert: Natürlich, das liegt doch auf der Hand. Mit meinen 61 Jahren fühle ich mich noch immer bedeutsam. Ich habe durch den Unterricht etwas, wofür ich mich einsetzen kann. Und wenn ich einmal schlechte Laune habe, hebt sich meine Stimmung, sobald ich den Klassenraum betrete. (lacht)

Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de

 
 

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