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Führ die Blinden: Huf trifft Pfote
Schwerpunkt: Sehbehinderung
Führ die Blinden: Huf trifft Pfote
Ein Pony auf dem Gang im Flugzeug oder in der Kabine auf dem Kreuzfahrtschiff: In den USA scheint mal wieder nichts unmöglich. Dort begleiten nicht nur Blindenhunde, sondern auch Minipferde sehbehinderte Menschen durchs Leben. Doch ob die Huftiere die Helfer auf Pfoten tatsächlich ersetzen können, wird hierzulande heiß diskutiert.
01.12.2010
Marie ist blind - deshalb zeigt Pony Hugo ihr
manchmal den Weg zur Schule. Tiertrainer
Erik Dettmer passt auf, dass nichts passiert;
© Karl Dettmer
Schon seit dreißig Jahren werden Ponys in den USA darauf trainiert, blinde Menschen zu führen. Sie bringen sie wie Blindenhunde über die Straße, in Geschäfte und können Treppen steigen. In Deutschland werden Führponys bislang nur versuchsweise ausgebildet. Und einige Ausbilder haben ihre Experimente schon eingestellt, weil sie den natürlichen Fluchtinstinkt für gefährlich halten. Ein Pony in Stemwede beweist aber, dass es auch funktionieren kann.
Mit fuchsfarbenem Fell und langer Mähne reicht das Shetland-Pony Hugo einem Erwachsenen bis zur Hüfte. Der elfjährige Wallach hat einen Job: Er ist Blindenführer. Er hilft beim Einkaufen, begleitet seine kleine blinde Freundin Marie zur Schule und fährt mit Bus und Bahn.
Vor sechs Jahren hatte Hugo Glück, denn eigentlich sollte er zum Schlachter. Familie Dettmer aus Stemwede bei Osnabrück fasste sich jedoch ein Herz und nahm ihn bei sich auf. Seit über 25 Jahren bildet die Familie Blindenhunde aus. Außerdem ist Lillemor Hjorter-Dettmer Reitlehrerin.
Sie kamen darauf, Hugo als Blindenführer auszubilden, weil es vor ihm schon einmal ein Pony gab, das die tierliebe Familie als Blindenpony ausbilden sollte. „Das war ein typisches Miniaturpferd, wie sie in den USA als Begleiter für Blinde eingesetzt werden. Seine Besitzerin sah eine Marktlücke für Blindenponys in Deutschland und wollte mit dem Verkauf Geld machen. Doch die Stute war gänzlich ungeeignet und viel zu nervös für die Arbeit, also stoppte ich das Training. Die Besitzerin wollte das nicht wahrhaben und brachte das Tier zu einem anderen Ausbilder, was genauso daneben ging“, erinnert sich Hjorter-Dettmer. Nicht jedes Pferd sei als Blindenführer geeignet. „Es muss ruhig und lernbereit sein, und vor allem die Arbeit mögen. Unser Hugo ist ein Kumpeltyp und macht gern mit.“
Von einem Führpony in den USA, auf das Hjorter-Dettmer bei einem Besuch in New York traf, konnte sie das nicht gerade sagen. „Es lebte mit seiner Besitzerin im 17. Stock eines Hochhauses und sah aus wie ein Püppchen, verkleidet mit Schuhen und wirkte müde und unglücklich. Da dachte ich mir: Das kann es nicht sein“, erinnert sie sich. Leider sieht man auf der Internetseite der privaten Organisation Guide Horse Foundation (Stiftung für Blindenführponys), die die Huftiere ausbildet und an Interessenten abgibt, tatsächlich ein Bild von zwei Ponys in einem Bett. Da erscheint der Aufruf derselben Organisation nach artgerechter Haltung der Tiere doch sehr widersprüchlich.
Erwachsene - wie hier die blinde Gaby - können ein Pony besser unter Kontrolle halten, wenn es sich doch einmal erschreckt; © Karl Dettmer
„Jemand, der ein Blindenpony haben will, muss ein Pferdeliebhaber sein, und verstehen, was ein Pferd braucht. Denn man muss es artgerecht halten. Das ist nichts für jedermann“, betont Lillemor Hjorter-Dettmer. Wie Hugo, der auf der Wiese mit den Reitpferden der Familie steht, sollten sie immer die Möglichkeit haben, Pferd zu sein, frische Luft und Auslauf unter Artgenossen zu bekommen.
Die artgerechte Haltung stellt für blinde Menschen gewissermaßen eine Einschränkung dar. Die blinde Amerikanerin Eugenia Firth bemängelt in einem öffentlichen Schreiben, dass Pferde die Unabhängigkeit der Blinden wieder zurückschraube, die sich sehbehinderte Menschen so hart erkämpft hätten. Denn mit einem Pferd könne man nur da wohnen, wo es genügend Auslauf im Grünen habe. Was solle dann also passieren, wenn der Mensch aus privaten oder beruflichen Gründen umziehen müsste?
Ein Pferd hat aber ebenso gut Vorteile, vor allem seine hohe Lebenserwartung von bis zu 50 Jahren. Der Besitzer muss sich also nicht ständig an einen neuen Begleiter gewöhnen. Da kann ein Hund nicht mithalten, er wird nur durchschnittlich 14 Jahre alt. Außerdem haben die Huftiere ein sehr weites Blickfeld, weil die Augen an der Seite sind. Die Tiere sind stark und können Menschen, die nicht nur visuell, sondern zusätzlich körperlich eingeschränkt sind, beispielsweise beim Aufstehen helfen oder sogar eine kleine Kutsche ziehen. Auch für Personen mit einer Hundehaarallergie könnte das Pony eine Alternative darstellen.
Die Ausbildung eines Ponys dauert mindestens ein Jahr und damit doppelt so lange wie die eines Hundes. Dann ist es in der Lage, fast dieselben Befehle auszuführen wie der Hund. Große Ausnahme: das Sitzmachen oder gar Hinlegen. Das können Pferde nur in Ausnahmefällen und es fällt ihnen nicht leicht. Gegner der Blindenponys bemängeln, dass es keine Richtlinien für ihre Ausbildung gebe, was lebensgefährlich sei. Hugo wurde aber mit denselben Maßstäben wie die Hunde trainiert. Und damit haben Dettmers ausreichend Erfahrung. Schon 400 blinde Menschen haben sie mit Hund und auch Pferd zusammen gebracht.

Gaby und Hugo - immer der
Nase nach; © Karl Dettmer
Ob das Blindenführpony in absehbarer Zeit eine Alternative zum Hund darstellen könnte, verneint Lillemor Hjorter-Dettmer ziemlich eindeutig. Das habe vor allem finanzielle Gründe. Zwar sei ein Pony nicht unbedingt teurer als ein Hund – zumindest was die Anschaffung und das Futter angehe – der wesentliche Punkt sei aber, dass Pferde derzeit in Deutschland nicht als offizielle Hilfsmittel für Blinde anerkannt werden. Und das stehe auch nicht in Aussicht. „Probiert haben wir es schon und bei den Krankenkassen angefragt, aber ohne Sozialklage hat das wohl keinen Sinn, so die gebürtige Schwedin. Demnach lohne sich für sie die Ausbildung eines nächsten Hugos nicht, denn die zusätzliche Arbeit bekomme sie nicht bezahlt.
Sie sieht die Sache realistisch: „Ein Pferd wird den Hund nie ersetzen. Und es ist nur für ein sehr eingeschränktes Publikum geeignet. Wenn ich allerdings eines Tages nichts mehr sehen könnte, würde ich beides haben wollen, Hund und Pferd.“
Natascha Mörs
REHACARE.de












