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Schulbücher für Blinde: „Die eine Seite will Geld, die andere Barrierefreiheit“

Schwerpunkt: Sehbehinderung

Schulbücher für Blinde: „Die eine Seite will Geld, die andere Barrierefreiheit“

Inklusiver Unterricht – dieses Stichwort ist in aller Munde. Eine Projektgruppe beschäftigte sich nun mit der Frage, wie man den gemeinsamen Unterricht von blinden und sehenden Kindern ermöglichen kann. Die Lösung: barrierefreie Schulbücher.

01.12.2010

 
 
Foto: Julia Dobroschke
Julia Dobroschke; © DZB

Julia Dobroschke von der Deutschen Zentralbücherei für Blinde betreute für ein Jahr das Projekt „Barrierefreie Schulbücher für Blinde“. REHACARE.de sprach mit ihr über Laptop-Klassen, Seitenzahlen und Qualitätskontrollen.

REHACARE.de: Frau Dobroschke, mit Ihrem Projekt setzen Sie sich dafür ein, dass die Schulbücher für den deutschsprachigen Raum barrierefrei werden. Warum sind barrierefreie Schulbücher so wichtig?

Julia Dobroschke: Das Ziel ist der gemeinsame Unterricht von blinden und sehenden Schülern. Deswegen müssen sie mit ihren Büchern parallel im Unterricht mitarbeiten können. Eine Eins-zu-Eins-Übersetzung in Brailleschrift reicht dafür nicht aus.

REHACARE.de: Sondern?

Dobroschke: Die Grundlage für barrierefreie Schulbücher sollte viel mehr der sogenannte E-Buch-Standard bilden. Er bezieht sich auf die Richtlinien für elektronische Bücher, die in einem Word-Dokument vorliegen. In sogenannten Laptop-Klassen lesen die Schüler ihre Bücher am Bildschirm. Hier kommen neben einem Screenreader auch Braille-Zeilen an der Tastatur zum Einsatz.

REHACARE.de: Damit die Schüler Aufgaben direkt bearbeiten können?

Dobroschke: Richtig. Wie bei sehenden Schülern auch, soll nämlich sowohl die Lese- als auch die Schreibkompetenz gefördert werden. Immerhin ist die gleiche Chance auf Bildung rechtlich verankert. Doch die tatsächliche Situation wird dem noch nicht gerecht. Um im Unterricht gemeinsam arbeiten zu können, muss bei der Gestaltung der barrierefreien Bücher also auch auf die vermeintlich nebensächlichsten Punkte eingegangen werden.

REHACARE.de: Können Sie das anhand eines Beispiels erläutern?

Dobroschke: Für Viele mögen etwa die Seitenzahlen der Bücher unwichtig erscheinen. Die Pädagogen, die das Lehrmaterial übersetzen, müssen aber oft zusätzliche Informationen wie Bildbeschreibungen hinzufügen. Auf der anderen Seite kommt es auch immer wieder vor, dass die Inhalte der Vorlagen reduziert werden müssen. So kann es sein, dass ein barrierefreies Schulbuch einen ganz anderen Umfang als das gedruckte Original hat. Wenn im Unterricht die sehenden Schüler Seite 13 aufschlagen sollen, kann es für die blinden Schüler beispielsweise Seite 24 in ihrer Word-Datei sein.

 
 
Foto: Braille-Zeile auf einer Tastatur
Braille-Zeilen an der Tastatur ermöglichen es den Schülern direkt am Computer Aufgaben zu bearbeiten; © Stefan Kriegel / panthermedia.net

REHACARE.de: Welche Aspekte berücksichtigt der E-Buch-Standard außerdem?

Dobroschke: Das Wichtigste ist, dass alle Dateien einheitlich aufgebaut und strukturiert sind – egal wie die Vorlage ausgesehen hat. In gedruckten Schulbüchern sind wichtige Merksätze beispielsweise oft optisch hervorgehoben, indem sie sich sowohl in Schriftgröße als auch Farbe vom restlichen Text unterscheiden. Manchmal sind sie auch noch mit einem Ausrufezeichen oder anderen Symbolen versehen. Der Übersetzer muss nun überlegen, welche Struktur diese Information in der Word-Datei bekommen soll, etwa Absatz- oder Tabellenform. Er muss das Konzept also nicht nur verstehen, sondern auch didaktisch angemessen übertragen.

REHACARE.de: Wagen wir mal einen Blick über der Tellerrand: Wie ist das Lehrmaterial in anderen Ländern der Welt beschaffen?

Dobroschke: In Großbritannien sind nur wenige Schulbücher für sehbehinderte oder blinde Schüler barrierefrei zugänglich. Von etwa 40 Mathematikbüchern gibt es nur eines, das in Großdruck produziert wurde, so dass es auch Schüler mit einer Sehbehinderung nutzen können. Und von 88 naturwissenschaftlichen Büchern wurden nur sechs in Blindenschrift verfasst. Hinzu kommt, dass es bei den Übersetzungen keinerlei Qualitätskontrollen gibt.

REHACARE.de: Gibt es denn gar keine positiven Beispiele?

Dobroschke: In den USA sieht die Situation etwas erfreulicher aus. Dort gibt es einen technischen Standard für Quelldateien namens NIMAS. Dabei handelt es sich um ein einheitliches strukturiertes Datenformat. Es ist mit dem internationalen DAISY-Format vergleichbar, einem navigierbaren Hörbuchformat für Blinde. Außerdem finanziert der Staat eine zentrale Einrichtung zur Koordination, das NIMAC. Vierzehn Tage nachdem ein Buch erschienen ist, müssen die Verlage eine barrierefrei strukturierte Datei ans NIMAC schicken. Ich bezweifle allerdings, dass dieser Zwang für die Verlage die optimale Lösung ist.

 
 
Foto: Mädchen liegt zwischen mehreren Büchern
Nur sehr wenige Schulbücher in
Deutschland und Großbritannien
sind barrierefrei; © Erwin
Wodicka / panthermedia.net

REHACARE.de: Wo sehen Sie die Schwierigkeiten?

Dobroschke: Dieses Prinzip basiert nicht auf Freiwilligkeit. Außerdem denke ich, dass es schwierig ist, weil den Verlagen das Bewusstsein für die Anforderungen und den didaktischen Hintergrund fehlt. Das kann ein Verlag auch gar nicht leisten, weil es nicht sein Aufgabenbereich ist.

REHACARE.de: Was schlagen Sie als Alternative vor?

Dobroschke: Zurzeit erstellen die Verlage nach der Produktion des gedruckten Buches nur noch eine barrierefreie Version. Man müsste aber schon vor dem eigentlichen Produktionsprozess einsteigen. Für Deutschland wünsche ich mir eine zentrale Stelle, in der alle Schritte zusammen geplant werden. Wir brauchen verbindliche Standards und müssen aus den Erfahrungen aller Beteiligten schöpfen.

REHACARE.de: Sind die Verlage denn bereit dazu?

Dobroschke: Bei unserem letzten Workshop Anfang November haben wir uns mit Verlegern und Schulbuchexperten zusammen gesetzt. Wir konnten die Schulbuchverlage für das Thema Barrierefreiheit interessieren und sie haben erkannt, dass wir in Zukunft enger zusammen arbeiten müssen. Wir haben mündlich eine Zielvereinbarung vorbereitet, die auf beiden Seiten die wohlwollende Bereitschaft dafür protokolliert. Die eine Seite will Geld verdienen, die andere will Barrierefreiheit. Wir müssen uns in der Mitte treffen und Wissen weitergeben. So können alle davon profitieren.

Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de

 
 

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