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Blind kellnern: „Wenn die Angst weg ist, kann der Spaß beginnen“
Schwerpunkt: Sehbehinderung
Blind kellnern: „Wenn die Angst weg ist, kann der Spaß beginnen“
Nichts sehen. Nur schmecken, riechen, fühlen, hören. Genau darauf kommt es in einem Dunkelrestaurant an. Speisen servieren scheint hier unmöglich – für Sehende. Blinde und sehbehinderte Kellner bewegen sich dagegen sicher zwischen Tischen und Stühlen, servieren gekonnt die Speisen und beruhigen außerdem verunsicherte Gäste.
01.02.2010
Cevahir Männel © Foto Peiffer
Cevahir Männel ist von Geburt an sehr stark sehbehindert und arbeitet als Gästebetreuerin in der „unsicht-bar“, einem Dunkelrestaurant in Köln. REHACARE.de sprach mit ihr über echte Blind Dates, ängstigende Finsternis und sinnlichen Gästekontakt.
REHACARE.de: Frau Männel, Sie arbeiten als Kellnerin in einem Dunkelrestaurant. Ihre Gäste wählen freiwillig die Orientierungslosigkeit, sind komplett auf Hilfe angewiesen, und bezahlen dafür sogar noch Geld. Warum sind Dunkelrestaurants so beliebt?
Cevahir Männel: Hier kann man im wahrsten Sinne „Blind Dates“ erleben. Menschen, die sich im Internet kennengelernt haben, haben ihre erste Verabredung im Dunkeln, um sich noch besser kennen zu lernen. Aber es geht nicht allen nur um Spaß.
REHACARE.de: Wie meinen Sie das?
Männel: Es kommen auch Augenärzte oder Angehörige von Blinden, die versuchen, sich in deren Situation hinein zu versetzen. Auch Menschen, die eine Angststörung haben, kommen zu uns, um sich zusammen mit dem Therapeuten ihrer Angst zu stellen. Es gibt wirklich ganz unterschiedliche Gründe.
REHACARE.de: Wie reagieren die Gäste darauf, wenn sie plötzlich nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen können?
Männel: Wenn wir den dunklen Gastraum betreten, ist das immer ein kleiner Schock. Entweder herrscht dann Totenstille oder es kommen Aussagen wie „Hilfe, ist das dunkel“. Ich merke schon, dass besonders die ersten Minuten sehr unangenehm für die Gäste sind. Dann unterhalte ich mich mit ihnen und beantworte ihre Fragen. Wenn sich jemand unwohl fühlt, hilft es oft schon, wenn ich mich einfach für ein paar Minuten mit an den Tisch setze und Händchen halte – das beruhigt. Ich bin außerdem immer in hörbarer Nähe. Wenn man mich braucht, bin ich zur Stelle. Wenn die Angst dann weg ist, kann der Spaß beginnen.
REHACARE.de: Müssen Sie sich manchmal das Lachen verkneifen, wenn Sie hören, wie Ihre Gäste versuchen, beispielsweise ihre Spaghetti im Dunkeln zu essen?
Männel: Wenn die Gäste selbst lachen, lache ich auch mal mit. Viele rufen um Hilfe, wenn sie kleckern. Gerichte wie Spaghetti servieren wir unseren Gästen übrigens nicht. Es gibt Speisen, die man zur Not auch mit den Fingern essen könnte.
REHACARE.de: Ihren Gästen fällt die Orientierung in der Dunkelheit außerordentlich schwer. Sie bewegen sich so sicher, dass Sie die Gäste zielstrebig durch den Raum führen. Woher wissen Sie, wo welcher Tisch steht?
Männel: Ich kenne den Raum inzwischen auswendig – wie meine rechte Hosentasche. (lacht) In meinem Kopf gibt es so etwas wie einen gedanklichen Plan von dem Raum. Daher weiß ich sicher, wo jeder Tisch steht. Ansonsten arbeite ich vor allem mit meinem Hör- und meinem Tastsinn. Der Tastsinn ist besonders wichtig beim Umgang mit den Gästen. Ich zeige ihnen damit, wo sie sich hinsetzen sollen oder gebe ihnen das Glas in die Hand. Aber der wichtigste ist mein Hörsinn. Damit orientiere ich mich auch auf größeren Entfernungen.
Essen nach Zahlen: Damit die Gäste sich im Dunkeln zurechtfinden, sind die Speisen und das Besteck den Uhrzeiten entsprechend angeordnet. Beispiel: Die Gabel liegt auf 9 Uhr; © Unsicht-Bar GmbH, Köln
REHACARE.de: Hat es lange gedauert, bis Sie sich so mühelos im Restaurant zurechtfanden?
Männel: (lacht) Ich habe mich dabei ein bisschen dämlich angestellt. Ich habe etwa ein bis zwei Wochen gebraucht, bis ich mich so sicher gefühlt habe, dass das Servieren zur Nebensache wurde und ich mich um die Gäste kümmern konnte.
REHACARE.de: Zwei Wochen? Das klingt aber nicht sonderlich lang.
Männel: Es gibt auch Kollegen, die sich innerhalb von wenigen Tagen oder sogar Stunden zurechtfinden. Im Vergleich habe ich schon etwas länger gebraucht. Aber ich wollte nun mal ganz sicher sein, denn immerhin mache ich drei Dinge gleichzeitig: Servieren, die Gäste führen und ihre Fragen beantworten.
REHACARE.de: Wie sind Sie darauf gekommen, gerade diesen Job zu wählen?
Männel: Eigentlich bin ich gelernte Bürofachkraft. Aber das habe ich nur gemacht, weil mir immer gesagt wurde, dass ich eine vernünftige Ausbildung brauche. Ein jetziger Kollege hat mir dann von dem Dunkelrestaurant erzählt und ich war sofort begeistert.
REHACARE.de: Fühlen Sie sich hier wohler, weil Ihre Behinderung eigentlich ja gar keine ist?
Männel: Für mich ist das Arbeiten im Dunkeln viel entspannter, weil ich mich hier nur mit meinen anderen Sinnen orientiere. Sehen ist für mich nutzlos. Ich komme gut im Dunkeln klar. Im Hellen gibt es für mich viel zu viele Reize, mehr Hindernisse.
REHACARE.de: Haben Sie also Ihren Traumberuf gefunden?
Männel: Auf jeden Fall. Schon als Teenager fand ich Kellnern immer sehr interessant. Ich arbeite gerne mit Menschen. Sie machen meine Arbeit vielseitig und sehr interessant. Mir war aber klar, dass ich das wegen meiner Behinderung nie machen könnte – bis das Dunkelrestaurant eröffnete.
Dieses Interview führte Nadine Lormis.
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