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Physiotherapie mit saustarken Helfern: „Das Schwein ist nicht der Therapeut, sondern ich.“

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Physiotherapie mit saustarken Helfern: „Das Schwein ist nicht der Therapeut, sondern ich.“

Steckdosennase und rosa Borsten – kombiniere: ein Schwein. Was tut es bloß im Pflegeheim? Es assistiert seinem Besitzer Daan Vermeulen. Er ist Physiotherapeut in Borken. Wenn er Pflegeheime mit Demenzpatienten und Kinder mit Behinderungen besucht, begleiten ihn seine zahmen Hausschweine Felix (4) und Rudi (5). Vor vier Jahren hat er nämlich zufällig entdeckt, dass die seine Patienten ganz schön auf Trab bringen können.

01.04.2011

 
 
Foto: Daan Vermeulen mit seinem Schwein Felix im Auto
Daan Vermeulen ist mit Minischwein
Felix seit vier Jahren auch beruflich
unterwegs; © Vermeulen

REHACARE.de sprach mit dem gebürtigen Holländer über seriöse Tiertherapien, seine borstigen Assistenten und ihre instinktive Abneigung gegen Metzger.

REHACARE.de: Herr Vermeulen, als Sie vor 30 Jahren ihren Beruf als Physiotherapeut ergriffen haben, hätten Sie sich da träumen lassen, dass Sie eines Tages Assistenten mit Rüssel haben würden?

Daan Vermeulen: Nein. Sicher nicht. Ursprünglich wollte ich aber mal Tierarzt werden. Die Schweine kamen durch einen Zufall mit dazu. Meine Familie und ich wollten sie eigentlich nur als Haustiere halten, weil wir Minischweine schon immer gerne mochten und ich eine Allergie gegen Katzen habe. Eines Tages dann nahm ich Felix einmal mit in die Praxis, weil er sonst zu Hause allein gewesen wäre. Und plötzlich ging bei meinen älteren Patienten in der Praxis die Post ab. Heute helfen die beiden mir zweimal pro Woche bei meinen Besuchen.

REHACARE.de: Wie reagieren die Menschen denn, wenn sie plötzlich ein Schwein vor sich haben?

Vermeulen: Zuerst sind sie überrascht und meistens lachen sie dann. Es gibt aber auch abwehrende Reaktionen. Aber die sind mir fast noch lieber, weil ich dann etwas aus den Patienten herauszukitzeln kann.

REHACARE.de: Warum reagieren gerade Demenzpatienten so stark auf die Borstentiere?

Vermeulen: Das habe ich mich lange Zeit selbst gefragt. Ich denke, bei den Älteren ist es so, dass sie sich an früher erinnern – was bei Demenzpatienten besonders wichtig ist. Viele von ihnen hatten einmal Schweine, sie gehörten noch überall dazu. Sie treffen ein Tier, das sie vermutlich seit Jahrzehnten nicht gesehen haben, und das Wiedersehen mobilisiert sie. Die Kinder kennen Schweine fast nur noch aus Büchern. Deshalb sind sie neu und aufregend.

 
 
Foto: Daan Vermeulen mit einer Demenzpatientin und Schwein
"Das ist doch ein Schwein!" Erinnerungen an früher kommen hoch und wecken Geist und Körper; © Vermeulen

REHACARE.de: Was passiert in einer Therapiestunde?

Vermeulen: Die Patienten können beispielsweise das Fell bürsten, den Tieren einen Schal umlegen oder sie aus der Hand füttern. Wenn die Schweine vorher aufgebaute Kegel umgeworfen haben, heben die Patienten sie wieder auf.

REHACARE.de: Und welchen Nutzen hat das?

Vermeulen: Es regt die Menschen an, sich zu bewegen. Wenn sie die Tiere mit Walnüssen füttern dürfen, ist das emotional für sie, weil sie etwas für das Tier tun können – sonst werden sie ja eher selbst gefüttert. Und Emotionen sind für einen Therapeuten ganz wichtig, um arbeiten zu können. Sonst sind die Patienten nicht genug motiviert.

REHACARE.de: Warum eignen sich Ihre Schweine als therapeutische Assistenten?

Vermeulen: Schweine sind sehr zärtlich und sehr vorsichtig. Sie merken beispielsweise, wenn jemand spastisch gelähmt ist. Sie locken - wie es für die Tiertherapie belegt ist - Dinge aus den Patienten heraus, wie es andere Personen nicht können. Gerade Kinder öffnen sich ihnen schneller als fremden Menschen. Schweine merken auch, wenn jemand ihnen gegenüber zu überschwänglich ist oder respektlos. Einmal hat sich Felix strikt geweigert, einem älteren Herrn im Rollstuhl aus der Hand zu fressen. Er ließ sich nicht umstimmen. Später erfuhr ich dann, dass der Herr früher Metzger war.

 
 
Foto: Daan Vermeulen liegt bei seinen Schweinen
Hier fühlen sich alle sauwohl. Schweine sind
hochsensibel und durchaus stubenrein;
© Vermeulen

REHACARE.de: Schweine sind Allesfresser - könnten sie nicht auch gefährlich werden?

Vermeulen: Meine Schweine sind zahm. Natürlich könnten sie mich theoretisch zerbeißen – wie ein Hund ja schließlich auch. Darum müssen sie ganz deutlich wissen, wie die Rangordnung aussieht, gerade beim Fressen. Das geht nur, wenn man dominant und sehr konsequent ist. Für ganz kleine Kinder sind sie deshalb als Haustiere nicht geeignet.

REHACARE.de: Sie selbst halten die Tiere im Haus. Ist das denn artgerecht?

Vermeulen: Es geht meinen Schweinen sehr gut – viel besser als den 60 Millionen Schweinen, die gemästet werden und oft nicht mal das Tageslicht sehen. Felix und Rudi haben außerdem im Garten ein Gehege, wo sie nach Herzenslust buddeln dürfen – nur nicht überall, denn ich liebe meinen Garten. Die Tiere brauchen frische Luft, Fressen, Bewegung und wenig Stress. Beim Veterinäramt muss man ein Praktikum machen und eine Prüfung ablegen, um sachkundig mit den Tieren aufzutreten.

REHACARE.de: Sind die Schweine die Hunde von morgen?

Vermeulen: Eher nicht. Der Hund ist doch immer noch einfacher und flexibler in der Haltung. Schweine werden zwar immerhin im Durchschnitt 15 Jahre alt, neigen aber mehr zu Krankheiten als Hunde. Ich kenne auch außer mir niemanden hier, der Therapie mit Schweinen macht. Und in der Geriatrie werden die Schweine in 20 Jahren weniger reizvoll sein, weil der Bezug dann nicht mehr so da ist – und bei Demenzpatienten geht es gerade um das Wiederentdecken.

 
 
Foto: Kinder spielen mit dem Schwein Felix
Daan Vermeulen weiß, dass seine Schweine mit ihrer ruhigen Art bei autistischen Kindern besonders gut ankommen; © Vermeulen

REHACARE.de: Es gibt viele Angebote für tiergestützte Therapie. Woher weiß ich, dass ich eine seriöse Tiertherapie bekomme?

Vermeulen: Eine wirkliche Absicherung gibt es nicht. Als Patient muss ich vor allem auf die Ausbildung des Therapeuten achten. Das Schwein ist nicht der Therapeut, sondern ich. Und ich bin ausgebildeter Physiotherapeut, der mit seinem Schwein umgehen kann. Das Tier hilft mir nur. Zertifikate sind auch nicht immer aussagekräftig. Das ist wie bei einem Arzt – man muss herausfinden, ob er gut ist oder nicht.

REHACARE.de: Was kostet eine Therapiestunde?

Vermeulen: Ich nehme 120 Euro für eine Sitzung, die 30 bis 45 Minuten dauert. Dazu kommen die Anfahrtskosten. Man muss bedenken, dass es schon ein ziemlicher Aufwand ist, ein Schwein zu transportieren. Die Krankenkassen unterstützen die Therapie mit dem Schwein nicht, der Patient muss die Kosten daher selbst tragen.

REHACARE.de: Können Sie sich vorstellen, je wieder ohne Schweine in die Heime zu gehen?

Vermeulen: Nein. Ich könnte zwar Therapien in den Heimgruppen anbieten, aber Rudi und Felix helfen mir sehr. Und in Zukunft möchte ich noch mehr mit Kindern arbeiten. Ich finde es toll, wie sie auf die Schweine reagieren. Ein Kind, das sonst kaum spricht, ruft dann plötzlich: „Felix komm!“. Das berührt mich sehr.

Dieses Interview führte Natascha Mörs.
REHACARE.de

- Hier geht es zur Internetseite von Daan Vermeulen: www.vermeulen-therapie.de

 
 
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