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"Da bin ich frei": Die körperbehinderte Anette Jablonski über ihr Hobby Malen
Schwerpunkt: Kunst
"Da bin ich frei": Die körperbehinderte Anette Jablonski über ihr Hobby Malen
Malen ist ihr Ein und Alles. Mit ihrem Hobby hat Anette Jablonski ihrem Leben einen Sinn gegeben. Wegen einer zerebralen Schädigung nach Komplikationen einer ärztlichen Behandlung kann die 30-Jährige durch die Spastik nur noch undeutlich sprechen, die rechte Körperhälfte sehr schlecht bewegen und die linke Hand nur grobmotorisch. Trotzdem greift sie zum Bügeleisen und kreiert Bilder aus Wachs.
01.06.2008
Anette Jablonski in ihrem Atelier vor
einigen ihrer Werke; © REHACARE.de
REHACARE.de besuchte Anette Jablonski in ihrer barrierefreien Wohngemeinschaft und sprach mit der Hobbykünstlerin über ihre Leidenschaft.*
REHACARE.de: Frau Jablonski, was bedeutet das Malen für Sie?
Anette Jablonski: Das Malen hält mich am Leben. Durch Erlebnisse in meiner Kindheit redet mir mein Kopf manchmal ein, dass ich nichts wert bin. Früher versuchte ich häufig, meine Probleme zu überspielen. Heutzutage beschäftige ich mich durch das Malen mit meinen Problemen.
Im normalen Alltag fühle ich mich abhängig. Beim Malen nicht. Da bin ich frei. Bei den Bildern kann ich sagen „Das war ich. Ich bin was und ich kann selber etwas machen“. Bei meiner Arbeit in der Behindertenwerkstatt kann ich das nicht und die Einpackarbeiten dort fordern mich nicht.
REHACARE.de: Warum ist gerade Malen Ihr Steckenpferd geworden?
Anette Jablonski: Ich male, weil Leute mich aufgrund der Spastik nicht gut verstehen können. Auf diese Weise kann ich endlich zeigen, wie ich mich fühle. Wenn ich nicht gut drauf bin, sind die Farben der Bilder dunkel, wenn ich fröhlich bin, sind sie hell – Leute, die meine Bilder sehen, können das erkennen.
REHACARE.de: Und das alles erreichen Sie mit einem Bügeleisen.
Anette Jablonski: Ich bringe mit einem heißen Bügeleisen Wachsfarben zum Schmelzen und trage sie dann auf die Leinwand auf. Die Technik nennt sich Enkaustik. Zurzeit probiere ich außerdem neue Ideen aus und beklebe die Bilder mit Steinen und anderen Materialien.
REHACARE.de: Wie kamen Sie auf diese Technik?
Anette Jablonski: Ich wollte schon immer malen. Doch wegen meiner Greifschwierigkeiten ging es nicht. Bis mir bei einer Kur im Jahr 2001 ein Kunsttherapeut die Bügeleisen-Technik beibrachte. Damit konnte ich endlich malen und es wurde zu einem aufregenden Hobby. Eine Bekannte in der Behindertenwerkstatt unterstützte mich sehr dabei, half mir bei der Umsetzung und besorgte mir das Material. Seit ich in einer selbstbestimmten Wohngemeinschaft lebe, habe ich sogar ein eigenes Atelier in den Kellerräumen, wo ich tun kann, was und wann ich will.
REHACARE.de: Kann man Ihre Bilder irgendwo sehen?
Anette Jablonski: Ich mache auch Ausstellungen. Die letzte fand hier im Haus statt, eine Ausstellung nur mit meinen Bildern. Ich habe das selbst auf die Beine gestellt, die Einladungen entworfen, die Bilder ausgewählt und Kontakt zu Leuten aufgebaut – es kamen viele Besucher und haben Bilder gekauft. Einige meiner Werke hängen beispielsweise im Düsseldorfer Sozialamt. Schon dreimal waren meine Bilder mit auf der REHACARE-Messe – im Offenen Atelier, wo auch andere behinderte Menschen ihre Bilder ausstellen.
Die Künstlerin schwingt das Bügeleisen;
© REAHCARE.de
REHACARE.de: Das hört sich nach einem zeitaufwändigem Hobby an.
Anette Jablonski: Das ist ganz unterschiedlich. Mal male ich jeden Tag, mal eine Woche gar nicht. Vor Ausstellungen arbeite ich viel. Am liebsten am späten Abend oder in der Nacht. Dann habe ich meine Ruhe. Ich gehe ganztags in einer Behindertenwerkstatt arbeiten und habe danach noch andere Verpflichtungen, wie Krankengymnastik oder Aufgaben in der WG. Da bleibt oft nicht viel Zeit. Und manchmal macht mein Köper auch nicht mit – ich habe vermehrt Schulterprobleme. Ich male, wenn mir danach ist. Ganz wie ich will!
REHACARE.de: Was ist das für ein Gefühl, wenn fremde Leute Ihre Bilder betrachten?
Anette Jablonski: Beim ersten Mal war es ein Schock – alle waren da, auch meine Eltern. Ich habe immer große Angst davor, dass ich nicht schaffe, was mein Dickschädel will. Aber es ist ein super Gefühl, wenn die Leute die Bilder mögen und sie kaufen. Das ist toll! Ich bin leider noch schlecht darin, meinen Bildern einen Geldwert zuzuschreiben – mein Selbstwertgefühl ist da noch nicht ganz ausgewachsen. Ich habe noch oft Zweifel.
REHACARE.de: Hilft die Anerkennung der Leute gegen die Zweifel?
Anette Jablonski: Schon. Für manche andere Behinderte bin ich sogar ein Vorbild. Außerdem konnte ich meinen Eltern zeigen, dass ich das schaffe. Sie fanden die Idee vom Malen nicht gut und haben wenig Vertrauen in mich gesetzt, mir das nicht zugetraut. Sie haben halt Angst um mich. Aber ich glaube, mittlerweile sind sie doch ein wenig stolz auf mich.
REHACARE.de: Und wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Anette Jablonski: Ich bin auf der Suche nach etwas Neuem. Ich würde gern mein Hobby zum Beruf machen und bewerbe mich gerade an einer kreativen Werkstatt in Köln, wo ich meine Kunst weiterführen könnte. Und ich möchte mit meiner Kunst auch andere Rollstuhlfahrer erreichen. Sie sollen sich nicht immer unter der Decke verkriechen, sondern etwas schaffen.
REHACARE.de: Wie würden Sie sich ohne Ihr Hobby Malen fühlen?
Anette Jablonski: Wie ein armer Spastiker.
Natascha Mörs
REHACARE.de
*Beim Interview mit REHACARE.de
half eine Bekannte von Frau Jablonski, schwierige Sätze zu „übersetzen“.












