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Blindheit: Eine besondere Sicht der Dinge
Schwerpunkt: Kunst
Blindheit: Eine besondere Sicht der Dinge
Behinderte Menschen haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings können manche ihr Handicap zum Broterwerb einsetzen, so wie Bernd Kebelmann es gemacht hat. Als er erblindete und die Welt aus einer anderen Perspektive kennen lernte, nutzte er die neuen Erfahrungen. Daraus entstand ein einzigartiges Kunstprojekt.
01.03.2008
Bernd Kebelmann; © Sibylle
Ostermann
Kellnern, wenn es stockduster ist, oder die weibliche Brust akribisch nach Krebsgeschwüren abtasten – das kann nicht jeder, dazu braucht man besondere Fähigkeiten. Solche, wie Blinde sie haben. Sie brauchen kein Licht, um sich in Räumen zurechtzufinden, sie besitzen einen extrem ausgebildeten Tastsinn, der sie kleinste Veränderungen erspüren lässt.
Auch Bernd Kebelmann ist blind. Das kam schleichend über viele Jahre, durch eine Autoimmunkrankheit in der Kindheit. So konnte sich der 60-Jährige zwar darauf vorbereiten, dass er nichts mehr sehen würde. „Trotzdem fiel ich erstmal in ein großes Loch, als ich 1983 offiziell als blind anerkannt wurde“, erinnert er sich. Seinen Beruf als Chemiker musste er aufgeben. Darum orientierte er sich neu und nutzt heute seine neue Sicht auf die Welt als Blinder. Er veranstaltet „Tastwege“, eine Ausstellungen für Sehende, die Skulpturen im Dunkeln betasten und so Kunst von einer anderen Seite kennen lernen.
Bis zu seiner beruflichen Neuorientierung war es allerdings ein langer Weg. Erst musste er sich mit dem Blindsein in Selbsthilfegruppen auseinandersetzen, seine Frau und drei Söhne halfen ihm dabei. Dann wurde ihm klar: Um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen, brauchte er eine sinnvolle Beschäftigung. Und als er eines Tages eine Kunstausstellung für Blinde besuchte, in der man alles anfassen durfte, nahm alles seinen Anfang.
„Ich war fasziniert von der neuen Erfahrung, die Skulpturen berühren zu dürfen und auf eine andere Art zu erleben“, erzählt Kebelmann. „In den meisten Museen ist das ja nicht erlaubt. Dieses Bedürfnis ist bei mir hängen geblieben.“ Er begann über diese Sinneseindrücke Gedichte zu schreiben. Kurz darauf organisierte bereits erste eigene Ausstellungen, in denen Texte über die Skulpturen vorgetragen und von Musik begleitet wurden.
Später kombinierte er die Tastausstellung mit Dunkelheit. Das gab es bereits. Jedoch fügte er einen wichtigen Aspekt hinzu: die Besucher gehen, ohne von jemandem geführt zu werden, durch den Raum. So, wie es ein Blinder auch täte. Damit möchte er nicht Blinde, sondern vor allem Sehende erreichen, weil bei ihnen der Tastsinn meist an Bedeutung verloren habe. Den sollen sie in der Ausstellung wiederfinden.
„Das braucht natürlich seine Zeit, man muss die Skulpturen erstmal finden und dann ertasten. Die Zeit nimmt man sich beim bloßen Ansehen von Kunstwerken nicht, weil das Auge Dinge auf einen Blick wahrnimmt. Mit den Händen muss alles Stück für Stück ertastet werden“, beschreibt Kebelmann. „Dadurch nimmt man alles intensiver wahr.“ An einem Abend der zwei bis drei Ausstellungswochen liest er seine Gedichte mit Musikbegleitung vor, die davon erzählen, wie er die Skulpturen durch Tasten wahrnimmt.
„Die Besucher finden es toll, die Dinge anzufassen und die unterschiedlichen Materialien von Metall bis Stein zu fühlen und zu erkennen. Und sie unterhalten sich rege darüber.“ Es kämen viel mehr sehende als blinde Besucher, auch Schüler aus dem Kunstunterricht. Eins weiß Kebelmann genau: Ohne seine Blindheit hätte er diese Projekte nie auf die Beine gestellt. „Ich habe meine Blindheit als Chance begriffen. Und sie verschaffte mir eine bessere Sicht der Dinge.“
Natascha Mörs
REHACARE.de
- Mehr über Bernd Kebelmanns Projekt Tastwege und seine aktuellen Veranstaltungen unter: www.tastwege.de












