Sie befinden sich hier: Aktuelles. Schwerpunkt. Schwerpunkt: Kunst.
Mit Fingerspitzengefühl an die Kunst
Schwerpunkt: Kunst
Mit Fingerspitzengefühl an die Kunst
13.02.2006
Bei dieser Führung ist Anfassen
erlaubt; © Andreas Probst
"Versucht euer inneres Auge zu ignorieren und tastet, um die Linie zu fühlen." Das ist die Anleitung für eine Gruppe, die die Körper-Sprachen- Ausstellung im Lehmbruck Museum in Duisburg besuchen.
Da sie blind oder sehbehindert sind, nehmen die zehn Besucher an einer speziellen Führung teil. Erlaubt ist, was sonst in jedem Museum verboten ist: Die Skulpturen dürfen angefasst werden.
Ulrika Stenzhorn ist neugierig. So etwas hat sie noch nie gemacht. Die schwer sehbehinderte Frau besucht zum ersten Mal eine Kunstführung für blinde und sehbehinderte Menschen. Die Eintrittskarten gewann sie bei einem Gewinnspiel im Januar auf REHACARE.de. Mit dabei ist ihr Mann. Ulrika hakt sich bei ihm unter und lauscht den einführenden Worten des ebenfalls blinden Jörn Böversen, der durch die Ausstellung führt.
"Bevor es losgehen kann, müsst ihr kantige Uhren und Ringe abnehmen", so Böversen. Denn obwohl die Skulpturen angefasst werden dürfen, sollen sie nur sanft berührt werden. Die meisten von ihnen stehen auf Sockeln, damit sie leichter zu ertasten sind. Ein Teil der Gruppe bahnt sich seinen Weg mit Blindenstöcken durch den kühlen weißen Raum, der andere Teil hat sehende Begleiter dabei und lässt sich von ihnen von Kunstwerk zu Kunstwerk leiten. Der erste Gegenstand für Ulrika: Heinrich Schotts Skulptur mit Namen "Gebeugt".
Für Sehende sieht die Skulptur aus wie eine verzogene Brezel. Für Blinde öffnen sich andere Welten: Da "Gebeugt" aus Keramik gemacht ist, fühlt Ulrika keine glatte Oberfläche, sondern viele kleine und steinige Vertiefungen. Sie tastet sich von oben nach unten, aber kann sich kein eigenes Bild machen. Dafür ist die Skulptur einfach zu abstrakt. Dies erklärt eine kleine Tafel in Braille-Schrift neben dem Werk.
Handliche Kunstwerke; © Bernert
Nächste Station: das "Königspaar". Diese Skulptur steht auf keinem Sockel, dafür ist sie zu groß. Ulrika muss in die Hocke gehen, um die schlanken, bräunlich glänzenden Figuren zu ertasten. Jetzt ist sie gleich groß wie das auf einer Bank sitzende Pärchen. Die Bronzefigur fühlt sich glatt und "sehr sympathisch" an. "Die Beiden hätte ich gern zuhause. Sie wirken gerade und beherrscht", meint Ulrika.
Weiter geht es vom "Kind" von Kurt Schwippert, das Ulrika als "zu grau" empfindet zu dem "Sitzenden" von Kurt Sandweg. "Zu klobig." Beim "Hyperion" von Hermann Karl Geibel erfühlt sich Ulrika einen "sympathischen Eindruck". Das liegt an dem Material aus Bronze, das die sehbehinderte Frau als sehr glatt wahrnimmt.
Einige Momente lauscht sie der Musik aus dem Walk-Man, der neben der Skulptur hängt. Es wurde eigens Musik für einige Objekte komponiert, die Blinden und Sehbehinderten neben dem Tasten durch das Hören die Skulpturen näher bringen soll. "Da verlasse ich mich lieber auf meine Hände", findet Ulrika, denn Melodie und ertasteter Eindruck passen für sie nicht zusammen.
"Insgesamt fand ich die Führung sehr interessant. Die Eindrücke der Kunstwerke haben mich sehr bewegt", fasst Ulrika die anderthalb Stunden zusammen. "Es ist schön, dass es solche speziellen Angebote gibt." Denn neben öffentlichen Führungen für Blinde bietet das Lehmbruck-Museum auch Führungen in Gebärdensprache für Hörgeschädigte an.
REHACARE.de
- Zusätzliche Informationen zum Lehmbruck-Museum unter: www.lehmbruckmuseum.de
( Quelle: REHACARE.de )












