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Bühne frei für Jana Zöll

Schwerpunkt: Kunst

Bühne frei für Jana Zöll

Mit roten Wangen sitzt Jana Zöll in ihrem Rollstuhl vor der Tribüne im Proberaum der Akademie für Darstellende Künste adk in Ulm. Gerade hat die 22-Jährige eine Szene von „Romeo und Julia“ geprobt. Obwohl sie Glasknochen* hat und kleinwüchsig ist, kann sie Schauspiel studieren. Denn an der adk wird ein integrativer Studiengang angeboten, der einzigartig ist in Europa. Über das Studium, ihre Fortschritte und Schwierigkeiten sprach Jana Zöll mit REHACARE.de.

01.05.2007

 
 
Foto: Jana Zöll im Rollstuhl auf der Bühne
Jana Zöll steckt ihr ganze Kraft in das
Schauspielstudium; © REHACARE.de

Frau Zöll, schränkt Sie die Behinderung beim Studium ein?
Ja, denn ich bin nicht so beweglich wie die anderen nichtbehinderten Studenten und muss auf meine Knochen aufpassen. Beim Fechten zum Beispiel kann ich nicht mitmachen. Eine weitere Einschränkung durch die OI, die Glasknochen, ist, dass ich nicht so viel Luft habe und dadurch Sätze nicht lange laut vortragen kann. Ich brauchte allein zwei Jahre Logopädie, um meine derzeitige Lungenstärke zu erreichen.

Brauchen Sie einen Begleiter an der Akademie?
Meine Mutter ist extra mit mir aus der Eifel nach Ulm gezogen. Sonst hätte das mit dem Studium gar nicht erst geklappt. Morgens bringt sie mich zur adk und mittags kommt sie noch einmal her, um mit mir auf die Toilette zu gehen. Das kann ich hier nicht allein – denn das barrierefreie WC ist im Erdgeschoss und da müsste ich mit dem Lift hin, der aber nur mich und nicht meinen Rolli transportiert. Ich brauche also schon Hilfe.

Inwieweit ist der Schauspielunterricht integrativ auf Rollifahrer vorbereitet?
Eigentlich kaum. Ich glaube nicht, dass es irgendetwas gibt, was ich ohne Abstriche machen kann. Das ist aber weitestgehend für mich in Ordnung, weil ich trotzdem viel lerne. Im Ganzen habe ich aber das Gefühl, dass ich viel weniger von allem abkriege. Denn wir haben keine speziellen Schauspiel- und Bewegungsübungen, die für Rollifahrer sind. Und leider sind die Dozenten nicht dafür ausgebildet, integrativ zu unterrichten. Bald kommt aber eine neue Dozentin, die mit uns in einem Workshop gearbeitet hat. Sie wusste dabei intuitiv, was es heißt, integrativ zu arbeiten und hat mir alternative Bewegungen gezeigt.

Was tun Sie, wenn Sie die Übungen nicht machen können?
Ich denke mir selbst die Aufgaben um, was nicht immer funktioniert. Ich mache Vorschläge, wie ich das machen kann, und dann kommen auch Ideen von den Dozenten. So etwa beim Steppunterricht. Der Dozent sagte mir, ich müsse ja nicht mitmachen – ich wollte aber unbedingt. So haben wir schließlich einen Weg gefunden: Wir haben auf meine Fußstützen am Rolli ein Holzbrett befestigt, worauf ich dann auch steppen konnte.

 
 
Foto: Zwei Studentinnen während der Proben 
Julia muss aus der Amme erst Romeos
Botschaft heraus kitzeln; © REHACARE.de

Was hält Sie hier trotz der Einschränkungen?
Bei allen Mängeln habe ich doch durch das Studium schon viel gelernt: Ich setze mich mehr mit mir selbst auseinander, kann mich besser durchsetzen oder auch einfach mal den Mund halten. Die Bewegungsübungen geben mir Kraft und Kondition. Ich fahre mittlerweile auch allein mit dem Rolli bis nach Hause. Das hab ich früher nicht gemacht. Freunde sagen, ich sei selbstbewusster geworden. Außerdem ist meine Piepsstimme tiefer geworden und ich spreche deutlicher. Die Fortschritte halten mich hier.

Was sind Ihre Stärken und Schwächen beim Schauspielen?
Die Leute sagen immer, ich hätte ein Talent für das Komische. Meine Lieblingsrollen sind die, in denen ich etwas Ernstes mit einem Schmunzeln erzählen kann. Trotzdem bin ich ein Improvisationsmuffel und gehe nicht so aus mir heraus – das ist eher schlecht beim Schauspielen. Mir fehlt jemand, der mir hilft, mich mehr zu öffnen.

Was war die bisher größte Herausforderung für Sie an der Akademie?
Bei einem Projekt sollten wir Clowns darstellen. Allerdings hatte ich eine ganz andere Auffassung von der Umsetzung als die Dozentin. Trotzdem hab ich meine durchgesetzt. Auf meine Darstellung als Tanzclown haben meine Zuschauer nur positiv reagiert. Das war ein tolles Gefühl.

Wie klappt der Umgang mit den nichtbehinderten Studenten?
In meiner jetzigen Truppe klappt das super. Da gibt es keine Berührungsängste. Früher war es oft anders. Da habe ich bei Leuten gemerkt, dass sie der Sache eher aus dem Weg gehen und sich nicht mit mir auseinandersetzen wollen. Ich war immer die letzte, die noch keinen Arbeitspartner hatte. Ein Schlüsselerlebnis war außerdem die Zusammenarbeit mit einem Studenten, der nach zweieinhalb Jahren zu mir sagte: „Jetzt erst habe ich den Menschen hinter der Behinderung entdeckt.“ Im Grunde ist an der Schauspielschule jeder für sich. Vielleicht sind Schauspieler halt so.

 
 
Foto: Jana Zöll im Rollstuhl mit Kommilitonin  
Als Amme ist Jana Zöll im Stück sowohl
Glücks- als auch Trauerbotin;
© REHACARE.de

Und mit den anderen behinderten Studenten?
Eigentlich habe ich mehr mit den Nichtbehinderten zu tun – wir sind ja zurzeit nur vier Leute mit Behinderung. Anfangs waren nur Jan Dziobek, auch Rollifahrer, und ich hier. Da hat es mich manchmal genervt, dass wir immer in einem Atemzug genannt wurden. „Jan und Jana“ hieß es da nur.

Was hält das Publikum von Ihren Auftritten?
Die tollste Reaktion bisher war, dass jemand nach einer Aufführung sagte: Nach fünf Minuten habe ich den Rollstuhl vergessen.

Haben Sie ein Vorbild?
Nicht direkt. Wenn ich aber jemanden für seine Arbeit und das, was er bewirkt, sehr bewundere ist das Dr. Peter Radtke, der auch Schauspieler ist und OI hat. Er hatte die Idee zur adk und riet mir persönlich, hier in Ulm zu studieren.

Welchen Tipp können Sie anderen Leuten mit Behinderung geben, die Schauspieler werden möchten?
Man muss Schauspielen wollen, sonst klappt es nicht. Denn die Bedingungen sind nicht optimal. Einige von denen, die hier anfangen, brechen das Studium ab. Denn es ist sehr stressig – sowohl körperlich als auch psychisch.

Welche Ziele haben Sie?
Mein Ziel ist es, auf die Bühne zu gehen, um etwas Normalität zu erzeugen: je häufiger man behinderte Menschen dort sieht, umso normaler wird es für sie auch im Alltag. Mal sehen ob ich wirklich hauptberuflich Schauspielerin werde.

REHACARE.de

* "Glasknochen" ist der umgangssprachliche Ausdruck für Osteogenesis Imperfecta, OI.

- Lesen Sie mehr zur adk Ulm unter: www.adk-ulm.de

 
 

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