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TÜV für barrierefreies Kaufvergnügen

Schwerpunkt: Mobilität

TÜV für barrierefreies Kaufvergnügen

Der Kunde ist König. Das besagt ein Sprichwort. Doch längst nicht in allen Läden geht man wirklich auf die Bedürfnisse aller Kunden ein. Senioren und Menschen mit Handicap wissen oft nicht, wo sie ohne Barrieren komfortabel einkaufen können. Ein bundesweites Gütesiegel will dies nun ändern.

01.07.2010

 
 
Foto: Logo "Generationenfreundliches Einkaufen" 
Generationenfreundliche Geschäfte
erhalten diesen Aufkleber für die
Eingangstür; © HDE/Bildschön

Sie soll Orientierung bieten: die weiße Einkaufstasche mit Rädern – auf orangefarbenem Grund. Klebt dieses Bild an der Eingangstür eines Geschäftes, können Kunden sich darauf verlassen, dass sie hier barrierefrei einkaufen können.

„Das Qualitätszeichen ‚Generationenfreundliches Einkaufen‘ sagt ihnen: Hier bin ich gut aufgehoben“, weiß Kristina Schröder, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Schirmherrin des gleichnamigen Projektes zeichnete im März 2010 als erstes Geschäft in Deutschland die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz in Berlin mit dem bundesweit vergebenen Gütesiegel aus.

K.O.-Kriterien müssen erfüllt werden

Die Berliner Filiale erfüllt mit 95 Prozent fast alle erforderlichen Kriterien des Qualitätszeichens: Die Eingänge sind sowohl breit genug als auch ebenerdig. In den großen Aufzügen gibt es neben einem Spiegel auch Handläufe zum Festhalten. Kunden finden die Kassen leicht durch ihre klare Kennzeichnung. Außerdem verfügen die Kassen über eine Rundum-Taschenablage.

Der komplette Kriterienkatalog, anhand dessen ein Geschäft beurteilt wird, umfasst insgesamt 58 Kriterien, die die Bereiche Leistungsangebot, Zugangsmöglichkeiten, Ausstattung und Serviceverhalten abdecken. Der Katalog wird in Kriterien der Klasse A, B und C unterteilt. Die sogenannten A-Kriterien müssen zu hundert Prozent erfüllt werden: Der Boden im Laden muss beispielsweise rutschfest und spiegelfrei sein. Gefahrenquellen wie Glastüren müssen markiert werden. Auch Preisschilder am Regal müssen gut lesbar sein. Deckt ein Geschäft alle prüfbaren A-Kriterien ab, muss es zusätzlich noch 70 Prozent der möglichen Gesamtpunktzahl erreichen. Am Ende des Testverfahrens erhält der geprüfte Laden dann einen Aufkleber, ein Zertifikat und ein Online-Banner. Nach drei Jahren steht allerdings eine erneute Prüfung an.

Sollte es beim ersten Versuch nicht gleich klappen, bekommt jeder Bewerber natürlich die Chance, innerhalb von drei Monaten nachzurüsten und sich beim zweiten Anlauf doch noch zu qualifizieren. „Das Qualitätszeichen ist kein Gefälligkeitszertifikat, bei dem sich der Bewerber selbst einstufen kann. Es verbürgt Qualität“, macht Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), deutlich.

 
 
Foto: Hand hält Stift und kreuzt etwas an
Kriterien der Klasse A müssen zu
hundert Prozent erfüllt werden;
© Hofschläger/Pixelio.de

Zielgruppe testet mit

Doch wie kommt man zum orange-weißen Aufkleber im Eingangsbereich? „Einzelhändler, die an dem Qualitätszeichen interessiert sind, müssen es bei Einzelhandelsverbänden vor Ort beantragen“, erklärt Sanktjohanser. Diese schicken dann ein geschultes Testerteam vorbei.

Das Kriterium Service etwa wird zu Beginn der Prüfung verdeckt getestet, da es sonst nicht authentisch beurteilt werden kann. Anschließend geben sich die Tester dann zu erkennen, damit sich Personal nicht wundert, warum vermeintliche Kunden plötzlich mit einem Zollstock die Breite der Gänge oder die Höhe der Regale ausmessen.

Die Tester selbst sind sowohl Außendienstmitarbeiter der Verbände als auch Senioren, Eltern mit Kinderwagen, Sehbehinderte oder auch Menschen im Rollstuhl oder mit Gehhilfen. Denn diese achten fast automatisch auf die Dinge, auf die es ankommt.

Bislang tragen vor allem Geschäfte aus Niedersachsen das neue Gütesiegel, da hier das Projekt in einer Pilotphase vorbereitet und getestet wurde. Die anderen Bundesländer stehen aber schon in den Startlöchern: Sobald auch hier ausreichend Tester geschult sind, beginnt die heiße Prüfungsphase.

Der HDE ist Träger des Qualitätszeichens und hat es zusammen mit Bundes- und Landesministerien, Verbänden und Unternehmen sowie der Initiative „Wirtschaftsfaktor Alter“ entwickelt – als Reaktion auf die demografischen Veränderungen in der Gesellschaft. Denn im Jahr 2035 wird knapp die Hälfte der Bevölkerung 50 und älter, jeder dritte Mensch älter als 60 Jahre sein. Und mit den Veränderungen in der Gesellschaft ändern sich auch die Ansprüche der Verbraucher an die Einzelhandelsgeschäfte.

 
 
Foto: Seniorin mit Rollator, Aufnahme der Beine 
Körperlich eingeschränkte Senioren
sind beim Einkaufen auf Rollatoren
angewiesen; © matchka/Pixelio.de

Kaufkraft Generation 50plus

Die Bevölkerung wird immer älter und somit steigt auch die Zahl der Kunden mit Beeinträchtigungen, die beim Einkaufen beispielsweise auf ihre Gehhilfen oder Ruhezonen angewiesen sind. Enge, verstellte Gänge oder schwierig zu öffnende Türen machen es aber auch Müttern mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrern schwer. Außerdem weiß Sanktjohanser: „Jede Treppenstufe kostet Umsatz“.

Und: „Schon heute gehen über 50 Prozent des privaten Konsums auf das Konto der über 50-Jährigen“, ergänzt Kristina Schröder. Vorteilhafte Einkaufsbedingungen für die Generation 50plus rechnen sich also auch für die Einzelhandelsgeschäfte: Finden die Kunden barrierearme Bedingungen vor, sind sie zufriedener, verweilen länger im Laden, sind dem Unternehmen stärker verbunden und treuer. Doch das gilt nicht nur für Ältere: „Guter Service hilft allen Menschen. Deshalb sprechen wir ganz bewusst vom generationenfreundlichen Einkaufen“, betont Sanktjohanser.

Nadine Lormis
REHACARE.de