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„Städte sind Integrationsorte“

Schwerpunkt: Mobilität

„Städte sind Integrationsorte“

01.09.2007

Im Jahr 2008 werden einem UN-Bericht zufolge zum ersten Mal mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben. Das betrifft ganz besonders die Entwicklungsländer, in Deutschland schrumpfen menschliche Ansiedlungen eher. REHACARE.de sprach mit Professor Iris Reuther von der Universität Kassel darüber, wie Städteplaner damit umgehen, dass unsere Gesellschaft immer älter wird und wie behinderte Menschen davon profitieren können.

 
 

© Reuther

REHACARE.de: Mal erleben Städte eine Blütezeit, mal sind sie unbeliebt. Wie ein lebender Organismus wachsen oder schrumpfen sie. Wie sieht es mit dem Konstrukt Stadt heute aus?
Prof. Dr. Iris Reuther: Die Bedeutung von Städten nimmt zu. Weltweit wächst der Anteil der Menschen, der in Städten lebt. Gerade in den letzten zehn bis 15 Jahren gab es, auch in Deutschland, eine Zuwendung zur Stadt. Davor sind viele Leute aufs Land gezogen, weil es dort ruhiger und grüner ist. Inzwischen ist aber das Leben in der Stadt attraktiver geworden, gerade auch für viele ältere oder behinderte Menschen, die in bestimmten Bereichen auf Hilfe angewiesen sind. Es gibt vor allem kürzere Wege zu Verwaltungen, Krankenhäusern, Ärzten und Versorgungseinrichtungen. Je kürzer und einfacher diese Wege sind, umso bequemer ist natürlich auch das Leben.

 
 

REHACARE.de In Deutschland, besonders in den neuen Bundesländern, verlassen viele Menschen ihre Städte. Sie als Städteplanerin meinen aber, dass es in Zukunft nicht schrumpfende Städte, sondern weiter anwachsende geben wird?
Prof. Dr. Iris Reuther: Nein. Die Städte schrumpfen in dem Sinne, dass sie Einwohner verlieren, weil wir eine schrumpfende Nation sind. Außerdem verändert sich die Zusammensetzung dieser Einwohner. Die soziale Struktur und die Altersstruktur, die verändern sich. Aber insgesamt ziehen mehr Menschen in die Stadt und die Städte haben ein positiveres Image als vor 20 Jahren.

REHACARE.de Früher wuchsen Städte einfach unkoordiniert. Seit wann gibt es Stadtplanung?
Prof. Dr. Iris Reuther: Stadtplanung, wie wir sie heute kennen, gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Durch die Entwicklung der Industrie sind sehr viele Leute vom Land in die Stadt gezogen und es begann eine Art Bauboom von Mietshäusern. Die Städte wuchsen zu dieser Zeit stark an, weshalb man das Baugeschehen regulieren musste.

REHACARE.de Welche Rolle spielt die Stadt bei der Integration behinderter Menschen?
Prof. Dr. Iris Reuther:Städte sind Integrationsorte. Stadt ist das Zusammenleben von ganz unterschiedlichen Menschen. Die Lebenssituation der Leute ist dort vielfältiger als auf dem Land. Deshalb sind Städte viel stärker in der Lage, Menschen mit besonderen Situationen zu integrieren. Das betrifft Menschen mit Behinderungen ebenso wie zum Beispiel Immigranten.

REHACARE.de Und wie kann die Stadtplanung dabei helfen?
Prof. Dr. Iris Reuther: Die Stadtplanung hat die Aufgabe zu integrieren. Sie soll das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Situationen organisieren und auch verträglich und sozial gerecht gestalten. Ich glaube, dass die Situation behinderter Menschen ein wichtiger Punkt geworden ist, auch im Sinne einer gerechten Organisation des Zusammenlebens. Die Stadtplanung muss sich darum bemühen, die Ansprüche behinderter Menschen in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Dazu braucht sie Ansprechpartner und Interessenvertreter mit denen sie zusammenarbeitet, zum Beispiel Behindertenbeauftragte.

REHACARE.de Konkret, wie hilft die Stadtplanung bei der Integration behinderter Menschen?
Prof. Dr. Iris Reuther: Die Stadtplanung, und viel mehr noch die Architektur, sind an bestimmte Normen gebunden. Demnach müssen die Planungen so aussehen, dass ein vorgeschriebenes Maß an Barrierefreiheit gewährleistet ist, dass sich zum Beispiel ein Rollstuhlfahrer problemlos in der Stadt bewegen kann. Das ist im Falle von neuen Gebäuden oder bei der Sanierung alter Gebäude mittlerweile ein Standard, der eingehalten werden muss.

REHACARE.de Gibt es gesetzliche Vorgaben?
Prof. Dr. Iris Reuther: Ja, im Bau- und Planungsrecht gibt es eine entsprechende DIN-Norm.

REHACARE.de Und die ist auch verbindlich?
Prof. Dr. Iris Reuther: Die ist verbindlich. Die wird auch im Bezug auf Bauvorlagen immer als Grundlage für die Beurteilung seitens der Behörden herangezogen und daran müssen sich auch alle Architekten und Bauherren halten.

REHACARE.de Ist es noch möglich, nicht-behindertenfreundliche Städte zu planen und zu bauen?
Prof. Dr. Iris Reuther: Nein. Aus meiner Praxis als Stadtplanerin kann ich sagen, dass es zunehmend ein wichtiger Faktor wird, behindertengerechte Städte zu entwickeln. Es ist eine Notwendigkeit, weil einfach der Anteil der Menschen die in solchen Situationen sind oder in solche Situationen kommen können, größer wird. Außerdem ist Barrierefreiheit mittlerweile auch eine Art Qualitätssiegel für eine Stadt.

REHACARE.de Wo sehen Sie die größten Probleme auf dem Weg zu einer behindertenfreundlichen Stadt?
Prof. Dr. Iris Reuther: Ein großes Hindernis ist sicherlich der Aufwand, den es braucht, um Städte wirklich durchgehend barrierefrei zu organisieren. Ein weiteres Problem ist, dass man heute noch nicht genau weiß, wie die demographische Entwicklung weitergeht. Wie viele Menschen werden in welchem Maß an welchen Stellen in der Stadt von Behinderungen betroffen sein. Werden das fünf Prozent der Bevölkerung sein oder zehn? Und sind das in einem bestimmten Stadtteil vielleicht sogar mehr als 20 Prozent? Das ist etwas, das man nicht genau berechnen kann, ein Unsicherheitsfaktor in der Planung.

REHACARE.de Widerstände gegen barrierefreie Gebäude und Städte werden oft damit begründet, dass es zu teuer sei. Ist das nicht immer ein Problem?
Prof. Dr. Iris Reuther: Ja, aber die Akzeptanz und das Bewusstsein für diese Problematik sind größer geworden, auch bei den politisch Verantwortlichen.

REHACARE.de Wie können behinderte, aber auch nicht behinderte Bürger auf die Stadtplanung einwirken?
Prof. Dr. Iris Reuther: Da gibt es in jeder Stadt ein zuständiges Dezernat, das öffentliche Sprechstunden hat. Im Zusammenhang mit Planungsverfahren, müssen die Städte, das schreibt auch das Gesetz vor, ihre Pläne auslegen. Die Bedenken und Anregungen der Bürger müssen berücksichtigt werden. Bei den eigentlichen Planungen kann man sich aber auch informieren. Da gibt es zum Beispiel Flächennutzungspläne, die alle Bürger im Dezernat einsehen können. Viele Städte stellen solche Dokumente mittlerweile auch ins Internet.

REHACARE.de Wird die Stadt der Zukunft behindertengerecht sein?
Prof. Dr. Iris Reuther: Sie wird auf jeden Fall behindertengerechter sein als heute. Dass sie komplett barrierefrei sein wird, also jede Straße, jedes Haus, das glaube ich nicht. Aber die wichtigsten Orte in der Stadt werden es sein.

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