Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: Aktuelles. Specials.

Unsichtbares sichtbar machen: „Die Müdigkeit wird oft jahrelang nicht als Symptom der Multiplen Sklerose erkannt“

Specials

Unsichtbares sichtbar machen: „Die Müdigkeit wird oft jahrelang nicht als Symptom der Multiplen Sklerose erkannt“

Den ganzen Tag müde, unkonzentriert und schlapp: Multiple Sklerose-Patienten können unter einigen Symptomen leiden, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen sind. Und das macht sie umso schlimmer für die Betroffenen.

01.06.2011



 
 
Foto: Peter Flachenecker
Dr. Peter Flachenecker; © privat

Peter Flachenecker ist Chefarzt des Neurologischen Rehazentrums Quellenhof und Mitglied des ärztlichen Beirats der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft. Mit REHACARE.de sprach er über ein neuartiges Testverfahren und andere Wege, den unsichtbaren Qualen die Stirn zu bieten.

REHACARE.de: Herr Doktor Flachenecker, der Multiple Sklerose-Tag am 25. Mai stand unter dem Motto „Ich habe MS. Und keiner sieht es!“ Warum wurde dieses Motto gewählt?

Flachenecker: Die meisten Menschen verbinden die Krankheit Multiple Sklerose mit körperlichen Einschränkungen und haben das Bild eines Rollstuhlfahrers im Kopf. MS hat aber auch einige Symptome, die nicht direkt sichtbar sind - wie Konzentrations- und Sehstörungen oder Müdigkeit. Und weil diese Folgen nicht zu sehen sind, finden Betroffene auch wenig Verständnis dafür. Das Motto soll genau darauf aufmerksam machen.

REHACARE.de: Die Müdigkeit, Fatigue genannt, scheint Patienten besonders schwer zu treffen.

Flachenecker: Ja, das stimmt. Die Patienten leiden unter ständiger Müdigkeit, fühlen sich schlapp. Das ist vielleicht vergleichbar mit einem Infekt, der einem die Energie raubt. Und das auf Dauer. Verständnis gibt es wenig und Außenstehende reagieren sogar mit Aussagen wie: „Stell dich doch nicht so an, ich bin auch müde.“ Hinzu kommt das Problem, dass Patienten oft gar nicht wissen, dass die Fatigue ein typisches Symptom von MS ist.

REHACARE.de: Warum wissen sie das nicht? Das müssten ihnen doch die Ärzte sagen können.

Flachenecker: Da liegt das Problem: Nicht jeder Arzt kennt alle Auswirkungen der MS. Die Müdigkeit wird oft jahrelang nicht als Symptom der MS erkannt oder sie wird fälschlicherweise als psychologisches Problem gewertet. Die Diagnose einer MS selbst dauert ja sogar oft noch bis zu dreieinhalb Jahren, obwohl sie im besten Fall in drei Monaten festgestellt werden könnte. Aber nicht nur Ärzte erkennen die Fatigue nicht als Symptom der MS, sondern die Patienten erwähnen oft einfach nicht, dass sie ständig müde sind, weil sie sich denken: Ich bin halt müde. Jahrelang schlagen sie sich damit herum.

REHACARE.de: Wie kann es sein, dass sich Ärzte oft so schlecht mit MS auskennen?

Flachenecker: Wenn man bedenkt, dass ein Hausarzt vielleicht ein bis zwei Patienten mit MS hat und selbst Neurologen nicht oft mit ihnen zu tun haben, liegt leider auf der Hand, warum. Ihnen fehlen die Erfahrung und die Kenntnis in dem Bereich. Trotzdem hat sich in den letzten zehn Jahren einiges getan. Früher war das Verständnis für MS und insbesondere die Fatigue noch viel geringer, es gab eher ein Mitleidsbild in der Öffentlichkeit. Heute ist das anders, sowohl bei Krankenkassen als auch Sozialmedizinern. Sie wird viel realistischer betrachtet und als Krankheit anerkannt.

 
 
Foto: Frau schläft am Computer mit Stift in der Hand
Gegen Müdigkeit am Arbeitsplatz kann ein gut
strukturierter Tagesablauf mit Pausen helfen;
© panthermedia/JCB Prod

REHACARE.de: Wie entsteht das Symptom?

Flachenecker: Das können wir leider noch nicht sagen. Ich vermute aber, dass es viele unterschiedliche Ursachen dafür gibt.

REHACARE.de: Und kann man die Müdigkeit messen?

Flachenecker: Das ist schwer. Aber wir am Rehazentrum Quellenhof haben in Zusammenarbeit mit unserer Neuropsychologie einen Test entwickelt, mit dem man die Müdigkeit anzeigen kann. Am Computer muss der Patient Formen und Figuren wiedererkennen und anklicken. Dabei wird gemessen, wie schnell der Patient reagiert und einen Knopf drückt. Anhand dieser Reaktionszeit können wir darauf schließen, wie gut er sich konzentrieren kann. Je länger er braucht, desto schlechter ist die Konzentration. Damit können wir die Fatigue werten. Auch die Charité in Berlin hat diesen Test in einer kürzlich veröffentlichten Studie untersucht.

REHACARE.de: Warum ist es so wichtig, dass man die Fatigue jetzt nachweisen kann?

Flachenecker: Ich habe festgestellt, dass Patienten unheimlich erleichtert sind, wenn sie einen Namen für ihr Leiden haben. Es entlastet sie, weil sie auch nicht mehr ständig denken: „Ich muss mich zusammenreißen.“ Sie können dann eher selbstbewusst auftreten und mit der Krankheit im Reinen sein. Das Symptom nachweisen zu können ist auch wichtig, wenn beispielsweise die Arbeitsfähigkeit dadurch einschränkt ist. Für die sozialmedizinische Beurteilung ist es dann einfacher, Fakten in der Hand zu haben, um die Krankheit und ihre Auswirkung auf die Arbeit eines Patienten beurteilen zu können.

REHACARE.de: Ist das Fatigue-Syndrom heilbar?

Flachenecker: Bisher nicht. Aber die Auswirkungen lassen sich mindern. Manchmal mit Medikamenten, die die Aufmerksamkeit steigern. Aber vor allem die nicht-medikamentösen Therapien können helfen. Ich muss mir überlegen, wie ich mit meinen Kräften haushalten kann, wann ich besser Pausen mache. Ich muss meinen Tagesablauf gut strukturieren. Auch sportliche Aktivität kann helfen, wie Nordic Walking, Ergometer- und Ausdauertraining. Sich dazu aufzuraffen, kostet MS-Patienten zwar oft etwas mehr Überwindung, lohnt sich aber. Ein generelles Rezept gibt es allerdings nicht.

REHACARE.de: Wenn sich ein Patient schlecht beraten fühlt oder Zweifel an einer Diagnose hat, ist es dann okay, sich an einen anderen Arzt zu wenden?

Flachenecker: Das ist ihr gutes Recht! Viele Patienten trauen sich das aber gar nicht, dabei ist es wichtig, dass sie mit entscheiden. Ein guter Arzt würde niemals sagen: Tun Sie das nicht. Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Arzt eine zweite Meinung ablehnt. In Österreich ist es schon gang und gäbe, bei wichtigen Diagnosen eine Zweitmeinung einzuholen. Das spart dem Gesundheitssystem auf lange Sicht viel Geld und dem Patienten unnötige Wartezeit und Ungewissheit.

REHACARE.de: Wo finden Betroffene fachmännischen Rat?

Flachenecker: Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft ist eine gute Anlaufstelle, um den richtigen Ansprechpartner zu finden. Sie bietet eine Übersichtseite mit anerkannten Einrichtungen und Kliniken, die den Schwerpunkt Multiple Sklerose haben. Man kann sich bei der Multiple Sklerose Gesellschaft auch online an Experten wenden, die Fragen beantworten. In der neuen Broschüre „Ich habe MS. Und keiner sieht es!“ werden außerdem die unsichtbaren Symptome der MS erklärt.

Dieses Interview führte Natascha Mörs.
REHACARE.de

- Hier geht es zur Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft: www.dsmg.de

 
 
Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie über diesen Artikel!