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Himmelsstürmer im Rolli: „Ich würde alles stehen und liegen lassen, um Berufspilot zu werden“

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Himmelsstürmer im Rolli: „Ich würde alles stehen und liegen lassen, um Berufspilot zu werden“

Der Marketingberater Holger Schönenberg hebt in seiner Freizeit regelmäßig ab. Schon als Kind wollte er fliegen lernen. Auch eine Operation am Rücken im Alter von 15 Jahren, nach der er inkomplett querschnittgelähmt blieb, konnte ihn nicht von diesem Ziel abbringen. Und heute hat er es geschafft. Ob Segel- oder Motorflugzeug – nichts ist vor ihm sicher.

01.07.2011



 
 
Foto: Holger Schönenberg im Flugzeugcockpit
Holger Schönenberg; © privat

REHACARE.de sprach mit dem 35-jährigen Münsteraner über den Fliegervirus, Vorurteile gegenüber Piloten im Rollstuhl und spontane Spritztouren zu den Nordseeinseln.

REHACARE.de: Herr Schönenberg, glauben Sie, dass für Sie als Rollifahrer das Fliegen ein schöneres Erlebnis ist als für einen Fußgänger?

Holger Schönenberg: Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich glaube aber nicht, dass ich mich als Rollstuhlfahrer beim Fliegen freier fühle als ein Fußgänger. Ich denke, entweder man hat den Fliegervirus, oder eben nicht. Trotzdem war es für mich der schönste Moment, als ich es nach zwanzig Jahren endlich geschafft habe, im Cockpit des Segelflugzeugs vorne zu sitzen und zu fliegen. Gerade fange ich mit dem Motorfliegen an.

REHACARE.de: Warum hat es so lange gedauert, bis Sie endlich in die Luft gehen konnten?

Schönenberg: Zunächst einmal braucht man ein Tauglichkeitszeugnis, das Medical. Es ist in zwei Stufen eingeteilt: Klasse eins ist für Verkehrs- und Berufspiloten, Klasse zwei für Privatpiloten. Ich habe das Medical zwei fast uneingeschränkt bekommen. Menschen, die beispielsweise Diabetes haben oder Herzprobleme sind generell ausgeschlossen. Motorfliegen ist außerdem ein teures Hobby und man braucht viele Stunden, um den Flugschein zu bekommen. Das musste ich erst einmal zusammenstottern.

REHACARE.de: Brauchen Sie viel Hilfe beim Fliegen?

Schönenberg: Beim Motorfliegen brauche ich keine Hilfe. Die Maschine kann ich vor dem Flug allein checken. Das ist lebenswichtig beim Fliegen. Ansonsten brauche ich manchmal etwas länger oder muss Sachen anders machen. Durch meine inkomplette Lähmung kann ich meine Beine zwar nicht spüren, aber noch bewegen. Das ist ein Vorteil. So kann ich zum Lenken die Fußpedale nutzen. Bei kompletter Lähmung muss das über eine spezielle Handsteuerung geschehen.

REHACARE.de: Gibt es auch Leute, die Ihnen das Fliegen nicht zugetraut haben?

Schönenberg: Für Menschen, die eine Behinderung noch mit Schwäche und Krankheit gleichsetzen, ist das Fliegen Spinnerei. Aber die meisten bewundern es eher. Ich selbst wollte nicht einsehen, dass meine Behinderung mich davon abhalten sollte.

REHACARE.de: Und was sagt Ihre Frau dazu?

Schönenberg: Sie ist begeisterte Mitfliegerin…

 
 
Foto: Holger Schönenberg beim Flugzeug
Vor dem Flug wird alles überprüft, vom Tank bis hin zu den Tragflächen; © privat

REHACARE.de: An wen wende ich mich, wenn ich als Rollifahrer fliegen lernen möchte?

Schönenberg: Ich bin damals einfach zum Flugplatz gegangen und habe nachgefragt. Wir haben ausprobiert, ob ich die Pedale bedienen kann, und das ging ohne Weiteres. Man kann sich aber auch an den Verein „Die Rolliflieger“ wenden. Dort weiß man auch, wo es Maschinen gibt, die speziell umgebaut wurden.

REHACARE.de: Warum sind Sie vom Segelfliegen zum Motorfliegen gewechselt?

Schönenberg: Ich wollte immer ein Motorflugzeug fliegen. Segelfliegen ist zwar Fliegen pur. Aber in ein Segelflugzeug passt der Rolli nicht mit hinein. Ich möchte gerne unabhängig von A nach B kommen. Und mit dem Motorflieger kann ich auch mal eben auf die Insel fliegen und Kaffee trinken.

REHACARE.de: Auf einer Insel landen? Einfach so?

Schönenberg: Ja. Das passiert öfters bei Motorfliegern. In anderen Ländern ist das sogar normal, beispielsweise in Amerika, wo Fliegen ein Grundrecht ist und viele eine Maschine besitzen. In Deutschland ist Fliegen ein Privileg. Und es gibt so viele, die das nie tun können.

REHACARE.de: Das möchten Sie ändern…

Schönenberg: Ja, ich will eine Stiftung gründen, die es gerade Kindern aus sozial schwachen Familien ermöglichen soll, einmal einen Rundflug mitzumachen. Kinder sollen wissen, dass sie etwas leisten und aus eigener Kraft etwas erreichen können. Ich brüte gerade über einem Konzept.

REHACARE.de: Ganz uneigennützig ist das ja nicht…

Schönenberg: Stimmt. Mit einer Aufgabe dahinter zu fliegen, ist mein größter Traum. Ich würde alles stehen und liegen lassen, um Berufspilot zu werden. Dazu bräuchte ich das Medical eins – und dafür müsste ich unter anderem nachweisen können, dass mich jemand als Pilot braucht und dafür bezahlt. Das ist aber leider so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Leider gibt es zu viele Menschen, die nicht mit einem körperbehinderten Pilot fliegen würden; genauso fliegen manche auch nicht mit einer Frau. So ist das leider. Technisch gesehen wiederum wäre es kein Problem.

Dieses Interview führte Natascha Mörs.
REHACARE.de

- Hier geht es zum Verein "Die Rolliflieger": www.rolliflieger.de

 
 
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