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"Durch die Kunst der Pantomime wird die Seele berührt." Der gehörlose Künstler Jomi über die Sprache, die jeder versteht
Schwerpunkt: Hörbehinderung
"Durch die Kunst der Pantomime wird die Seele berührt." Der gehörlose Künstler Jomi über die Sprache, die jeder versteht
Weißes Gesicht und sprechende Hände - ganz ohne Worte ist er um die ganze Welt gereist und hat Zuschauer vieler Nationen in seinen Bann gezogen. Josef Michael Kreutzer ist taub, seit er als Baby eine Gehirnhautentzündung hatte. Und trotz seiner Behinderung hat er für sein Engagement als Pantomime sogar ein Bundesverdienstkreuz erhalten. An der Hochschule des Saarlandes und in anderen kulturellen Projekten bringt der 56-jährige Saarländer anderen die lautlose Kunst bei. REHACARE.de sprach mit Jomi über eine universelle Sprache und die Kraft der Stille.
Das Lächeln von Pantomime Jomi
braucht keine zusätzlichen Worte;
© Jomi
REHACARE.de: Jomi, schon vor Jahrhunderten wurde Pantomime als Darstellungsform genutzt, um ohne Worte auf religiöse, politische und gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Auch Sie greifen diese Themen in Ihren Auftritten auf.
Jomi: Ich will mit meiner Kunst den Sinn des Lebens erklären, so wie ich ihn sehe. Die Pantomime ist für mich das Sprachrohr, um durch Lyrik, Parodie und Sozialkritik wichtige Themen unsere Zeit zu interpretieren.
REHACARE.de: Warum gerade mit Pantomime?
Jomi: Durch die Kunst der Pantomime wird die Seele berührt und der Zuschauer soll durch seine eigenen Gefühle und Assoziationen zum Nachdenken angeregt werden. In seinem Herzen oder vor seinem inneren Auge entstehen dann die für sein Leben wichtigen Interpretationen. Der Pantomime ist also nur Übersetzer oder der Motor für einen inneren Prozess.
REHACARE.de: Gebärdensprache und Pantomime kommen beide ohne Worte aus. Sind sich die Ausdrucksformen ähnlich?
Jomi: Beide sind sehr unterschiedlich. Gebärdensprache ist die Muttersprache der Gehörlosen. Sie dient zur Kommunikation und wird in der Schule und der Gesellschaft als Medium des Lernens und der Verständigung genützt. Gebärdensprache ist eine Zeichensprache nur mit Händen und Mimik. Sie setzt sich durch viele künstliche, selbst entwickelte und oft regional unterschiedliche Gesten zusammen und dient dazu, dem Gehörlosen das Ablesen vom Mund zu erleichtern. Pantomime dagegen ist eine künstlerische Sprache mit dem gesamten Körper. Sie dient dazu, Illusionen aufzubauen und Gefühle darzustellen. Pantomime wird überall verstanden – sie ist eine universelle Sprache.
REHACARE.de: Glauben Sie, dass Sie durch Ihre Gehörlosigkeit ein besserer Pantomime sind als Künstler mit Gehör?
Jomi: Es kommt nicht auf das Hören oder die Gehörlosigkeit an, sondern nur auf das Talent und die Ausdruckskraft des Künstlers.
REHACARE.de: Als Jomi ist Ihr Gesicht - wie bei vielen Pantomimen - weiß geschminkt.
Jomi: Für mich ist das weiß geschminkte Gesicht sehr wichtig, weil dadurch Mimik und Ausdruckskraft besser zur Geltung kommen. Kontraste und selbst kleine mimische Nuancen werden dadurch verstärkt und bieten mir als Künstler eine große Palette der Ausdruckskraft. Aber die weiße Maske erfordert auch eine äußerst präzise Darstellung.
REHACARE.de: Wie wurden sie zu Jomi?
Jomi: In Hamburg wurde ich als Gehörlosenrealschüler von einer Tanzlehrerin beobachtet. Sie erkannte mein Talent und hat mich zur Tanzschule eingeladen. Dort habe ich auch Privatunterricht für Bewegungstheater, Schauspiel und so weiter bekommen. Die Tanzlehrerin hat mich eines Tages in ein Theater eingeladen, in dem der berühmte Pantomime Marcel Marceau aus Paris aufgetreten ist. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht gewusst, dass es Pantomime auf der Welt gibt. Seitdem liebe ich Pantomime.
REHACARE.de: Seit 1997 sind Sie Mitglied von EUCREA Deutschland, der Europäischen Vereinigung für Kreativität von und mit behinderten Künstlern. Was möchte diese Vereinigung erreichen?
Jomi: EUCREA ist wichtig, weil sie für die Gleichstellung der verschiedenen Künstler mit anderen nicht behinderten Künstlern kämpft. Mit ihrem Bildungs- und Fortbildungsprogramm für behinderte Künstler tritt sie für mehr soziale Gerechtigkeit ein und macht den behinderten Künstlern Mut, sich künstlerisch kreativ zu verwirklichen und der Gesellschaft ihre Sicht der Dinge zu zeigen.
REHACARE.de: Sie lehren Pantomime. Was brauchen Ihre Schüler, um gute Pantomimen zu werden?
Jomi: Die Kunst der Pantomime fordert von den Schülern Beobachtungsgabe, Körperbewusstsein, Körperbeherrschung, Vorstellungsvermögen und künstlerische Ausdrucksfähigkeit.
REHACARE.de: Pantomime ist eine stille Kunst – in unserer heutigen Zeit wird alles schneller, lauter und bunter. Glauben Sie, dass Pantomime als Kunstform eine Zukunft hat?
Jomi: Gerade in unserer lauten hektischen Zeit ist die Kraft der Stille sehr wichtig – ja lebenswichtig, da Lärm krank macht und viele Menschen die Konzentration auf das Wesentliche verloren haben. Ich bin überzeugt, dass Pantomime eine Zukunft hat. Aus diesem Grund habe ich bereits 1988 das Internationale Pantomime-Festival im Saarland als Forum für die Kunst der Pantomime gegründet. Im September 2009 findet das 8. Internationale Pantomime-Festival in Saarbrücken statt.
REHACARE.de: Ein Leben ohne Pantomime wäre für Sie ...
Jomi: ... unvorstellbar. Pantomime ist mein Leben!
Das Gespräch führte Natascha Mörs.












