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Barrierefreiheit in den Medien: „Schließlich zahlen zwölf Millionen Menschen mit Hörschäden ihre Rundfunkgebühren“

Schwerpunkt: Hörbehinderung

Barrierefreiheit in den Medien: „Schließlich zahlen zwölf Millionen Menschen mit Hörschäden ihre Rundfunkgebühren“

Geesken Wörmann ist erste Vorsitzende des Landesbehindertenrates NRW und Mitglied im Rundfunkrat des WDR. Sie kämpft für hundertprozentige Barrierfreiheit aller Medien und sprach mit REHACARE.de über Informationsrechte aller Bürger, US-amerikanische Sanktionen und Nachholbedarf bei privaten Sendern.01.06.2009

Zwar flimmern Menschen mit Handicap öfter über den TV-Bildschirm als noch vor einigen Jahren, allerdings ist es genau denselben Menschen nicht immer möglich, dem Geschehen auf dem Fernseher zu folgen. Untertitel, Hörfilme oder gar Gebärdensprachdolmetscher – für deutsche Sender eine Ausnahme.

Geesken Wörmann ist erste Vorsitzende des Landesbehindertenrates NRW und Mitglied im Rundfunkrat des WDR. Sie kämpft für hundertprozentige Barrierfreiheit aller Medien und sprach mit REHACARE.de über Informationsrechte aller Bürger, US-amerikanische Sanktionen und Nachholbedarf bei privaten Sendern.


REHACARE.de: Frau Wörmann, Deutschland versperrt Tausenden von gehörlosen Menschen beinahe komplett den Zugang zu ihrem Recht auf Information im Medium Fernsehen. Wie schafft das ein sonst so fortschrittliches Land?

Geesken Wörmann: Das kann man sich wirklich fragen. Zwar hat sich die Situation bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wie WDR, ARD und ZDF mittlerweile verbessert, aber insgesamt ist das noch nicht genug. Wir müssen erreichen, dass alle Sendungen untertitelt werden. Schließlich zahlen zwölf Millionen Menschen mit Hörschäden in Deutschland auch ihre Rundfunkgebühren.

REHACARE.de: Warum sind Untertitel, das Einblenden von Gebärdensprachdolmetschern und Hörfilme so wichtig?

Wörmann: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben in ihrem Aufgabenkatalog stehen, dass alle Menschen Zugang zu den Medien haben sollen. Das Rundfunkgesetz schreibt vor, dass Bürger das Recht auf Informationen haben. Dieser Auftrag gilt nun mal für alle.

REHACARE.de: An anderen Ländern könnte sich die deutsche Medienlandschaft ein Stück abschneiden.

Wörmann: Ja, in den USA und in Großbritannien existiert schon seit vielen Jahren ein entsprechendes Gesetz, das Barrierefreiheit und damit auch den Zugang zu den Medien vorschreibt. In den Vereinigten Staaten können aber auch Sanktionen ausgesprochen werden, wenn diese Vorschriften nicht erfüllt werden. Das kostet dann Geld.

REHACARE.de: Das ist in Deutschland nicht so?

Wörmann: Eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit einem Handicap ist auch seit 2002 im Behindertengleichstellungsgesetz festgeschrieben. Eine UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die Kanzlerin Merkel 2007 unterschrieben hat und die vor ein paar Wochen im Bundestag ratifiziert wurde, fordert, dass sämtliche Medienorgane Zugangshindernisse und –barrieren zur Information und Kommunikation beseitigen sollen. Diese Gesetze bieten endlich eine Grundlage, dass etwas geändert wird. Allerdings sind bei Nichteinhaltung keinerlei Sanktionen vorgesehen.

REHACARE.de: Woran fehlt es denn im deutschen TV vor allen Dingen?

Wörmann: Gebärdensprachdolmetscher für Menschen, die gar nicht hören und Untertitel für stark hörbehinderte Menschen.

REHACARE.de: Rein technisch gesehen – ist es denn so aufwendig oder so teuer für die Fernsehsender, diese Hilfsmittel anzubieten?

Wörmann: Tatsächlich werden im gerade verabschiedeten Rundfunkänderungs-Staatsvertrag barrierefreie Angebote der Rundfunkanstalten unter Finanzierungsvorbehalt gestellt. Das ist vollkommen unverständlich. Die vergleichsweise geringen Kosten für eine Film-Untertitelung von 3000 Euro oder zur Erstellung eines Hörfilms mit um die 5000 Euro stehen in keinem Verhältnis zu anderen Ausgabeblöcken.

REHACARE.de: Was ist eigentlich mit den privaten Sendern?

Wörmann: Bei RTL und SAT1 gibt es gar keine untertitelten Sendungen. Anders als die öffentlich-rechtlichen Sender, sind die privaten nicht im Gleichstellungsgesetz explizit genannt worden.

REHACARE.de: Warum legen diese Sender keinen Wert auf Barrierefreiheit?

Wörmann: Das weiß ich nicht, aber ich vermute mal, dass es um die Quote geht. Vielleicht denken sie, dass man die durch Untertitelungen nicht erhöhen kann. Ich denke dass die Betreiber sich nicht im Klaren darüber sind, wie viel Menschen tatsächlich auf Untertitelung angewiesen sind. Aber bedenken Sie, dass allein in Nordrhein-Westfalen rund drei Millionen schwerhörige Menschen leben.

Das Interview führte Natascha Mörs.
REHACARE.de

 
 
 

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