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Ein Herz für Ohren
Specials
Ein Herz für Ohren
Hochgradig schwerhörig und trotzdem als Profimusiker unterwegs – Daniel Denecke kann seinen Beruf ausleben, weil er Hörgeräte benutzt. Seine Erfahrungen mit der Hörbehinderung möchte er anderen Betroffenen weitergeben, um ihnen Mut zu machen, an sich zu glauben. Dafür gründete er die „Ear to Heart OHRganisation“.
01.09.2011
Daniel Denecke hat schon als Kind
Songtexte geschrieben; © Katharina
Seegel/Median Verlag
„Musik war immer ein Kommunikationsmittel für mich“, beginnt Daniel Denecke, der in der Nähe von Hamburg auf dem Land lebt. „Das Radio und die Musik waren meine besten Freunde in der Kindheit, die konnte ich lauter stellen.“ Das war wichtig für ihn, weil er schon von Kindesbeinen an schlecht hörte. Das wurde allerdings zu spät erkannt. „Dabei habe ich schon in der Schule einiges nicht mitbekommen“, erklärt der Sänger.
Die hochgradige Schwerhörigkeit entwickelte sich durch Hörschädigungen in der Kindheit. Durch beidseitige Gehörgangsverkrümmungen und -verkalkungen entwickelte sich eine Schallweiterleitungsstörung. Dazu kam später noch rechts eine Gehörgangsstenose, ein Wildwuchs im Ohr, der operativ entfernt werden sollte. Das funktionierte leider nicht. Dabei wurde das Trommelfell des rechten Ohrs mit einem Laser zerschossen, aber mit Eigenhaut wieder geflickt. Das Hauptproblem, also die Gehörgangsstenose, wurde nicht repariert. Die Fähigkeit zu hören verschlechterte sich immer mehr. Hörgeräte mussten her.
„Ohne Hörgeräte würde ich so gut wie nichts mehr hören. Besonders nicht in der Hörqualität, die ich jetzt habe. Die Höhen sind da! Die ganze Frequenz-Bandbreite ist zu hören. Wenn ich heute Songs mit Hörgeräten höre, die ich als Kind oder Jugendlicher schon hörte, entdecke ich immer wieder neue Instrumentierungen oder Arrangements, die ich früher nicht wahrgenommen habe. Das ist fantastisch“, erklärt Denecke und freut sich.
Auch seine eigene Stimme habe sich durch das neue Hörgefühl verändert: „Meinen Song Let’s Stop the Rain habe ich vor ungefähr zwölf Jahren das erste Mal veröffentlicht, nun noch einmal neu aufgenommen und eingesungen. Ohne dass jemand wusste, dass ich nun Hörgeräte trage, gewann er unter anderem einen Musikwettbewerb beim Radiosender NDR 2.“

In Schulen informiert Daniel Denecke über
die Höhen und Tiefen im Leben mit einer Hör-
behinderung; © Katharina Seegel/Median Verlag
Die „Ear to Heart OHRganisation“
Der Hamburger stand schon im Vorprogramm von Stars wie Joe Cocker, Whitney Houston und The Corrs auf der Bühne, tourte durch die Welt. Doch er will mehr erreichen und den Menschen, die seine Musik hören, etwas mit auf den Weg geben: „Ich will das Tabuthema Hörgerät oder Cochlear Implantat auf den Frühstückstisch bringen wie die Marmelade aufs Brötchen.“
Zu diesem Zweck hat er im letzten Jahr die „Ear to Heart OHRganisation“ („Ohr zum Herzen“) gegründet. An Schulen für hörgeschädigte Menschen und an Regelschulen setzt er sich zusammen mit seiner Frau für besseres und schonenderes Hören ein.
Bei seinen Vorträgen erzählt er über sein Leben mit Hörbehinderung, wie es dazu kam und wie man so etwas vermeiden kann. Mit Gitarre und Mundharmonika spielt er eigene Songs, die sich um das Thema Hören und Behinderung drehen. Hin und wieder wird er von Gebärdensprachdolmetschern unterstützt.
Zusätzlich zu seiner Schwerhörigkeit hat Daniel Denecke außerdem einen ununterbrochenen Tinnitus, ein ständiges Zischen und Rauschen in den Ohren, das ihn dazu treibt, ständig aktiv zu sein. Deshalb warnt er: „Vielen ist nicht bewusst, wie empfindlich das Gehör ist und dass schon ein zu lauter MP3-Player viel Schaden anrichten kann.“ Gerade Kindern müsse das vermittelt werden.
„Dazu machen meine Frau und ich Rollenspiele mit den Kids, um die Schwerhörigkeit im Alltag darzustellen. Ich erzähle aber auch lustige Anekdoten und lustige ‚Verhörer‘, also Sätze die falsch verstanden wurden und welche Konsequenzen sich daraus für mich ergeben haben.“
Die Deneckes möchten schwerhörige Kinder aus dem Schneckenhaus holen, in dem sich viele häufig verstecken „Als Schwerhöriger zieht man sich zurück, weil man eben nicht alles und jeden versteht. Man darf sich aber nicht aufgeben“, betont Daniel Denecke. „Es gibt so vieles, mit dem man sich beschäftigen kann. Kreativität gilt es zu fördern. Etwas Produktives machen, um irgendwie doch wieder dabei zu sein. Das ‚Ear to Heart-Projekt‘ will keine Angst machen, sondern nur auf Gefahren hinweisen.“
Um sich dafür Unterstützung zu holen, schrieb Daniel Denecke einen Brief an die niedersächsiche Sozial- und Gesundheitsministerin Aygül Özkan. „Ich war überrascht, als ich einen persönlich unterschriebenen Brief aus dem Ministerium erhielt, in dem sie mein Vorhaben begrüßte, Kinder, Jugendliche und deren Angehörige für das Thema Hören zu sensibilisieren und zu motivieren. Der Antwortbrief der Ministerin hat viel bewegt.“ Unter anderem wird das Projekt deshalb nun vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration gefördert.
Ungeahnte Fähigkeiten
Die Reaktionen ihrer jungen Zuhörer zeigen, dass die Deneckes einen guten Weg gewählt haben, um ihren Appell an die Ohren zu verbreiten. „An den Landesbildungszentren für Hörgeschädigte waren einige Schüler von den Socken, dass man als Schwerhöriger überhaupt als Profi-Musiker arbeiten kann“, erinnert sich Daniel Denecke. Am Anfang der Vorträge steht er noch allein auf der Bühne, aber am Ende sitzen viele Schüler mit ihm dort, singen mit oder hören einfach nur zu.
Einige Schüler üben gerade Songs von ihm ein, die sie demnächst gemeinsam präsentieren wollen. Das steigert nicht nur die musische Seite der Kids, sondern fördert das Selbstbewusstsein, weiß der Künstler: „Als Behinderter muss man sich im Leben leider einfach öfters mal durchkämpfen.“
Natascha Mörs
REHACARE.de
- Mehr über Daniel Denecke und seine „Ear to Heart OHRganisation“ gibt es unter: www.eartoheart.com













