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Unterstützte Kommunikation: Sprechen auf Knopfdruck

Schwerpunkt: Kommunikation

Unterstützte Kommunikation: Sprechen auf Knopfdruck

Ob per E-Mail, am Telefon oder unter vier Augen – Kommunikation ist für viele Menschen ein Grundbedürfnis. Doch was tun, wenn es aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist, sich mit Worten auszudrücken? Unterstützte Kommunikation könnte die Lösung sein.

01.10.2010

 
 

Morgens im Kindergarten: Alle Kinder sitzen im Kreis und erzählen, was sie am Vortag erlebt haben. Sie plappern munter drauf los. Dann ist Paul an der Reihe. Er drückt den großen gelben Knopf und die Stimme seiner Mutter ertönt. Nun erzählt sie, was Paul am vergangenen Nachmittag noch alles unternommen hat. Er strahlt über das ganze Gesicht.

So oder so ähnlich könnte Unterstützte Kommunikation (UK) im Alltag eingesetzt werden und das Miteinander vereinfachen. Denn Menschen, deren Lautsprache schwer verständlich ist oder ganz fehlt, können mithilfe von UK ihre kommunikativen Möglichkeiten verbessern und ausbauen.

 
 
Foto: Scheibe Brot mit Nutella
Den Brotaufstrich selbst bestimmen
zu können, ist mit UK möglich;
© Daniel Daum/panthermedia.net

Nutella statt Käse zum Frühstück

„Viele verwenden Unterstützte Kommunikation gleichbedeutend mit ersetzender Kommunikation. Doch das ist nicht ausreichend“, macht Mareike Köhler von der Rehavista GmbH Bremen auf ein gängiges Vorurteil aufmerksam. Sie betont, dass es bei UK nicht nur um den bloßen Ausgleich und die Anbahnung fehlender oder nicht verständlicher Lautsprache gehe. Die erklärten Ziele seien viel mehr auch die aktive Teilhabe am Leben und die Selbstbestimmung. „Für Kinder ist es beispielsweise sehr wichtig mitzuteilen, dass sie keinen Käse auf ihr Brot möchten, sondern Nutella“, ergänzt Köhler.

An genau solche Situationen können einfache technische Kommunikationshilfen angepasst werden: Die handlichen Geräte verfügen beispielsweise über neun Tastenfelder, die mit unterschiedlichen Symbolen und Botschaften für bestimmte Situationen belegt werden. In der Situation „Frühstück“ sind etwa die Symbole für Butter, Marmelade, Nutella und Käse auf den Tasten abgebildet. Drückt das Kind auf das Symbol für Nutella, ertönt der Satz „Ich möchte bitte Nutella auf mein Brot“. Im Normalfall wird die Mutter den Wunsch beherzigen und entsprechend handeln.

 
 
Foto: Große Taste auf der "Nochmal aufbauen" steht
Drückt ein Kind die weiße Taste,
wird seine Mutter die Steine erneut
aufbauen - es erlebt sich als
selbstwirksam; © REHAVISTA GmbH

„Es geht für Kinder in der Unterstützten Kommunikation vor allem darum, sich als selbstwirksam zu erleben und zu erfahren, dass sie mit sprachlichen Aussagen etwas bewirken können“, sagt die Diplom-Heilpädagogin Meike Stahl. Durch ihre Beratungstätigkeit bei Prentke Romich in Kassel hat sie viele solcher Aha-Erlebnisse schon live miterlebt. Die Kinder drücken selbst aktiv eine Taste und unmittelbar darauf passiert etwas. Das sind Erfahrungen, die Menschen ohne sprachliche Beeinträchtigungen schon in frühester Kindheit beim Spracherwerb mithilfe von Lautäußerungen machen.

 
 

Schimpfen und spielen gehört dazu

Neben Kindern profitieren auch noch andere Personen von der Unterstützten Kommunikation: Sie kann auch Menschen mit fortschreitenden Krankheiten wie ALS, Multiple Sklerose oder Parkinson sowie Menschen mit erworbenen Sprachbeeinträchtigungen durch etwa Unfälle helfen, sich besser verständlich zu machen. Welches Hilfsmittel letztendlich ausgewählt wird, ist dabei ganz unterschiedlich. „Die jeweilige Kommunikationshilfe muss von Fall zu Fall ganz individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten abgestimmt werden“, sagt Stahl.

Deswegen ist es schon beim ersten Beratungsgespräch wichtig herauszufinden, welche motorischen Voraussetzungen der künftige Nutzer mitbringt. „Bei der Wahl der Kommunikationshilfe macht es einen großen Unterschied, ob die jeweilige Person mit dem Finger nur wenige große Tasten oder viele kleine Tasten treffen kann oder aber ob sie eine andere Methode benötigt, z.B. eine Augensteuerung“, weiß Mareike Köhler aus dem Berateralltag.

 
 
Foto: Zwei einfache Kommunikationshilfen
Die Kommunikationshilfen können von Eltern, Lehrern oder Betreuern besprochen werden. Oft sind es eher kürzere Aussagen, die etwa 20 bis 30 Sekunden dauern; © REHAVISTA GmbH

Aber egal welches Gerät am Ende ausgewählt wird: Es sollte dabei immer im Vordergrund stehen, dass es nicht nur darum geht, einfache Bedürfnisse mitzuteilen, sondern vor allem darum, reale Kommunikationserfahrungen zu machen. Deswegen enthalten die elektronischen Hilfsgeräte auch durchaus Schimpfwörter. Viele Eltern oder Betreuer sind deshalb anfangs irritiert. „Dabei ist es für jedes Kind unwahrscheinlich wichtig, auch einmal Konfrontationen zu erfahren und Grenzen auszutesten – egal ob es sprachbeeinträchtigt ist oder nicht“, wendet Köhler ein. An dieser Stelle greift wieder das Prinzip von Ursache und Wirkung: Die Kinder "schimpfen" und erfahren darauf eine direkte Reaktion: Zum Beispiel Erstaunen und Lachen. Oder sie werden in ihre Schranken gewiesen und es wird zurückgeschimpft.

Dieser interaktive Ansatz ist auch in größeren Gruppen wie Klassenverbänden von Bedeutung: Mithilfe der schon einfachsten Geräte ist es Schülern zum Beispiel möglich, aktiv an Gruppenspielen oder Wettkämpfen teilzunehmen. Durch Drücken einer einzelnen Taste kann ein Schüler ohne Lautsprache trotzdem eine wichtige Rolle bei einem Wettlauf einnehmen. Denn alles wartet und hört auf sein Kommando: Auf die Plätze, fertig, los!

Nadine Lormis
REHACARE.de

 
 

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