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Reha-Training zu Hause: „Übungen können effektiver und unabhängig durchgeführt werden“
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Reha-Training zu Hause: „Übungen können effektiver und unabhängig durchgeführt werden“
Nach einer Reha müssen Patienten auch weiterhin Übungen machen, die ihnen helfen, wieder ganz fit zu werden. Das europäische Projekt PAMAP könnte ihnen in Zukunft dabei helfen – mithilfe von Sensoren, einem virtuellen Trainer und Daten, die der Arzt wieder abrufen kann.
01.10.2011
Didier Stricker; © DFKI
REHACARE.de sprach mit Professor Didier Stricker vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und Leiter des Projektes über erfreute Physiotherapeuten, motivierte Patienten und den Vorteil gegenüber einfachen interaktiven Sportspielen auf dem Computer.
REHACARE.de: Professor Stricker, an wen richtet sich das Assistenzsystem?
Professor Didier Stricker: PAMAP ist in zwei Richtungen ausgelegt: Zum einen kann es im Bereich der Reha eingesetzt werden. Zum anderen im Alltag, um die Fitness zu messen und zu steigern. Es ist besonders für die Zielgruppe Senioren entwickelt worden, um sie zu motivieren, aktiv zu bleiben und so fit wie möglich zu werden.
REHACARE.de: Wie kam es zu der Idee, PAMAP ins Leben zu rufen?
Stricker: Die Idee für PAMAP entstand, als ich 2007 auf einem Kongress einen Biomechaniker traf. Er erzählte mir davon, dass Patienten nach einer Rehabilitation Übungen fortführen müssen, dies aber allein zu Hause nicht optimal können. Ein Assistenzsystem könnte da helfen. Im Jahr 2008 haben wir PAMAP bei einer Ausschreibung des Programms AAL, was für Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben steht, angemeldet. 2009 konnten wir mit der Entwicklung von PAMAP starten, das noch bis Ende Mai 2012 läuft.

Die Figur auf dem Bildschirm ahmt echte
Bewegungen genau nach; © DFKI
REHACARE.de: Wozu ist das System gedacht?
Stricker: Das System soll Reha-Übungen auch zu Hause ermöglichen. In der Reha machen die Patienten gute Fortschritte, aber zu Hause nicht. Das Assistenzsystem misst mithilfe von kabellosen Sensoren am Körper, wie und wie viel sich eine Person bewegt. Im Bereich der Reha können so Übungen, die der Physiotherapeut empfiehlt, auch außerhalb der Klinik sozusagen unter Anleitung gemacht werden.
REHACARE.de: Wie läuft das Training zu Hause ab?
Stricker: Wenn beispielsweise Armübungen gemacht werden sollen, werden Sensoren an verschiedenen Stellen von Arm und Brust angebracht. Die Daten übertragen sich auf ein Programm, das sowohl auf einem Computer als auch einem Fernsehgerät angesehen werden kann – und zwar dreidimensional. Ein virtueller Trainer zeigt dem Patienten, was er tun soll. Eine Figur macht auf dem Bildschirm dieselben Bewegungen wie der Patient. Wenn Übungen falsch gemacht werden, sich beispielsweise der Arm zu viel oder zu wenig beugt, wird der Patient sofort gewarnt und Pfeile zeigen die richtige Bewegung an.
REHACARE.de: Was passiert mit den Daten?
Stricker: Alle Daten werden gespeichert. Die kann der Arzt oder Physiotherapeut abrufen und sehen, wie sich der Gesundheitszustand des Patienten entwickelt und ihm Ratschläge geben.
REHACARE.de: Fühlen sich Physiotherapeuten und Ärzte nicht ein wenig bedroht von einem Programm, das ihre Arbeit erledigt?
Alles unter Kontrolle - Übungen zu Hause sind mit PAMAP einfach zu verstehen und können nicht falsch durchgeführt werden; © DFKI
Stricker: Bisher haben gerade Physiotherapeuten, denen ich das Programm vorstellte, sehr positiv reagiert. Sie sind häufig überlastet und sehen PAMAP als Unterstützung. Außerdem gibt es immer weniger Pflegekräfte, was zukünftig nur mithilfe von Technologien aufgefangen werden kann. Aber ein Programm soll und kann die Arbeit eines Therapeuten nicht ersetzen, sondern nur unterstützen. Praktisch ist PAMAP auch, wenn ein Therapeut bei der Krankenkasse begründen muss, warum ein Patient noch weiterhin Reha braucht. Durch die Daten hat er etwas in der Hand, das die Entwicklung zeigt.
REHACARE.de: Welche Vorteile hat das für das Gesundheitssystem?
Stricker: PAMAP könnte Kosten sparen, weil Patienten beispielsweise nicht mehr täglich zur Reha fahren müssten, sondern vielleicht nur noch jeden zweiten Tag. Die Übungen können effektiver und unabhängig durchgeführt werden. Patienten schätzen ihre Bewegungen und die Häufigkeit oft ganz anders ein, als sie eigentlich sind. Ohne PAMAP müssen sie ihrem Arzt berichten oder in Fragebögen ausfüllen, was sie alles wie oft und wann getan haben. Das ist sehr subjektiv. Mit dem Assistenzsystem ist das sehr viel genauer.
REHACARE.de: Haben Senioren das System schon getestet?
Stricker: Vereinzelt ja – und es hat sie sehr motiviert. Im November startet außerdem eine Studie mit 30 Herzpatienten, die über 65 Jahre alt sind. Sie werden PAMAP drei bis vier Monate ausprobieren.
Ärzte und Physiotherapeuten erhalten exakte Daten von ihren Patienten und können so besser Ratschläge geben; © DFKI
REHACARE.de: So ein System ist sehr komplex. Wer hat alles dabei mitgewirkt?
Stricker: Biomechaniker aus Frankreich, Telekommunikations-Fachleute aus Griechenland, Sensorhersteller aus Deutschland und wir, die Informatiker vom DFKI. Die Biomechaniker berechnen, wie ein Bewegungsablauf perfekt ausgeführt wird, die Informatiker übersetzen das in Zahlen und vermitteln die Daten mithilfe der Sensoren zum Programm. Physiotherapeuten und Ärzte bestimmen, welche Übungen gemacht werden müssen.
REHACARE.de: Ab wann gibt es PAMAP auf dem Markt?
Stricker: Noch ist PAMAP ein Prototyp. Zurzeit laufen die Gespräche für die Vermarktung. Ich gehe davon aus, dass die Technologie in zwei Jahren so weit sein wird. Im Fitnessbereich wird es einfacher sein, es zu etablieren. Im Reha-Bereich wird es wohl schwieriger, denn um in die Kliniken zu kommen, muss PAMAP zunächst zertifiziert und von den Krankenkassen anerkannt werden.
REHACARE.de: Was ist der Unterschied zu anderen Sport-Programmen auf dem Computer?
Stricker: PAMAP ist dreidimensional und mit viel besseren Sensoren ausgestattet. Dadurch werden Bewegungen viel exakter gespeichert. Was wir aber in Kürze mit einer Studie in Zusammenarbeit mit dem Bereich Psychologie vom Max-Planck-Institut anstreben, ist es herauszufinden, wie man die Anwendungen spielerischer gestalten könnte – ob die Patienten eher eine Strichmännchen-Figur, eine animierte Figur oder sogar das eigene Bild anspricht.
REHACARE.de: Werden Sie PAMAP später auch einmal benutzen?
Stricker: Ich denke schon, denn ich finde es sehr spannend.
Natascha Mörs
REHACARE.de












