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Gewalt in der Pflege: „Sie beginnt beim bösen Wort und endet beim Ermorden“

Gewalt in der Pflege:

„Sie beginnt beim bösen Wort und endet beim Ermorden“

01.03.2012

Pflegebedürftige Senioren werden immer häufiger Opfer von gewaltsamen Übergriffen. Potentielle Täter sind pflegende Angehörige oder das Pflegepersonal. Was Betroffene tun sollten und wie solche Situationen vermieden werden können, wissen die Experten einer deutschlandweiten Notrufberatungsstelle in Bonn.

 
 
Foto: Rolf Hirsch

Rolf Hirsch; © privat

Rolf Hirsch ist Vorsitzender der Krisen- und Notrufberatungsstelle „Handeln statt Mißhandeln Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V.“. Zusammen mit zehn Ehrenamtlichen (Sozialarbeiter, Psychologen, Ärzte, Pflegepersonal) kümmert er sich täglich für zwei Stunden um das Notruftelefon der Beratungsstelle. REHACARE.de sprach mit ihm über Alarmsignale, zwischenmenschliche Spannungen und Hilfestellungen.

REHACARE.de: Offizielle Zahlen gibt es kaum, die Dunkelziffer ist groß: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden etwa vier Millionen ältere Menschen in Europa unter Misshandlungen. Herr Hirsch, wie viele Fälle von Gewalt in der Pflege werden bei Ihnen am Notruftelefon aufgenommen?

Rolf Hirsch: Wir führen pro Jahr etwa 300 bis 400 Telefonate mit Angehörigen, Betroffenen und Pflegekräften. In den letzten Jahren sind vor allem die Besuche auf der Website und die Anfragen per E-Mail stark angestiegen. Viele schätzen und nutzen es, dass man bei uns seinen Namen nicht zu nennen braucht und somit anonym bleiben kann. Eine häufige Klage lautet: „Endlich hört mir mal einer zu und versucht, mich zu verstehen“. Immerhin ist Gewalt ein heikles Thema.

REHACARE.de: Wo fängt Gewalt in der Pflege überhaupt an?

Hirsch: Im Prinzip kann man sagen: Gewalt beginnt beim bösen Wort und endet beim Ermorden. Wobei das böse Wort natürlich eine sehr subjektive Sache ist. Aber alle Äußerungen, die sehr beleidigend, diskriminierend und kränkend sind sowie das Schamgefühl angreifen, sind eine Form von Gewalt.

REHACARE.de: Bei Gewalt denken viele vor allem an körperliche Übergriffe. Welche Formen gibt es noch?

Hirsch: Auch psychische Gewalt ist sehr verbreitet. Pfleger oder pflegende Angehörige stellen dabei die Patienten bloß, drohen ihnen, gehen respektlos mit ihnen um oder manipulieren sie durch falsche oder unterlassene Informationen zum Beispiel. Aber auch finanzielle Ausbeutung und bewegungseinschränkende Maßnahmen sind häufig auftretende Formen von Gewalt in der Pflege.

 
 
Foto: Alter Mann am Telefon

Betroffene bekommen am Bonner Notruftelefon hilfreiche Tipps;
© Werner Nick/panthermedia.net

REHACARE.de: Was kann man als Betroffener tun?

Hirsch: Da eine Vielzahl der Betroffenen dement ist, sind hier vor allem die Angehörigen und Betreuer gefragt. Je nachdem, in welcher Einrichtung es zu Gewalthandlungen kam, sollten die Angehörigen sich an die Stationsleitung oder die Pflegedienstleitung wenden. Wer sich diesen Schritt nicht direkt zutraut, kann natürlich auch bei unserem Notruftelefon anrufen. Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter sprechen dann mit den Angehörigen, geben Tipps für die weitere Vorgehensweise, versuchen die Heim- und Pflegedienstleitung anzusprechen und vermitteln gerne auch direkt weitere Kontakte zu regionalen anderen Stellen.

REHACARE.de: Wieso kommt es überhaupt zu Gewalthandlungen?

Hirsch: Als Hauptursache nennt ein Großteil des Pflegepersonals die Überforderung am Arbeitsplatz. Wenn in einer Schicht nur zwei statt geplanter fünf Mitarbeiter die Patienten versorgen und in der Nachtschicht vielleicht sogar nur eine Pflegekraft arbeitet, ist es aber auch kein Wunder, dass das Personal schon allein durch den Zeitdruck überfordert ist. Hier sind die Personalverantwortlichen und auch die Politik in der Pflicht, etwas zu ändern. Denn Überforderung sollte von allen als Alarmsignal wahrgenommen werden.

REHACARE.de: Gibt es noch andere Ursachen für Gewalt in der Pflege?

Hirsch: Weitere Gründe sind persönliche oder familiäre Konfliktsituationen, psychische Krisen des Personals, zu starre Zeitvorgaben und mangelhafte Aus- und Fortbildung. Auch unsere Kultur begünstigt teilweise die Entstehung von Gewalt. Gewisse Formen der Gewalt werden weitgehend akzeptiert oder es wird zumindest nicht darüber gesprochen – aus Angst und Scham vor der Öffentlichkeit. Bei pflegenden Angehörigen spielen wiederum vor allem die Beziehungen untereinander eine entscheidende Rolle.

 
 
Foto: Alte und junge Frau blicken sich böse an

Alte Konflikte unter pflegenden Angehörigen fördern die Gewalt- bereitschaft;
© ginasanders/ panthermedia.net

REHACARE.de: Inwiefern?

Hirsch: Man stelle sich folgende Situation vor: Die Schwiegereltern waren nie wirklich zufrieden mit der Wahl ihres Sohnes und ließen die Schwiegertochter das auch spüren. Dadurch hat sich mit den Jahren ein sehr angespanntes Verhältnis auf beiden Seiten aufgebaut. Nun werden die Schwiegereltern aber pflegebedürftig, vielleicht durch Demenz, und die Schwiegertochter soll sich um die beiden zu Hause kümmern. Die Verpflichtung und die bestehenden Spannungen zwischen allen Beteiligten sind die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für eine gewaltfreie Pflegesituation.

REHACARE.de: Ob zu Hause oder im Pflegeheim – wie kann man solche Ausschreitungen vermeiden?

Hirsch: Indem man Fortbildungen für die Pflegekräfte und Ärzte anbietet. Gewaltprävention und Deeskalationsstrategien sollten an erster Stelle stehen. In größeren Institutionen wird das auch zunehmend genutzt, in kleineren Heimen leider weniger. Hier wird häufig mit dem Ausfall des Personals argumentiert. Den langfristigen Nutzen für alle verlieren die Verantwortlichen dabei aber schnell aus den Augen. Träger von Einrichtungen sind sich oft ihrer Verantwortung nicht bewusst, dass sie für die Ausgeglichenheit ihrer Mitarbeiter mit zuständig sind und aktiv tätig sein müssten. Nur über Personalmangel zu klagen, reicht nicht aus.

REHACARE.de: Wie sehen diese sogenannten Deeskalationstrainings aus?

Hirsch: Meistens dauern diese Trainings etwa eine Woche. Das Programm ist gut strukturiert. In Form von Rollenspielen beispielsweise versetzen sich alle Teilnehmer in unterschiedliche Positionen und gehen typische Situationen durch, in denen Gewalt entstehen kann. Aus der veränderten Perspektive lernt man, sich selbst zu hinterfragen und persönliche Auslöser zu erkennen. Im anschließenden Austausch darüber, eignet man sich Taktiken an, wie man präventiv vorgehen kann. Diese gilt es in die Praxis umzusetzen und kontinuierlich im Team zu besprechen.

REHACARE.de: Gibt es so etwas wie eine Patentlösung gegen Gewalt?

Hirsch: Sagen wir mal so: Oft reichen schon Kleinigkeiten aus, die geändert werden müssen – im Miteinander, in der Kommunikation oder in Bezug auf die Arbeitsbedingungen. Darüber sind viele immer sehr erstaunt. Aber im Prinzip ist es ganz einfach: Mehr Transparenz und mehr Offenheit zwischen allen Beteiligten wirken deeskalierend.

Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de

Link zur Beratungsstelle
Hier geht es zur Krisen- und Notrufberatungsstelle „Handeln statt Mißhandeln Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V.“:

www.hsm-bonn.de
 
 

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