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Weltenbummler im Rolli: „Männer mit Kalaschnikows haben mich festgenommen“
Weltenbummler im Rolli:
„Männer mit Kalaschnikows haben mich festgenommen“
01.05.2012
Ferne Länder, fremde Kulturen – das sind die Herausforderungen, denen Andreas Pröve sich immer wieder mit Begeisterung stellt. Sein Rollstuhl behindert seine Abenteuerlust nicht, ganz im Gegenteil: Gerade weil es ihm viele Menschen nicht zutrauen, wagt er das scheinbar Unmögliche.

Andreas Pröve hat keinerlei Berührungsängste; © N. Chhikara
REHACARE.de sprach mit dem Reisejournalisten und Buchautor über Hilfsbereitschaft, Ohrstöpsel und warum er für einen israelischen Spion gehalten wurde.
REHACARE.de: Indien, Vietnam, Jordanien, Persien – in all diesen Ländern waren Sie schon unterwegs. Herr Pröve, warum mussten es gerade diese Länder sein?
Andreas Pröve: Es ist für mich immer wieder eine Herausforderung. Vor allem Indien finde ich selbst nach meiner 14. Reise noch immer faszinierend. Dabei ist dieses Land eine schwere Nuss, vor allem wegen der schlechten sanitären Anlagen. Und dann die Umgebung: Vom Himalaya über die Wüste bis hin zum tropischen Regenwald gibt es dort alle möglichen unterschiedlichen Naturformen.
REHACARE.de: Also reizt Sie die Vielseitigkeit des Landes?
Pröve: Ja, Indien ist so, als würde man die Welt verlassen. Extrem exotisch. Es ist überhaupt nicht europäisch, ähnlich fremd wie China. Allerdings bin ich froh, dass überall Englisch gesprochen wird. Das vereinfacht die Kommunikation.
REHACARE.de: Die Gegenden, die Sie bereisen, sind wohl kaum barrierefrei. Wie kommt man da ganz allein mit einem Rolli voran?
Pröve: Das funktioniert nur mithilfe der Menschen vor Ort. Hilfsbereitschaft muss sein, wenn die Barrierefreiheit fehlt. Wenn es uneben oder steil wird, komme ich nicht mehr weiter, wenn niemand da ist. Da musste ich auch schon mehrfach umdrehen.
REHACARE.de: Aber das hat Sie nicht davon abgehalten, es wieder zu versuchen.
Pröve: Das stimmt. In Ländern wie Nepal ist es beispielsweise üblich, dass Menschen getragen werden. Da wird schnell mal jemand auf den Rücken genommen. Natürlich kostet das etwas – je nachdem wie viel Aufwand die Strecke für die Träger bedeutet. Immerhin müssen sie dann mich, mit meinen 80 Kilogramm, und den Rolli tragen, plus acht Kilogramm Gepäck sowie zehn Kilogramm Foto- und Filmausrüstung.

Im tibetischen Hochland war Andreas Pröve mit neun Trägern und fünf Pferden unterwegs; © Nagender Chhikara
REHACARE.de: Wer oder was fehlt Ihnen unterwegs am meisten?
Pröve: Ein richtig gutes Körnerbrot! Das bekommt man in Indien oder den anderen Ländern, in denen ich unterwegs bin, nämlich nirgendwo. Ansonsten bekommt man in den großen quirligen Städten, die ich aufsuche, an jeder Ecke etwas zu essen. Selbst auf dem Land kommt in der Regel nach spätestens 20 Kilometern ein kleiner Laden, in dem man zumindest Kekse kaufen kann.
REHACARE.de: Und was müssen Sie unbedingt dabei haben, wenn Sie unterwegs sind?
Pröve: Ohrstöpsel und ein dunkles Tuch. Die Ohrstöpsel sind ganz wichtig, da ich immer in sehr lauten Ländern unterwegs bin. Egal ob im Bus, im Zug, auf der Straße oder im Hotelzimmer – es ist immer laut. Gerade in den Hotels sind die Zimmerwände oft sehr dünn und ich brauche meinen Schlaf. Mit dem dunklen Tuch verbinde ich mir deshalb die Augen, damit es dunkel genug ist zum Schlafen. Viele der meist billigen Hotelzimmer, in denen ich übernachte, kann man nicht richtig abdunkeln oder es befindet sich eine Leuchtreklame direkt vorm Fenster.
REHACARE.de: Wie reagieren die Menschen vor Ort, wenn Sie mit Ihrem Rolli auftauchen?
Pröve: Ich wirke auf die Menschen scheinbar immer wie ein bunter Hund. Die Leute sind dann so neugierig und fasziniert von mir, dass sich richtige Menschentrauben um mich sammeln. Damit habe ich auf Chinas Straßen schon den einen oder anderen Stau verursacht. Oft musste sogar die Polizei kommen, um ihn aufzulösen. Und ich wurde des Platzes verwiesen.

Andreas Pröve liebt laute, quirlige Städte. Hier kommt er gerade in Kunming/China an; © Nagender Chhikara
REHACARE.de: Inwiefern stellen Sie Unterschiede fest, wie andere Kulturen mit Ihrer Behinderung umgehen?
Pröve: Je nach Land und Kultur ist Hilfsbereitschaft nicht selbstverständlich. An den Bürgersteig stellen und traurig gucken reicht da nicht. In Indien gelten Menschen mit Behinderungen als vom Karma geschlagen. Sie werden oft verstoßen und leben als Bettler. In Ländern mit buddhistischem Glauben gelten Füße außerdem als unrein. Da wird es dann schon schwierig, jemanden im Rollstuhl zu heben. Denn die Füße würden sie nicht anfassen.
REHACARE.de: Aber es gibt auch Länder, in denen die Menschen hilfsbereiter sind.
Pröve: Ja, im Iran beispielsweise muss man häufig gar nicht erst fragen. Da gibt es kaum Berührungsängste. Da wird man schnell mal geliftet, ob man will oder nicht. (lacht) Generell gelten behinderte Menschen in Ländern, die viele Kriege erlebt haben, oft als Helden und sind hoch angesehen.
REHACARE.de: Wie äußert sich das?
Pröve: Als ich im Iran unterwegs war, wurde ich oft gefragt, in welchem Krieg ich meine Behinderung erworben habe. Wenn ich dann von meinem Motorradunfall erzählt habe, waren die Zuhörer meist richtig enttäuscht, dass ich doch kein Kriegsheld bin.
REHACARE.de: Gab es für Sie schon gefährliche Situationen?
Pröve: Nachdem ich eine Bergkuppe im Iran erklommen hatte, bot sich mir der Blick über ein wunderschönes Tal. Das musste ich einfach fotografieren. Das kleine Gebäude in der Mitte des Tals störte mich dabei nicht weiter. Ich dachte, es wäre eine Fabrik. Tatsächlich war es allerdings das nukleare Forschungszentrum von Natanz. Plötzlich kam ein Militär-Jeep auf mich zu. Männer mit Kalaschnikows haben mich festgenommen. Sie dachten, ich wäre ein israelischer Spion. Natürlich wurde mir der Film aus der Kamera gezogen.

Der Mekong ist für seine braune Färbung bekannt; © N. Chhikara
REHACARE.de: Sicher eine einzigartige Situation?
Pröve: Naja, etwas Ähnliches ist mir vor sechs Jahren in Syrien passiert. Eigentlich wollte ich mich nur in der Wüste schlafen legen, ein Zelt hatte ich nicht dabei. Und prompt kamen wieder Soldaten, die wild gestikulierend schimpften. Ich befand mich auf militärischem Gelände und wurde direkt abgeführt. Es dauerte eine Weile, bis ich erklärt hatte, warum ich eine Filmkamera und mehrere Fotokameras dabei hatte. Die Soldaten hielten es für eine Spionageausrüstung. Man kann also schnell etwas falsch machen und sollte deshalb gut aufpassen.
REHACARE.de: Wie organisieren Sie diese aufwendigen Reisen eigentlich?
Pröve: Ich recherchiere im Vorfeld viel im Internet. Dank Google Earth kann ich mir inzwischen vorher genau die Gegend und die geografische Beschaffenheit meines Reiseziels ansehen. Bei der Mekong-Quelle fand ich so heraus, dass es sich um eine Hochmoorebene handelte und ich nicht mit steilen Abhängen rechnen musste. Früher bin ich viel mehr auf Risiko gegangen und gescheitert. Es ist ganz wichtig, sich über die Kultur, Religion und auch die politische Situation zu informieren.
REHACARE.de: Haben Sie Tipps für andere Abenteuerlustige?
Pröve: Die wichtigsten Fragen vorab sind: Was brauche ich unterwegs an Hilfsmitteln? Kann ich diese vor Ort kaufen? Wie viel Gepäck benötige ich und wie viel kann ich wirklich transportieren? Letzten Endes hängt die Qualität einer Reise davon ab, wie viel Geld man investieren kann und will. Gegebenenfalls ist man dann dazu gezwungen, Abstriche in Sachen Hygiene und Komfort zu machen. Aber es geht viel, wenn man nur will. Es ist nicht immer alles so negativ, wie es in den Medien oft berichtet wird.
REHACARE.de: Sie haben schon so viel von der Welt gesehen. Gibt es noch irgendein Land, in das Sie noch reisen wollen?
Pröve: Ich liebe das Quirlige, die Menschen, die bunten Märkte, die verschiedenen Gerüche. Da zieht es mich hin. Afrika wäre noch reizvoll. Aber ich bin noch nicht einmal komplett mit Asien durch. Ich will noch nach Tibet, in den Himalaya. Auch wenn viele meinen, Rolli und Berge – das passt doch gar nicht. Geht nicht, gibt es für mich nicht. Ich möchte noch abwegiger reisen, weg von den Straßen. Dadurch werden sich mir neue Welten öffnen. Ich will meinen Horizont erweitern und Grenzen überschreiten.
Dieses Interview führte Nadine Lormis.
REHACARE.de
Fotostrecke

Weltenbummler im Rolli: Andreas Pröve
Andreas Pröve kennt keine Hürden! Für ihn kann es gar nicht uneben und steil genug sein. Was er allein auf seiner letzten Tour entlang des Mekongs erlebte, erzählt er in unserer Fotostrecke.
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