Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: REHACARE-Portal. Aktuelles. Specials.

Sehen können, ohne Sehen zu können: „Jeder Sehbehinderte braucht individuell angepasste Hilfsmittel“

Sehen können, ohne Sehen zu können:

„Jeder Sehbehinderte braucht individuell angepasste Hilfsmittel“

02.07.2012

Wer nach einem Unfall oder altersbedingt nur über ein eingeschränktes Augenlicht verfügt, braucht verschiedene Hilfsmittel, um ein weitgehend normales Leben führen zu können. Welche genau gebraucht werden, ist abhängig von der individuellen Sehfähigkeit und muss an die persönlichen Bedürfnisse angepasst werden.

 
 
Foto: Zwei Frauen lächeln

Catrin Hastreiter und Claudia Weigelt; © SFZ Förderzentrum

REHACARE.de sprach mit Catrin Hastreiter, der Leiterin vom Fachdienst, und der Orthoptistin Claudia Weigelt vom SFZ Förderzentrum in Chemnitz, in dem neben zahlreichen Berufsausbildungen auch umfassende Hilfsmittel-Beratungen für Blinde und Sehbehinderte angeboten werden.

REHACARE.de: Was können Patienten mit individuell angepassten Hilfsmitteln erreichen? Kennen Sie ein besonderes Beispiel dafür?

Claudia Weigelt: Eines Tages kam ein 81jähriger Mann zu uns, der an altersbedingter Makuladegeneration, kurz AMD, erkrankt war und für den die Ärzte keine Chance mehr sahen, etwas zu sehen. Am linken Auge war er blind, auf dem rechten hatte er nur noch zehn Prozent Sehfähigkeit. Er wollte aber seine Selbstständigkeit nicht ganz verlieren und zumindest seine Post lesen können.

Durch eine Sehfunktionsuntersuchung haben wir zunächst die Netzhautareale ausgemacht, die für flüssigeres Lesen genutzt werden können. Darauf folgte ein spezielles exzentrisches Sehtraining, bei dem die Lesefähigkeiten des Mannes trainiert wurden. Nach dem Training haben wir ihm ein Hyperokular angepasst, mit dem er dann sogar kleine Texte lesen konnte. Außerdem bekam er ein Monokular und eine Fernbrille mit Kantenfilter, die die ins Auge eingehende Lichtmenge reduziert. Er war sehr glücklich über die Hilfsmittel und für uns war es ein großer Erfolg.

REHACARE.de: Welche Hilfsmittel für sehbehinderte Menschen gibt es, die individuell angefertigt oder angepasst werden müssen?

Catrin Hastreiter: Da es sehr viele unterschiedliche Augenerkrankungen gibt, werden auch zahlreiche verschiedene Hilfsmittel benötigt. Es gibt optische, nicht optische und elektronische Hilfsmittel, wie zum Beispiel Eingießhilfen, Lupen oder Computersprachsysteme. Durch Beratungsgespräche und Untersuchungen der Sehfunktion und des Arbeitsplatzes bestimmen wir die individuellen Bedürfnisse einer sehbehinderten Person und passen dementsprechend ihre Hilfsmittel an.

 
 
Foto: Frau bei einem exzetrischen Sehtraining

In einem exzentrischen Sehtraining wird die Lesefähigkeit des Sehbehinderten trainiert; © SFZ Förderzentrum

Weigelt: Individuelle Anpassung ist besonders bei elektronischen Hilfsmitteln wichtig. Es gibt Bildschirmlesegeräte, die mit einer Kamera ausgestattet sind und Textinhalte bis zu 30 Mal vergrößern oder Farben vereinfachen, sodass auch Menschen mit nur sehr geringer Sehfähigkeit lesen können. Ein anderes interessantes Gerät ist die Braille-Zeile – eine Punktschriftzeile, mit der Blinde einen digitalen Text per Finger ertasten können.

REHACARE.de: Wie geht der Trend der Entwicklung auf den wachsenden Bedarf ein?

Weigelt: Wir können beobachten, dass bei elektronischen Geräten, wie Computern, Smartphones oder Tabletts, immer mehr Rücksicht auf Menschen mit Sehbehinderungen genommen wird. Auch in den Gesetzen werden sie beachtet – Firmen müssen beispielsweise für barrierefreie Internetseiten sorgen. Außerdem haben elektronische Lupen immer bessere Qualität und die Hilfsmittel sind kleiner, handlicher und teilweise auch mobil.

Hastreiter: Sowohl beruflich als auch privat werden immer mehr Hilfsmittel gebraucht. Die Menschen möchten ihre Selbstständigkeit bewahren und dadurch die gewohnte Lebensqualität erhalten.

REHACARE.de: Wen beraten Sie im Förderzentrum?

Hastreiter: Da wir auch Berufsausbildungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen anbieten, nehmen alle unsere Azubis unsere Dienste in Anspruch. Viele Menschen werden von ihren Ärzten oder Augenkliniken nach einer abgeschlossenen Behandlung zu uns geschickt. Einige von ihnen leiden an AMD. Vor allem ist im Förderzentrum wichtig, dass Rehabilitation und Beruf besser verknüpft werden.

 
 
Foto: Arbeitsplatz mit Braille-Zeile

Im Büro hilft oft eine Braille-Zeile;
© SFZ Förderzentrum

REHACARE.de: Wer kommt für die Kosten auf?

Hastreiter: Für die Hilfsmittel zahlen in der Regel die Krankenkassen. Menschen, die bei uns eine Ausbildung machen oder von der Agentur für Arbeit zu uns geschickt werden, können unsere Leistungen – umfassende Beratung und Hilfsmittelanschaffung – kostenlos in Anspruch nehmen.

Es gibt jedoch auch Menschen, die privat zu uns kommen und nach neuen Möglichkeiten für unterschiedliche Hilfsmittel suchen. Sie müssen selbst die Kosten übernehmen.

REHACARE.de: In den Vereinigten Staaten von Amerika wird zurzeit eine Laserbrille entwickelt, die Blinden das Sehen ermöglichen könnte. Was halten Sie von solchen Forschungsvisionen?

Weigelt: Forschung macht den Menschen Mut, deswegen ist es natürlich gut, dass weltweit nach neuen Möglichkeiten gesucht wird. Allerdings denke ich, dass noch lange Jahre Forschungsarbeit benötigt werden, bis man blinden Menschen das Sehen wirklich ermöglichen kann.

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
REHACARE.de

Weitere Informationen:
Mehr über das SFZ Förderzentrum gibt es unter:

www.sfz-chemnitz.de
 
 

Mehr Informationen

REHACARE-Newsletter

Grafik eines Briefumschlags mit Schriftzug Jetzt abonieren!

YouTube Channel

 
© Messe Düsseldorfgedruckt von www.REHACARE.de