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Senioren: Die fragen, die es angeht

Senioren: Die fragen, die es angeht

02.07.2012

Zu kleine Tasten, zu kleine Schrift: Das Design der neuen Kaffeemaschine oder des Mobiltelefons ist nicht immer gut durchdacht. Die Entwicklung vieler Produkte geht oft an den Nutzern vorbei. Vor allem Senioren können ein Lied davon singen. Die Senior Research Group aus Berlin will das nun ändern.

 
 
Foto: Drei Senioren an einem Tisch

Die SRG gehört zum Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) an der TU Berlin; © AWB/TU Berlin

Einmal im Monat rauchen die Köpfe. Dann treffen sich die etwa fünfzehn Mitglieder der Senior Research Group (SRG), um sich miteinander über laufende Forschungsprojekte auszutauschen, Produkte zu testen und Termine zu koordinieren. „Es ist gar nicht so einfach, einen Haufen Senioren zur gleichen Zeit an einen Tisch zu bekommen“, weiß Heinrich Suhr. Der 79-Jährige gehört zu den alten Hasen unter den forschenden Senioren. Die jüngsten Kollegen sind Anfang 60.

Die Technik als „Freundin des Alters“ zu verstehen war die Grundidee des Forschungsprojektes SENTHA (seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag), als es 1997 an den Start ging. Von Anfang an beteiligte sich die Zielgruppe in Form eines Seniorenbeirats an der Forschungsarbeit der Technischen Universität (TU) Berlin. Aus dem Beirat entstand 2001 die Senior Research Group und aus Probanden wurden gefragte Ratgeber. „Statt ausschließlich ein paar Produkte zu testen, sind wir nun am kompletten Entwicklungsprozess beteiligt“, betont Suhr.

Experten in eigener Sache

Doch wie genau sieht die Arbeit der Senioren denn nun aus? Ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit ist der Besuch von Lehrveranstaltungen. Damit die Generationen besser voneinander lernen können, beteiligt sich die SRG regelmäßig am Lehrprogramm der TU Berlin. „Erst vor Kurzem haben wir mit Studenten zusammengearbeitet, die sich mit Orientierungshilfen für Senioren in den öffentlichen Verkehrsmitteln beschäftigen“, sagt Heinrich Suhr. Zusammen mit den Studenten entschlüsselten die Senioren, ihre Probleme und Bedürfnisse, wenn sie mit Bus und Bahn in der Stadt unterwegs sind. Gut lesbare Fahrpläne und abgesenkte Bürgersteige waren nur einige der Forderungen der Senioren. Die einzelnen Ergebnisse flossen in die Arbeit der Studenten ein und wurden sogar in einem Flyer der örtlichen Verkehrsbetriebe veröffentlicht.

 
 
Foto: Drei Senioren diskutieren mit zwei Studenten

Die engagierten Senioren arbeiten oft mit Studenten zusammen und diskutieren gemeinsam die Bedürfnisse der älteren Generation; © AWB/TU Berlin

Den Hauptbestandteil der Arbeit der SRG machen allerdings die Produkttests und Forschungsaufträge aus. Es kommt inzwischen immer häufiger vor, dass die Mitglieder um Heinrich Suhr Anfragen der Industrie bekommen, sich an einer konkreten Produktentwicklung zu beteiligen. Nach einem vorbereitenden Treffen beschreiben die Senioren dann anhand von Fragebögen, welche Anforderungen sie an das jeweilige Produkt stellen. Diese fließen anschließend in die konkrete Produktentwicklung ein. Doch das ist erst der Anfang: Von der Entwicklung an bis zum Endprodukt testen die Senioren das Produkt immer wieder in den unterschiedlichen Phasen. „Zurzeit sind wir beispielsweise mit der Forschung für eine Fußgängernavigationssoftware beschäftigt“, erzählt Suhr.

Nutzerfreundlichkeit ist Trumpf

Ein besonderes Problem, auf das Suhr und seine Kollegen immer wieder stoßen, ist der Abgleich mit den Entwicklern: „Das sind meist richtige Technikfreaks und die haben oft leider falsche oder sogar gar keine Vorstellungen davon, wie man das Produkt wirklich nutzerfreundlich gestaltet“, stellt Suhr mit Bedauern fest.

Dabei orientieren sich die Senioren an eigentlich ganz simplen Kriterien: Ihnen ist es wichtig, dass sie Gebrauchsanweisungen gut lesen können. Dafür sollten nicht nur vor allem deutsche Begriffe in einfachen Sätzen benutzt, sondern auch eine angemessene Schriftart und Schriftgröße verwendet werden. Außerdem achten die Senioren darauf, ob das Gerät gut bedienbar ist. „Sind die einzelnen Bedienelemente selbsterklärend, ist ein Produkt für uns perfekt“, erläutert Suhr. Aber auch eventuelle Risiken durch Fehlbedienung und weitere Sicherheitsaspekte sowie ein stimmiges Preis-Leistungs-Verhältnis stehen auf der Checkliste der Senioren.

 
 
Foto: Senioren vor einem Automaten

Technik soll den Senioren helfen statt sie zu behindern; © ZTG/TU Berlin

Bis diese mit allen Punkten gründlich abgearbeitet ist, vergeht einige Zeit: Von der Idee über die Entwicklung bis hin zum fertigen Produkt vergeht in der Regel etwa ein Jahr. „Das ist gerade für uns Senioren eine ziemlich lange Zeit“, sagt Suhr. „Aber wir alle engagieren uns sehr gerne, solange es natürlich unsere Gesundheit zulässt.“

Dem Nachwuchs Einblicke vermitteln

Die Anfragen für Produkttests und Forschung werden nicht immer nur vonseiten der Industrie an die Rentner herangetragen. Viele Aufträge ziehen die engagierten Senioren selbst an Land. Sie ergeben sich oft durch private Kontakte oder Begegnungen auf diversen Messen, die sich mit den Bedürfnissen der älteren Generation befassen. Heinrich Suhr findet das toll. „Mir ist gesellschaftliches Engagement sehr wichtig. Und ich habe die Zeit, die Unabhängigkeit sowie die nötige Motivation, mich vor allem mit Themen wie Mobilität, Verkehrsplanung und barrierefreiem Wohnen zu beschäftigen“, schwärmt der 79-Jährige.

Auf die Frage, was Heinrich Suhr sich für die Zukunft wünscht, weiß der rüstige Rentner prompt eine Antwort: „Mein großer Traum wäre eine Erfinderwerkstatt an der TU Berlin, in der sich alle Generationen gemeinsam beteiligen.“ Ihm schwebe dabei die generationenübergreifende Reparaturwerkstatt des amerikanischen Massachusetts Institute of Technology als Vorbild vor Augen. Die jüngere Generation könnte auf diese Weise mehr Verständnis für die Bedürfnisse der Senioren entwickeln. Für den Nachwuchs der Produkt- und Prozessgestaltung wäre das ein kostbarer Zugewinn. Heinrich Suhr gibt ihnen mit auf den Weg: „Viele sehen uns Senioren nur als Käufer. Vergessen Sie dabei aber nicht, dass wir auch Nutzer sind.“

Nadine Lormis
REHACARE.de

 
 

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