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Behinderte Eltern weitgehend unsichtbar







Kassel (kobinet) Nach Ansicht von Dr. Gisela Hermes sind behinderte Eltern in unserer Gesellschaft noch weitgehend unsichtbar. Dies veranlasste sie, sich mit diesem Bereich intensiver zu befassen. Vor kurzem veröffentlichte sie ein Buch zu diesem Thema. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit ihr über die Probleme und Möglichkeiten behinderter Eltern und natürlich auch über ihr neues Buch.



kobinet-nachrichten: Ihr neues Buch «Behinderung und Elternschaft leben - kein Widerspruch» ist soeben erschienen. Was hat Sie an diesem Thema interessiert?



Dr. Gisela Hermes: Da ich selbst Mutter bin und seit meinem ersten Lebensjahr mit einer Körperbehinderung lebe, begleitet mich das Thema Elternschaft mit Behinderung seit geraumer Zeit. Behinderte Eltern, so stellte ich im Laufe der Jahre auch durch meine politischen Aktivitäten fest, sind noch immer in der Gesellschaft weitgehend «unsichtbar» obwohl sich immer mehr behinderte Menschen (die ausserhalb einer Sondereinrichtung leben) für eine Elternschaft entscheiden.



Familien mit behinderten Elternteilen stoßen auf eine große Bandbreite an Alltagproblemen, da sie in mehrfacher Weise von gesellschaftlichen Defiziten betroffen sind. Zum einen werden sie als behinderte Menschen in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt, zum anderen treffen sie auf die gleichen mangelhaften gesellschaftlichen Strukturen (zum Beispiel fehlende Kinderbetreuung) wie andere Familien.



kobinet-nachrichten: Worauf gehen Sie in Ihrem Buch genau ein?



Dr. Gisela Hermes: Mit dem Buch wollte ich eine Forschungslücke füllen und behinderte Menschen sichtbar machen, indem ich ihre ganz spezifischen Probleme, die sozialen und infrastrukturellen Bedarfe systematisch erforsche. Besonders interessiert haben mich die Fragen, welchen Unterstützungsbedarf behinderte Eltern haben, welche Lösungstrategien sie für ihren Alltag entwickeln und welche Unterstützungsangebote ihnen zur Verfügung stehen. Um hierüber Näheres zu erfahren habe ich Eltern mit sehr unterschiedlichen Behinderungen (blinde, gehörlose und körperbehinderte Eltern) interviewt. Zusätzlich führte ich eine bundesweite Fragebogenerhebung zum Hilfsmittel- und Assistenzbedarf bei behinderten Müttern durch.



kobinet-nachrichten: Zu welchen Ergebnissen kommen Sie in Ihrer Studie?



Dr. Gisela Hermes: In der Zusammenschau der Interviews und der Fragebogenuntersuchung wird deutlich: Die befragten körperbehinderten, blinden und gehörlosen Eltern unterscheiden sich zwar stark durch die Art ihrer Behinderung und in ihrer jeweiligen Lebenssituation, eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie alle werden aufgrund von Zugangsbarrieren und fehlender Unterstützung aus vielen gesellschaftlichen Bereichen ausgegrenzt und somit in ihrem Eltern-Sein behindert. Oft stehen sie unter einem enormen Perfektionsdruck, weil ihre Elternfähigkeiten von der nichtbehinderten Umwelt stark angezweifelt werden. Sie wollen häufig das Gegenteil beweisen und überfordern sich permanent selbst. Aus Angst vor ungewollter Einmischung durch Behörden verzichten viele darauf, Anträge auf notwendige Hilfsmittel und Assistenz zu stellen.



Auf der anderen Seite mangelt es an gesetzlich anerkannten Hilfen, wie beispielsweise der Assistenz bei Elternaufgaben oder der Finanzierung von Gebärdensprachdolmetschern für aktive Elternarbeit in Kindergarten und Schule. Die befragten Eltern entwickeln eine beeindruckende Kreativität bei der Entwicklung von Alltagslösungen, jedoch können dadurch nicht alle auftretenden Schwierigkeiten gelöst werden.



Es zeigt sich, dass Elternschaft vor allem dann selbstbewusst, kompetent und zufriedenstellend gestaltet werden kann, wenn den Betroffenen adäquate Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Hier ist noch viel zu tun und das Buch zeigt konkrete Veränderungsbedarfe und Lösungsmöglichkeiten auf.



kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Gespräch.



(Das Interview führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul)



Informationen zum Buch:

Gisela Hermes: Behinderung und Elternschaft leben - kein Widerspruch: Eine Studie zum Unterstützungsbedarf körper- und sinnesbehinderter Eltern in Deutschland

ISBN 3-930830-46-9 vom AG SPAK Verlag, 18 Euro

Nähere Informationen und Online Bestellung unter: www.leibi.de/behinderte-eltern.
 






 
 
 

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