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Quartz, der Fernsehführhund







Porto Alegre, Brasilien (kobinet) Heute erreichte uns ein Bericht von Mirien Plarre, die derzeit als blinde Studentin in Porto Alegre ein Auslandsstudium absolviert und eine Menge neue Eindrücke über Land, Leute und den Umgang mit Behinderung sammelt. Dieses Mal berichtet sie über einen Blindenhund in einer der beliebtesten Abendserien im brasilianischen Fernsehen. omp



Quartz, der Fernsehführhund



Von Mirien Plarre



Für brasilianische Fernsehzuschauer ist die allabendliche Telenovela, in etwa vergleichbar mit unseren Vorabendserien, ein Muss. In der neuesten 20-Uhr-Novela, die der Mentalität entsprechend um punkt 21 Uhr beginnt, spielt der in jeder Hinsicht helle Labrador Quartz eine wichtige Rolle: Er führt sein erblindetes Herrchen und zeigt der breiten Bevölkerung, dass es Blindenführhunde gibt, wie sie arbeiten, und dass sie das Recht haben, im Bus mit zu fahren und im Theater dabei zu sein.



Marcos Frota, der Darsteller des blinden Jatob, hat monatelang trainiert, mit einem Führhund zu laufen und sich wie ein blinder Mensch zu bewegen. Ein Mitglied des Filmteams ist über eine Mailingliste in ständigem Kontakt mit portugiesischsprachigen Führhundhaltern, um deren Anregungen aufzugreifen, Situationen aus ihrem Alltag mit zu bekommen und in der Novela zu verarbeiten. So wurden denn auch gleich in den ersten Wochen spektakuläre Szenen gedreht, in denen Busfahrer trotz Erklärungen und Vorzeigen des Gesetzestextes einfach davon fuhren, oder ein angesehenes Theater dem Gespann den Zutritt erst gewährte, nachdem Jatob seine Anwältin hinzuzog.



Aber die AutorInnen der Serie gingen sogar noch weiter, indem sie eine zweite blinde Figur schufen, ein zehnjähriges geburtsblindes Mädchen namens Flor, das keine Schule besucht, nur im Haus lebt und selbst dort keinen Schritt ohne die Mutter gehen darf, da sie sich ja verletzen könnte. Durch diese beiden gegensätzlichen Figuren wurde eine hervorragende Grundlage geschaffen, Möglichkeiten und Schranken, Vorurteile und Überbehütung anzusprechen, aber auch durch den Mund von Jatob zu erklären, wie blinde Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, wie sie ihren Haushalt führen oder ihrer Arbeit nachgehen.



Flors ängstliche Mutter, die ihr Töchterchen davor schützen will, vom Baden im Meer oder einem selbstgebackenen Kuchen zu träumen, da diese Dinge für sie nun einmal unerreichbar seien, kommt ebenso zu Wort wie Jatobs Nachbarn, die es für einen Scherz halten, dass dieser Mann, der ganz allein mit seinem Hund neu eingezogen ist, blind sein soll. Szenen, in denen Kellner Jatobs Begleitperson fragten, was «er» denn trinken wolle, oder ein Bewerbungsgespräch, bei dem deutlich wurde, dass der qualifizierte Bewerber aufgrund seiner Behinderung mit fadenscheinigen Argumenten abgelehnt wurde, waren ebenfalls schon zu sehen.



Wenngleich die Geschichte von Flor und Jatob, die einander inzwischen durch einen wundersamen Zufall begegnet sind, nicht das zentrale Thema der Serie ist, hat ihr allabendliches Auftreten bereits positive Wirkung gezeigt. Schon jetzt bemerke ich, wenn ich mit meinem Führhund Jack durch die Innenstadt von Porto Alegre laufe, dass viel mehr Menschen wissen, was sie da vor sich haben und entweder interessiert fragen, staunend ihre Begeisterung äußern oder zumindest klaglos den Hund in den Laden eintreten lassen.



In einem Land von der Größe und Vielfalt Brasiliens ist es schwierig, genaue Angaben zu machen, aber ob es nun 20 oder 40 Führhunde sind, fest steht, dass in Brasiliens Straßen noch sehr wenige Führhunde herumlaufen. Derzeit gibt es in der Hauptstadt Brasília ein Projekt zur Ausbildung von Führhunden, ansonsten haben die meisten ihre Hunde von der Stiftung Guidedog for the Blind in New York bekommen. Seit dem 02. Dezember 2004 gibt es ein bundesweites Gesetz, das Führhunden das Zutrittsrecht zu allen öffentlichen Einrichtungen garantiert.



Das zehnjährige behinderte Kind, das keine Schule besucht, ist durchaus keine Übertreibung des Fernsehens. Behinderte Menschen mit einer abgeschlossenen Schullaufbahn oder gar einem Hochschulabschluss sind eine Seltenheit. Besonders im Landesinneren fehlt es den Familien an Geld, Zeit und eigener Bildung, um behinderte Kinder zu fördern.
 






 
 
 

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