Aktivist*innen für Inklusion: selbstbestimmt, persönlich, vielfältig

01.03.2018

Foto: Zwei Rollstuhlfahrerinnen während einer Demonstration. Eine hält ein Schild mit der Aufschrift: Teilhabe braucht keine Fähigkeiten; Copyright: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

"Teilhabe braucht keine Fähigkeiten" - mit diesen und zahlreichen anderen Schildern und Botschaften wurde beispielsweise beim Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung 2016 in Berlin protestiert.

Was macht Aktivist*innen aus?

Mit gutem Vorbild voran

Foto: Laura Gehlhaar; Copyright: Schall&Schnabel
Laura Gehlhaar:
Ich möchte über Themen sprechen, die zu wenig Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit finden. Die Vielfalt dieser Gesellschaft soll beständig und in ihrer Stärke gesehen und gehört werden. Ich möchte verschiedene Lebensrealitäten sichtbar machen. Dazu gehört es auch auf Diskriminierung aufmerksam zu machen. Themen wie Behinderung und Feminismus liegen mir dabei besonders am Herzen. Besonders in einem Blog schreibe ich darüber. Ich kann mich aber auch auf Twitter nicht zurückhalten.
Aktivistin zu sein bedeutet: Für ein Thema zu stehen und dieses Thema mit politischem Hintergrundwissen, Persönlichkeit und Kampfgeist nach vorne zu bringen. Dabei sollte man den Blick über den eigenen Tellerrand nicht verlieren. Denn jedes Thema findet sich am Ende in einem großen Geflecht von anderen Diskursen wider und da ist es wichtig, in ständigem Austausch zu stehen.
Mehr über Laura Gehlhaar unter: www.lauragehlhaar.com
Foto: Michel Arriens; Copyright: Anna Spindelndreier
Michel Arriens:
Aktivist*innen sind für mich Menschen, die sich nicht nur eigennützig engagieren, sondern mit Petitionen, künstlerischen Projekten, einem Blog, Social Media Videos oder einem anderen Engagement nach einer Verbesserung der Lebensqualität von anderen Menschen streben. 
Mir persönlich ist der kontinuierliche Austausch mit verschiedenen Menschen, ihren Perspektiven und Hintergründen sehr wichtig. Wir müssen wieder mehr miteinander sprechen. Raus aus dem „So ist es“, rein ins „So könnte es besser für alle sein“-Gefühl kommen. Ich möchte Horizonte erweitern. Formen des Miteinanders neu denken. Lösungen finden, die das Menschsein, ob mit oder ohne Behinderung, lebenswerter machen. Dafür setze ich mich mit Workshops, Vorträgen, Diskussionen und meinen Social-Media-Kanälen ein. 
Da ich seit April 2017 als Campaigner und Social Media Manager für change.org – die größte Online-Kampagnenplattform der Welt – arbeite, gebe ich seitdem mein Wissen an andere Menschen weiter.
In diesem Jahr werde ich außerdem den für mich vollkommen unverständlichen Missstand angehen, dass privatwirtschaftliche Unternehmen wie Cafés, Restaurants, Bars, aber auch Kinos oder Einkaufszentren nicht zu Barrierefreiheit verpflichtet sind. Mein Alltag als Mensch mit Behinderung besteht nicht aus Behördengängen (die barrierefrei sein müssen), sondern aus dem Leben da draußen. Ich möchte mit Freund*innen ausgehen, ohne mir vorher darüber Gedanken machen zu müssen, wohin ich wegen möglicher Barrieren überhaupt gehen kann. Genau wie jeder nicht behinderte Mensch.
Mehr über Michel Arriens unter: www.michelarriens.de
Foto: Aleksander Knauerhase; Copyright: Sascha Erni
Aleksander Knauerhase
Aktivismus steht für Bewegung und Wechsel. Ein Aktivist setzt sich für die Rechte anderer Menschen ein. Im besten Fall ist er, wenn es um Behinderung und Krankheit geht, selbst "betroffen". Es wird noch viel zu viel über uns gesprochen, ohne uns zu einzubeziehen.
Ich arbeite vorwiegend in zwei großen Bereichen: Zum einen im aktiven Einsatz für die Menschenrechte von Menschen mit Behinderung. Ich setze mich dafür ein, dass man endlich gegen schädliche Therapien bei Autisten vorgeht. Einen großen Erfolg hatten wir Aktivisten Ende 2016, wo wir mit langem und stetigem Protest erreicht haben, dass die Aktion Mensch keine Therapien mehr fördert, die massiv in die Menschenrechte von autistischen Kindern eingreift.
Aber, gerade im Bereich Autismus, gibt es viel Arbeit gegen "Heilsverprechen", schädliche Therapien wie ABA (Applied Behavior Analysis) und teilweise sehr schädliche Mitteln wie MMS "Chlorbleiche", die Autismus heilen sollen. Hier gilt es für die Zukunft konkreten Schaden an Körper und Seele zu verhindern.
Zum anderen arbeite ich viel in der Aufklärung. Gerade unsichtbare Behinderungen wie Autismus sind für viele Menschen nicht greifbar. Hier muss man mit Informationen, Gesprächsangeboten und Seminaren ansetzen, um sowohl bei der Fachwelt wie auch bei Angehörigen etwas zu bewegen.
Ein Herzensthema ist für mich seit letztem Jahr die Arbeit mit Angehörigen, deren Kinder die Diagnose Autismus frisch bekommen haben. Hier brechen Welten zusammen und es ist wichtig, Perspektiven aufzuzeigen und mit Informationen, den Wunsch nach Heilung realistisch zu betrachten, um Scharlatanen möglichst keinen Boden zu bieten.
Mehr über Aleksander Knauerhase unter: www.quergedachtes.wordpress.com
Foto: Constantin Grosch spricht in ein Mikrofon während einer Protestaktion; Copyright: Jörg Farys | Gesellschaftsbilder.de
Constantin Grosch
Als Aktivist sollte man Themen, Problemlagen, aber auch Lösungsvorschläge, die mit einer eigenen Betroffenheit zu tun haben, in das öffentliche Rampenlicht stellen. Dabei ist ein Aktivist ein Hybride aus Protestant, Selbstbetroffenem und politischem Vertreter. Gerade bei uns Menschen mit Behinderung ist es wichtig darauf zu achten, wen oder was man vertritt. Auf der einen Seite kann ich gar nicht legitim und seriös über Themen sprechen, bei denen ich keine eigene Diskriminierungserfahrung habe. Auf der anderen Seite gibt es viele Sub-Gruppen und -Kulturen in der Behindertenbewegung, die einen solidarischen Protest und ein Ins-Rampenlicht-Stellen verdienen und auch nötig haben. Da braucht es Fingerspitzengefühl.

Es ist meine Aufgabe, kreativen Protest zu zeigen und ihn immer wieder mit konstruktiven Hinweisen in die Politik und Gesellschaft einzubringen. Dabei gilt es Unwissende aufzuklären, Wissende aufzurütteln und Entscheidungsträger zum Handeln zu zwingen.

Derzeit liegen mir vor allem drei Bereiche sehr am Herzen: Persönlich arbeite ich gerade in Berlin im Gemeinsamen Bundesausschuss an der Verbesserung der Versorgungssituation von Menschen mit Behinderung während eines Krankenhausaufenthaltes. Dort ist mein Aktivismus also in einem sehr klaren, staatlichen, Prozess geregelt. Als zweites Thema liegt, auch mit dem neuen Koalitionsvertrag, der alte Streit um Barrierefreiheit in der Privatwirtschaft neu an. Hier werden wir uns Aktionen und Proteste überlegen müssen, um das Thema nicht zu einem reinen Prüfauftrag der Regierung verkommen zu lassen. Als dauerhafte Aufgabe sehe ich zudem die Überwindung von institutionalisierter Behindertenhilfe an.
Mehr über Constantin Grosch unter: www.grosch.co
Foto: Ralph Raule; Copyright: Gabriel Soares
Ralph Raule:
Aktivisten haben einen gewissen visionären und auch strategisch nachhaltigen Blick, sind gute Teamplayer und können andere Menschen bewegen, sich aktiv zu beteiligen. Sie weisen die Gesellschaft immer wieder auf Missstände bei behinderten Menschen hin und sensibilisieren sie für andere Sichtweisen. Wichtig ist besonders, dass man viele Mitstreiter gewinnt und nicht alles auf einer Schulter lastet.
Mein Fokus liegt auf dem Zugang von Informationen in Gebärdensprache, weil das die Muttersprache gehörloser Menschen ist und es derzeit noch viel zu wenig Informationen darüber und auch darin gibt. Ich sehe die Gebärdensprache als ein Menschenrecht an und die UN-Behindertenrechtskonvention bekräftigt das auch. So lange nur wenige Informationen in Gebärdensprache vorliegen, werden Gehörlose in unserer Gesellschaft grundsätzlich Schwierigkeiten haben Fuß zu fassen und an ihr partizipieren zu können. Hier bin ich sehr aktiv als Vorsitzender vom Gehörlosenverband Hamburg wie auch als Unternehmer bei Gebärdenwerk und nun auch bei yomma. In beiden Bereichen entwickeln wir Lösungen für die Überwindung von Barrieren und die gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen.
Daneben bin ich auch Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft behinderter Menschen in Hamburg, der als Dachverband gilt und sich für die Belange aller behinderten Menschen in Hamburg stark macht. Hier ist auch sehr stark der Fokus auf die Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe. Derzeit bauen wir gerade ein neues Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit in Hamburg auf, um beispielsweise Behörden bei ihrem Weg zu mehr Barrierefreiheit zu unterstützen.
Mehr über Ralph Raule unter: www.twitter.com/weltenpendlr
Foto: Matthias Vernaldi; Copyright: privat
Matthias Vernaldi
Leider kann ich kein gutes Verhältnis zum Begriff des Aktivisten aufbauen und verspüre eher eine ziemliche Distanz. Ich habe mir diese Arbeit nicht ausgesucht, sondern sie ist aus existenziellen Druck heraus entstanden. Ich bin auf Assistenz angewiesen, brauche rund um die Uhr immer die Hilfe anderer Menschen. Ohne sie wäre ich längst tot. Persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderung wurde von uns Betroffenen selbst entwickelt. Sie ist auch drei Jahrzehnte nach ihren Anfängen immer noch gefährdet, weil die Sozialpolitik alles ihren Vorgaben und Nominierungen anpassen will. Und diese sehen Hilfebedürftige in der Hauptsache als Kostenfaktoren. Überdies ist klar – die einen leisten hier Hilfe, die Starken. Die anderen sind passive Empfänger, die keine Ansprüche zu stellen haben. Soziale Rechte, Menschenrechte, Bürgerrechte – das ist alles sekundär.
Ich darf seit einem Vierteljahrhundert persönliche Assistenz beanspruchen. Jede Gesetzesänderung im Bereich Pflege, Teilhabe, Behindertenhilfe, Sozialhilfe gefährdet den mühsam erarbeiteten Status Quo. Wir können ohne Assistenz keine Teilhabe verwirklichen. Es bleibt gar nichts anderes übrig, als sich direkt in die Politik einzumischen. Das tue ich seit Mitte der 90er.
Ein Thema, was mich ebenfalls aus eigener existenzieller Betroffenheit heraus beschäftigt, ist Sexualität und Behinderung. Das ist weniger langweilig, weil es hier vielmehr um Öffentlichkeitsarbeit und Themenorientierung geht, um Kommunikation, Kunst und Provokation. Ich berate behinderte Menschen, ihre Partner, Angehörigen und Mitarbeiter und halte Vorträge und Seminare. Zurzeit bereite ich zusammen mit anderen gerade eine Tagung vor: „Die Demokratisierung der Lust".
Mehr über Matthias Vernaldi unter: facebook.com/matthias.vernaldi
Foto: Rebecca Maskos auf einer Protestveranstaltung; Copyright: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Rebecca Maskos
Wenn Aktivistin sein ausschließlich heißt, Demos und Aktionen zu organisieren, dann bin ich wohl nur eine halbe Aktivistin. Demos und Paraden habe ich schon mitorganisiert, aber öfter noch finde ich mich als Unterstützerin, Texterin und Sprachrohr wieder. Wahrscheinlich aber bedeutet Aktivismus mehr als Demos: Als Aktivistin bringe ich neue Themen und Ideen ein, vernetze andere und schreibe.
Momentan versuche ich, gemeinsam mit anderen Expert*innen, die Disability Studies in Deutschland bekannter zu machen. Ein Forschungsansatz, der das soziale Modell der Behinderung entwickelt hat und durch den Input der Aktivist*innen getragen wird. Dabei helfen mir auch meine Erfahrungen aus den amerikanischen Disability Studies und der US-Behindertenbewegung, die ich bei einem Studienjahr „live“ kennenlernen durfte – viele ihrer Ideen finden sich auch in meiner Arbeit wieder.
Eins meiner Hauptthemen ist das in Deutschland noch nicht so bekannte Konzept des Ableism. Man könnte es mit Behindertenfeindlichkeit übersetzen, es meint aber noch etwas mehr: Ableism beleuchtet den Druck auf uns alle, autonom und leistungsfähig zu sein. Unter diesem Blickwinkel beschäftige ich mich auch gerne mal mit den Ideen der Inklusion, kritisiere ihre neoliberalen Auswüchse, und behalte Debatten der Bioethik im Auge: Entscheidungen am Lebensanfang und Lebensende unter ökonomischen Vorzeichen. Außerdem begleiten mich schon länger die Themen Darstellung behinderter Menschen in den Medien, Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderungen und die Kritik an Einrichtungen der Behindertenhilfe.
Mehr über Rebecca Maskos unter: www.rebecca-maskos.net

Aktivist*innen damals und heute

Foto: Raul Krauthausen und andere Demonstranten sprechen mit einem Polizisten bei der Ankett-Aktion vor dem Bundestag 2016; Copyright: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Protestaktionen haben eine lange Tradition in der Behindertenrechtsbewegung. Auf dem Foto ist eine Situation während der Ankett-Aktion vor dem Bundestag für ein gutes Teilhabegesetz zu sehen, die 2016 stattfand.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: privat

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